Inzidenz unter 10! Dafür hat meine Fantasie nicht ausgereicht. Bis das Traumszenario, im Juli 2021, tatsächlich eingetreten ist.

Als ich Ende Mai aus Athen zurück gekommen bin, waren die Inzidenzwerte in Deutschland gerade (endlich) im freien Fall, die Restaurants öffneten schrittweise (je nach Inzidenz im Landkreis) wieder. So richtig durch- und aufzuatmen, das traute sich zu diesem Zeitpunkt keiner. Sechs Wochen später fühlte es sich schon an, als ob Corona weg sei. Damit kommt mein Kopf nicht klar.

Ende Juni hat die WG eines Freundes eine DJ-Party auf der Dachterrasse veranstaltet. Als er mich ca. vier Wochen vorher dazu einlud und sagte, dass sie 60-80 Leute erwarten, wurde aus der Vorfreude Panik. Die Fünf-Haushalte-Regel muss man draußen nicht so eng sehen, fand ich. Aber. 80 Leute! Wann war ich das letzte Mal unter so vielen Leuten auf begrenztem Raum?

Am Ende musste ich mir nicht überlegen, ob ich die Party vertretbar finde, denn ich war in Italien. Und das war der dritte Auslandsaufenthalt des Jahres. Zeigt auch: das old normal kommt zurück.

Ganz ist das alte Niveau nicht erreicht, das liegt aber auch am Wetter. Regen hat mehr als einmal die Berg- oder Kletterpläne fürs Wochenende durchkreuzt. Balkonabende haben wir dann einfach spontan gemacht, das klappt nach wie vor ganz gut. Auch wenn der Kalender sich langsam wieder füllt.

Redet man noch über Corona? Ja, tatsächlich. Nach wie vor ist es das gesprächsbeherrschende Thema. Wenn auch anders, das Virus ist Teil der Normalität geworden. Und die aktuelle bringt neue Paradoxe mit sich. Zum Beispiel, dass man in der Firmenkantine nach wie vor nur zu zweit an einem großen Tisch sitzen darf (Sonder-Kantinen-Öffnungserlaubnis wegen des guten Hygienekonzepts – angeblich), während ich aber mit all meinen Freunden in einem Restaurant dicht gedrängt um einen Tisch sitzen darf.

Auch wenn ich es noch nicht soooo umfassend genutzt habe: es tut so gut, wieder in Gruppen unterwegs zu sein! Es wird mehr gelacht, die Gespräche sind andere, die Vielfalt auch.

Gerade beim Thema Impfen merke ich allerdings, wie wenig Vielfalt (und wieviel Bubble) mich umgibt. Meine Freunde und Kollegen sind den Impfterminen von Beginn an hinterhergejagt. Und sie waren (Baden-Württemberg hatte sich das nutzerunfreundlichste System überhaupt ausgedacht) schwer zu bekommen. Da wurde das Wissen („mein Frauenarzt hat heute noch drei Dosen Johnson & Johnson, hier ist Nummer“) per WhatsApp hin- und her gedealt. Spätestens als die Impfzentren dann Termine in Hülle und Fülle hatten, sind die Letzten gegangen. Heißt: die gefühlte Impfquote in meinem Freundeskreis beträgt nahezu 100% (eine war bisher zu faul, einer sieht es nicht ein, eine ist schwanger). Der tatsächliche deutsche Impfdurchschnitt juckelt bei ~60% herum. Lasst euch doch bitte auch noch impfen, danke.

Inmitten geimpfter Freunde profitiere ich von der 3G-Regel (getestet, geimpft, genesen – Inzidenz egal) natürlich besonders. Auch die Clubs sind wieder offen und dürfen 100% belegen. Dafür bräuchte es als Ungeimpfte(r) allerdings einen PCR-Test. Ich hoffe, diese Regelung treibt bei anderen die Impfbereitschaft nach oben…

Auf einer öffentlichen Dachterrassen-Elektroparty war ich im Juli (bei sommerlichen 17 Grad) aber und ooooooh, wie toll war es zu tanzen!

Im Supermarkt und in jeglicher Schlange habe ich weiterhin gerne viel Platz. Durch die Albanien-Schocktherapie komme ich mit Gruppen und Menschenansammlungen mittlerweile wieder halbwegs klar. Die größere Corona-Entspanntheit zeigt sich wohl in der Tatsache, dass ich im Moment häufig ohne Maske aus dem Haus gehe. SchlüsselGeldHandyMASKE – eigentlich ist das nicht schwer.

Allerdings frage ich mich weiterhin, wann wohl die nächste Variante kommt, gegen die die Impfung nicht schützt und die das ganze Bemühen beendet und/oder von vorne beginnen lässt.

By the way: Die bisher bekannten Varianten wurden jetzt umbenannt. Wir diskriminieren jetzt das griechische Alphabet und nicht mehr Länder: die indische Variante heißt jetzt Delta. Übrigens die, die die größte Aufmerksamkeit bekommt.

Seit 3G das Maß der Dinge ist, ist die (jetzt nicht mehr wichtige) Inzidenz allerdings wieder auf über 100 gestiegen. (Moment, wie war das mit unter 10?!) Findet diesmal niemand so schlimm. Es gibt mehr Geimpfte, die haben aber mildere Verläufe und deswegen kommen die Krankenhäuser gut klar. Jetzt, Mitte September, startet ein neues Kennzahlensystem und eine Teilgröße ist die Zahl der belegten Intensivbetten.

Gleichzeitig geht es auch wieder so richtig los mit Veranstaltungen. Im Juli hatte ich direkt die Gelegenheit, als Konzert-Moderatorin auf der Bühne zu stehen. Hat Spaß gemacht!

Die Rosenau, ein „Veranstaltungsrestaurant“ ums Eck, hat zum September den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Der könnte noch umfassender sein (die Künstler und das Publikum wollen), aber keiner will mehr in der Gastro arbeiten… Somit bremst die Personaldecke das endlich-wieder-Geldverdienen. Da frage ich mich aber schon, wo die ganzen Leute hin sind, also in welche anderen Jobs und Branchen? Kann mir das jemand erklären? Wo sind die Corona-Gewinner?

Besser spät als nie (veröffentlichen)! Stichpunkte und Absätze hatte ich zwischen Juli und September gesammelt und formuliert, aber erst im November zusammengefügt.

Dass Corona (hoffentlich!) eine once-in-a-lifetime-Erfahrung ist, lässt sich wohl nicht bestreiten. Und wir vergessen so schnell, wie es sich IN dieser Situation anfühlt, dass ich, v.a. aus Dokumentationsgründen für später, hier mein Corona-Tagebuch führe:

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