„Naja, und dann war halt irgendwann einfach klar, dass wir heiraten“, sagten mehrere Paare als ich, zu Gymnasialzeiten, in einer Projektwoche das Thema Hochzeit bearbeitet habe und wir Interviews geführt haben. Wir hatten gefragt, wie das damals war mit dem Heiratsantrag. Dass mir der Satz nach diesen viiiielen Jahren noch im Gedächtnis ist, sagt schon viel. Damals fand ich es sehr unromantisch, wollte das auf keinen Fall jemals von mir sagen müssen und hatte das vage Gefühl, dass das nicht so gut ist. Seit ein paar Wochen klatsche ich den Stempel „Sliding“ drauf.

Als ich das erste Mal* vom Konzept sliding versus deciding gehört habe, hatte ich nicht mitgeschnitten, dass es in der Forschung explizit auf Paare und Paarentscheidungen bezogen ist. Mir hat es fürs Leben insgesamt direkt eingeleuchtet.

Was ist sliding vs. deciding?

Sliding heißt in diesem Kontext gleiten oder schlittern. Egal, ob zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen – die nächsten Schritte als Paar „passieren“ einfach – man gleitet in den nächsten Schritt. Um Miete zu sparen, weil man nächstes Jahr noch nichts vorhat, weil der Freundeskreis es auch gerade tut, weil man ja schon x Jahre zusammen ist…

Deciding dagegen bezeichnet ein bewusstes Entscheiden. Wir als Paar (und auch ich für mich) setzen uns mit den Konsequenzen auseinander und treffen nach reiflicher Überlegung eine gemeinsame Entscheidung – fürs Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen. Oder eben dagegen. Und haben dann schon vorher einen Plan wie man z.B. mit der Kostenaufteilung bei ungleichen Gehältern oder der Hausarbeit umgeht und stellen nicht erst fest, dass es eine Regelung braucht, wenn das Problem schon da ist.

Wo ist der Unterschied?

In der Studie wurde untersucht, welchen Einfluss der Umgang mit Entscheidungen auf das Paar, ihren Umgang miteinander und auf die Beziehungsgesundheit haben. Ergebnis (das ich hier übermäßig vereinfache!):

  • Paare, die zu sliding neigen, sind tendenziell unzufriedener und gerne mal latent wütend auf den anderen
  • Paare, die aktiv entscheiden, stehen loyaler zueinander, hegen weniger Groll und betrügen sich weniger

Nachvollziehbar, denn wenn ich meine Bedenken und Wünsche äußern konnte, sie besprochen wurden und in die Entscheidung eingeflossen sind, dann identifiziere ich mich (mehr) mit ihr.
Also wieder einmal: gute Kommunikation ist (nicht nur) in der Beziehung wichtig.

Und was hat das jetzt mit der Lebensweggestaltung zu tun?

Mein Beispiel: Durch die schlechte konjunkturelle Lage liegt mein Arbeits-Projekt unerwartet auf Eis und ich bin aufgabenlos. Meinem Chef sind direkt zwei Jobs eingefallen, die ich ab morgen machen könnte, wenn ich wollte. Es wäre sehr bequem, mich dort hineinrutschen zu lassen – und ich könnte auch noch sagen, dass ich die Wahl hatte…

Nur: will ich das? Diese Aufgabe? In diesem Bereich? Wo bringt mich das hin? Denn hier ist die Analogie zur Beziehung:

Ich möchte mich auf keinen Fall in ein paar Jahren fragen: Wie bin ich denn in diese Situation / Schublade / Ecke geraten?

Und dann mit der Schulter zucken müssen.

