„Die Heimfahrt war abenteuerlich“, hörte ich mich vor kurzem sagen. Mal wieder – ich verwende das Wort „Abenteuer“, meistens im Berg-Kontext, durchaus häufiger. Das ist mir ebenfalls vor kurzem aufgefallen. Ähnlich wie bei meinen Was ist eigentlich extrem-Überlegungen damals lässt mich seither die Frage nicht mehr los: Was ist ein Abenteuer für mich – und für andere?
Definition von Abenteuer
Natürlich ist es eine hochindividuelle und subjektive Sache. Jede*r hat doch schon den vermeintlichen Abenteuergeschichten eines Freundes gelauscht und sich dabei das Gähnen verkneifen müssen. Während wiederum die „normalen“ Reiseerzählungen deiner Schwester dir schon beim Zuhören einen Adrenalinschub geben.
Schlagen wir also zunächst den Duden auf. Eine Abenteurerin ist schlicht eine „Person, die das Abenteuer liebt“. Das hilft nur bedingt. Und ein Abenteuer?
Da steht: „Mit einem außergewöhnlichen, erregenden Geschehen verbundene gefahrvolle Situation, die jemand zu bestehen hat“.
Also, zerlegen wir das Abenteuer doch mal:
Mit einem außergewöhnlichen, …
Außer-gewöhnlich, also „außerhalb des Gewohnten“. Darunter verstehe ich den Moment, in dem ich freiwillig oder nicht meine Komfortzone verlassen. Etwas, was ich zum ersten Mal mache. Oder eine Tour, die meine Muster durchbricht. Das kann das Ziel, die Länge, Höhe, Fortbewegungsart, und vieles andere betreffen. Da gibt es zahllose (Kombinations-)Möglichkeiten, an diesem Teil der Definition wird das Abenteuer nicht scheitern.
Außerdem steckt die Häufigkeit drin. Wenn sich mein (all)täglicher Radweg zur Arbeit abenteuerlich anfühlt, wäre etwas falsch. Für das Abenteuer brauchen wir ein einmaliges oder zumindest seltenes Ereignis. Wenn die Erstbesteigung eines pakistanischen Siebentausenders mehrere Anläufe braucht, lässt sich das durchaus unter Abenteuer verbuchen.
… erregenden Geschehen …
Ich fühle mich schon ertappt. Das ist mein Lieblingspart der Definition, der mir oft schon zur Begriffsnutzung reicht. Aufregend = Abenteuer, oder? Wenn am Einstieg einer Mehrseillängenroute stehe und mich mit leicht mulmigem Gefühl frage, ob ich das schaffe, kann sich das durchaus abenteuerlich anfühlen. De facto ist er erstmal „nur“: aufregend oder erregend.
Klar, was erregend ist, verschiebt sich im Lauf der Zeit – mit mehr Routine, Erfahrung, Können liegen plötzlich Touren innerhalb deiner Komfortzone, die dir früher unmachbar erschienen. Das können die schmalen Wege sein, die jetzt kein Problem mehr sind, Kletterstellen, der Umgang mit Steigeisen und der Höhe, oder deine Ausdauer lässt jetzt längere Touren zu.
Die Aufregung ist eine wichtige Körperfunktion, denn sie erhöht automatisch den Adrenalinausstoß und auch den Fokus. Das können wir gut für den letzten Aspekt brauchen.
… verbundene gefahrvolle Situation, die jemand zu bestehen hat.
Endlich was mit objektiven Kriterien! Steinschlag, Lawinen, Absturzgefahr, etc. – in den Bergen finden sich ein paar Gefahren. Im Alltag: Glätte, Verkehr, Hausarbeit (s.u.). Aber logisch, auch hier kommen subjektive Elemente hinzu.
Ob und welche Gefahren anzufinden sind, weiß ich besser, je mehr Informationen ich über mein geplantes Vorhaben habe. Nehmen wir als Beispiel die Watzmannüberschreitung, eine Modetour der letzten Jahre, über die es Unmengen an Fotos, Videos und Berichten im Netz gibt. Jeder Zentimeter ist dokumentiert, ich kann wissen, worauf ich mich einlasse.
Als Standard wird sie als Zweitagestour gemacht, mit ca. 8-10 langen Stunden auf dem Grat und im Abstieg. Es geht oft tief runter, nicht überall gibt es Seilversicherungen. Für viele Leute ist es keine schwierige Tour, für noch mehr Menschen schon. Die (viel zu) zahleichen Bergrettungseinsätze am Watzmann zeigen, dass fehlende Erfahrung, mangelhafte Ausrüstung, Selbstüberschätzung und menschliche Arroganz (Gewitter? Quatsch, das kommt nicht) Gefahr erzeugen kann, die eigentlich nicht da ist. Schließlich kann jede*r wissen, worauf man sich da einlässt.