Nicht jede Ecke ist eine Sackgasse. Womöglich gibt es vorher Abbiegemöglichkeiten? Vielleicht sogar welche, die mich an sonnigere, herausfordernde neue Orte führen? Es muss nicht schlecht sein, aber ich frage mich erstmal: 

  • Was lerne ich in der neuen Aufgabe?
  • Bringt mich das meinem Langfristziel näher? Was davon? Wodurch?
  • Welche Türen (Netzwerk, Inhalt, Lernen, Wohnort …) öffnen sich durch den Job?
  • Welche Türen schließen sich (oder von welchen entferne ich mich)?
  • Wie fühlt es sich an? Beängstigend? Vorfreudig? Jetzt schon langweilig? Eine Mischung aus allem?
  • Auf welchen Lebensbereich möchte ich in den kommenden 1-3 Jahren meinen Fokus legen? Job & Entwicklung oder Beziehungen / Hobbys / Nebenprojekte? Denn: Wie viel meiner mentalen Kapazität kann/soll in den Job fließen?
  • Wie profitiert oder leidet mein Privatleben?
  • Wie sind der Chef und das Team?
  • Wie ist mein Gestaltungsrahmen?

Klar, ich könnte mit Blick auf die Fragen sagen: „Es kommt doch immer anders als man denkt“ und außerdem ist der Job ja kein „lebenslänglich“. Warum sich so viele Sorgen machen? Wechsel ich halt wieder … Und in die ersten Vorschläge sliden.
Allerdings werden wir auch älter, es wird nicht einfacher und ich habe keine Lust meine Lebenszeit auf einen doofen Job zu verschwenden. Deshalb möchte ich mich aktiv entscheiden. Auch wenn das (auch) nervt und länger dauert. Schon allein, weil es krisenbedingt im Unternehmen und bei anderen keine/wenige spannende Projekte gibt.

Wenn mein Hirn keine Lust mehr hat über diese Fragen nachzudenken, lenkt es mich gerne mit philosophischen Seitenbetrachtungen ab. Zum Beispiel: Was ist es, wenn ich mich entscheide, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und einen der beiden (Sliding(?)-)Jobs zu machen? (Meine Antwort: Immer noch deciding. Der einfachste Weg KANN auch der (nach heutigem Wissenstand) beste sein.

Tatsächlich weiß ich den Ausgang meines Dilemmas noch nicht. 

Wie ist das in anderen Bereichen meines Lebens?

Nicht jeder Aspekt muss unbedingt entschieden werden – das würde uns ja kirre machen. Man kann sich durchaus mal fallen lassen – in fremdorganisierte Wochenenden und Events, z.B.

Auf der Ebene drüber sollte ich natürlich entscheiden (bzw. auf meinen Körper hören), welches Abenteuer-/Unterwegs- und Ruheverhältnis aktuell passt. 

Generell hilft Struktur. Wenn ich mich grundsätzlich entscheide, mich gesund zu ernähren, und keine Fertiggerichte einkaufe, dafür aber eine grüne Kiste bestelle, dann sind die Voraussetzungen (sofern ich zu Hause esse ;)) schon mal ganz gut.

Dieser Tage bin ich öfter an den 100 km Marsch erinnert worden. Da habe ich entschieden, es schaffen zu wollen – sonst wäre es auch nichts geworden. Das ist jetzt vielleicht bisschen extrem und außer der Reihe.

Kehren wir nach dieser Überlegungsrunde lieber noch mal zum Eingangsbeispiel zurück. Wenn ich jetzt drauf schaue, gibt es auch andere Interpretationsmöglichkeiten.
Vielleicht ist der unerwartete und romantische Heiratsantrag das größere Problem (wie immer: kann, nicht muss). Wenn es eine emotionale, aus dem Bauch heraus getroffene jeweils einseitige Entscheidung ist.
Vielleicht sind just die „war halt irgendwann klar“-Paare auch die, die immer wieder darüber gesprochen haben, wie sie sich ihr Leben vorstellen. Ob gemeinsam, und wenn ja: wie und unter welchen Kriterien. Wenn dem so ist, dann ist der Heiratsantragsmoment nur noch eine (patriarchale?) Formsache. Obs den dann braucht? Kann man ja gemeinsam entscheiden.


* Das war in der Folge „Stationen der Liebe“ im Podcast Betreutes Fühlen

Und der Link zur (englischsprachigen) Studie: Sliding versus Deciding in Relationships: Associations with Relationship Quality, Commitment, and Infidelity


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

1 Comment

  1. Liebe Elisabeth, Dir wünsche ich eine gute, positive Entscheidung Vater

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