Ganz anders gelagert war die Situation bei der Extremform des Abenteuers, z.B. bei den ersten Expeditionen zum Mount Everest. Mallory, Irvine und Co. hatten 1924 keine Satellitenbilder und Tourenberichte, auf die sie sich stützen konnten. Wortwörtlich wussten sie nicht, was sie hinter der nächsten Ecke erwartet. Und das auch noch mit der (aus heutiger Sicht) völlig unzureichenden Ausrüstung…
Selbst 1978, als Reinhold Messner und Peter Habeler den Everest zum ersten Mal ohne Flaschensauerstoff bestiegen, war es noch ein Abenteuer. Die Medizin war damals der Meinung, dass der Mensch in dieser Höhe ohne Sauerstoff nicht überleben kann. Das war eine objektiv gefahrvolle Situation. Sie haben bewiesen: der Mensch kann das. Prinzipiell zumindest, wenn ich fit und erfahren genug bin. Laut Himalayan Database waren 2024 in Summe 861 Personen (absurd, oder?) auf dem Gipfel. Ratet, wie viele davon KEINEN Sauerstoff zur Hilfe genommen haben?!
Nur 6 Personen. Also ein großes Pseudo-Abenteuer?! Schon, finde ich, wenn man viel von der (Eigen-)Verantwortung beim Veranstalter abgeben kann, im Basecamp fast im Luxus schwelgt, die Wege vorbereitet bekommt und zur Not von den Sherpas den Berg hochgehievt wird.
Die folgende Frage habe ich (mir) damit schon fast beantwortet:
Ist „Outdoor“ bzw. „Draußen“ automatisch „Abenteuer“?
Der Wanderweg ist markiert, der Track trotzdem auf zwei vollgeladenen Geräten zur Offline-Nutzung gespeichert, mit der mitgebrachten Verpflegung könnte man ein Frühstücksbuffet im Viersternehotel bestücken und die Stirnlampe ist auch im Rucksack, obwohl wir vermutlich um 14 Uhr zurück am Auto / in der Unterkunft / zu Hause sind. Am Himmel ist kein Wölkchen, keine der drei befragten Apps meldet auch nur einen Tropfen Regen oder erwähnt Gewitter.
Das ist kein Abenteuer, sondern eine gut vorbereitete Tour. Das Ergebnis ist hoffentlich ein wunderbarer Tag draußen, in Bewegung, vielleicht mit einem Lüftchen, das um die Nase weht und Zeit zum Genießen, Hier-Sein und sogar für kreative Gedanken.
Gerade in den Bergen kann das Wetter trotzdem umschlagen. Oder das Schneefeld ist ohne entsprechende Ausrüstung nicht begehbar. Oder wir sind kurz vorm Sonnenstich, weil wir die Kopfbedeckung vergessen haben und das Lüftchen so angenehm war. Es kann fremd- oder eigenverschuldet immer was sein. Das ist aber nicht Draußen-spezifisch, im Gegenteil: Hausarbeit ist nach den Unfallzahlen von Versicherungen weitaus gefährlicher als zum Wandern zu gehen – egal, ob in die Berge oder vor der Haustür. Also: Wer Staubsaugen nicht als Abenteuer bezeichnet, kann es auch nicht für Outdoor per se sagen. Ist auch gut so, oder? Wir können eins draus machen, müssen aber nicht.
Zusammengefasst stelle ich also fest: „Abenteuer“ ist häufig eher ein Synonym für ein (für mich) „außergewöhnliches Erlebnis“, als dass es den engeren Definitionssinn erfüllt.
Und das ist auch gut so, denn das „gefährlich“-Element muss ja nicht sein. Es bleiben (für die allermeisten von uns) genügend Touren und Möglichkeiten, uns aus der Komfortzone hinauszubewege uns uns in sicherem und sinnvollen Dosen zu pushen.
Vielleicht werde ich zukünftig zurückhaltender mit dem Begriff umgehen. Ihn ganz streichen, weil ich für die „echten“ Abenteuer zu vorsichtig bin? Wahrscheinlich nicht, im Zweifel berufe ich mich auf die subjektive Empfindung…
Und war die oben besagte Heimfahrt ein Abenteuer? Eine Autopanne auf der Autobahn (gefahrvoll ✔️) hatte ich noch nie (außergewöhnlich ✔️). Die 1,5 Stunden Wartezeit bei Minustemperaturen rechts der Leitplanke (erregend ✔️?) waren irgendwann schon herausfordernd. Also: ja, vielleicht ein kleines. Wichtiger noch ist dass es ein außer-gewöhnliches Ereignis bleibt!

P.S.: Just nachdem ich diesen Text fertig hatte, (p)lauschte Ulligunde mit Hanspeter Eisendle (Spotify-Link) über seine Abenteuer, eine sehr lohnende Perspektive! Spoiler: Er hält nichts von „was mich nicht umbringt, macht mich stark“.
Spannende Themen!
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