Ich halte durch. Zumindest bis die Sonne aufgeht. Auf gar keinen Fall gebe ich im Dunklen auf.

Das war mein Mantra beim 100 Kilometer Marsch. Dabei starteten 1.700 Verrückte am Spätnachmittag, um in maximal 24 Stunden 100 Kilometer zu wandern.

Beziehungsweise: Es hatten eben nicht alle das Ziel. Ein Jahr später haben sich zwei Freunde angemeldet, die das ganze vor allem als gemeinsame Unternehmun betrachet haben. Zur Wanderlänge sagte Conny:

40 Kilometer will ich schon schaffen

und hat bei Kilometer 42 aufgehört. Falko sagte:

ich glaube nicht, dass ich es schaffe. Ich probier halt mal, wie weit ich komme

und war vor Kilometer 50 mit Knieproblemen aus dem Rennen.

Wie hatte ich angefangen?

Ich wil wissen, ob mein Körper das kann. Und es haben ja schon viel Unfittere geschafft. Werde ich ja wohl hinbekommen.

Warum ich das jetzt erzähle? Weil mir aktuell – hallo, Corona! – sehr deutlich auffällt, wie unterschiedlich Menschen mit der Situation umgehen. Und, klar, ich spreche aus einer Luxussituation. Ich sorge mich nicht um meinen Job, das Kurzarbeitsgeld wird vom Unternehmen aufgestockt, ich habe keine Kinder zu versorgen und genieße die Sonne. Genießen kann ich ;).

Was ich während des 100 Kilometer Marsches unbewusst angewendet habe, ist Priming. Bei allem und immer lassen wir uns beeinflussen. Von dem was wir sehen, riechen, schmecken, hören. Je bewusster wir uns dieser Tatsache sind, desto besser können wir das auch steuern. Und den Effekt sogar bewusst nutzen. Also uns in Richtung gewünschtes Ergebnis primen. Während des Marsches habe ich mich mit vielen Leuten unterhalten. Und keiner hat es weiter geschafft, als er es sich vorgenommen hat. Dafür hat man viel zu viele Schmwerzen – und es ist der Kopf, der über das Weitermachen entscheidet.

Verpflegungspunkt 2 war nach ca. 40 Kilometern. Es tut schon alles weh. Es ist dunkel. Der Kopf ist noch ganz wohlgemut und ich treffe Gabriel. Es dauert ewig, bis ich ihn einhole: ein gutes Zeichen, wir laufen offensichtlich das gleiche Tempo. Er wohnt in München, arbeitet als Tiefbauingenieur für Stuttgart 21 und hat eine bewegte, multikulturelle Lebensgeschichte. Perfekt! Die Nacht gehört uns!
Sie wird aber trotz ausreichend interessanten Gesprächsstoffs zäh.

Die Füße bewegen sich automatisch vorwärts. Ich überlege mir lange, ob ich wirklich pinkeln gehen soll, weil ich nicht weiß, wie das Loslaufen danach funktionieren wird. Unausgesprochen kommen Gabriel und ich zur Übereinkunft, dass nicht gejammert werden darf. Er fragt mich nur alle paar Kilometer, wie es mir geht.

Auch das gehört zum Priming: Wie sehr lasse ich mich von negativen Botschaften und Gefühlen einnehmen? Ergebe ich mich ihnen und kann gar nichts anderes mehr sehen/denken? Oder akzeptiere ich, dass so ein Lauf nun mal eine bescheuerte Idee ist und Schmerzen dabei unumgänglich sind? Ich mich aber dafür entschieden habe und es deshalb jetzt durchziehe? Hier kommt auch das Framing-Konzept zum Tragen. Analog zum halbvollen oder halbleeren Glas: Ist jeder Schritt eine Zumutung oder bringt mich jeder gemachte Schritt dem Ziel näher?

Seit Gabriel mir erzählt hat, dass es sein sechster 100-Kilometer-Marsch ist und er alle unter 20 Stunden beendet hat, habe ich ein neues Ziel. Es geht nicht mehr darum „es irgendwie zu schaffen“. Ich bin jünger, ich bin fitter als er. Logisch schaffe ich es auch in unter 20 Stunden!
(Mir bleibt auch nicht viel anderes übrig, sonst muss ich ja alleine weiter kriechen.)

Hätte er mir das nicht erzählt, oder gesagt, dass er bisher noch nie ins Ziel gekommen ist und hofft, dass es diesmal klappt – es hätte mich in meiner Zielsetzung UND in meinem Ergebnis beeinflusst. Dabei hat sich an den Rahmenbedingungen nichts verändert – trotzdem hat ein Reframing stattgefunden.

Kilometer 69, Verpflegungsstelle 4. Stehen geht nicht, sitzen geht nicht, aber im Liegen kann ich die Erbsensuppe nicht essen, die ich unbedingt will. Also doch sitzen. Besser als stehen. Gabriel drängt zum Aufbruch: „sonst wird es hell, während du hier sitzt!“ – irgendwie verlockend, aber das hätte den Geschmack von Aufgeben. So nicht! Also, Socken an, Schuhe an, Testschritte. Doch, irgendwie geht es.

Es wird hell. Meine Fanstasien – direkt in einen wunderschönen Sonnenaufgang zu laufen – sind natürlich nicht wahr geworden. Die Sonne geht im Wolkenschleier hinter einem Waldstück auf. Na toll. Da kann man gleich wieder ein paar Kilometer lang über sich selber lachen.

Am Verplegungspunkt 5, km 82, trennen wir uns. Gabriel sagt, seine Beine werden nicht durchhalten, wenn er jetzt noch mal anhält. Ich sage, ich halte nicht durch, wenn ich nicht noch mal Pause mache. Zwischen den wenigen anderen anwesenden Wanderern macht sich ein Hochgefühl breit. Alle bestellen (alkoholfreies) Hefeweizen – die 17 Kilometer schaffen wir auch noch! Aber zur Toilette schaffe ich es kaum. Und dann auch noch in die Hocke gehen… Jede Oma ist schneller!

Die Sonne brennt, es ist schon ziemlich heiß. Ich bin alleine, nur „normale“ Spaziergänger und Radler sind unterwegs. Viele haben vom Marsch mitbekommen oder fragen, was man da tut. Jede Menge kleine Motivationsspritzen und Ablenkung. Fast geschafft!

Dann, km 91. Ich rutsche auf einem Stein aus und verdrehe mein Knie. Und kann nicht mehr auftreten. Vor Wut muss ich erst mal heulen. Wo war die nächste Straße? Wo bin ich überhaupt? Kann ich den Schmerz überlaufen oder mache ich damit mein Knie für immer kaputt? Wäre es das wert? Aber auf keinen Fall gehe ich zurück. Also, weiterhumpeln, bis mindestens zur nächsten Abzweigung, an der mich ein Krankenwagen aufsammeln könnte. Aber doch, das geht schon irgendwie…

Ziel. Natürlich in unter 20 Stunden. Die schnellste Frau. Bier und Bratwurst und eine Dusche. Und Endorphin. Ich muss grinsen, grinsen, grinsen.

Der Lauf hatte eine Finisher-Quote von 13%.

Was möchte ich damit jetzt sagen und was hat das eigentlich noch mal mit Corona zu tun? Jeder ist seines Glückes Schmied sagt ein Sprichwort. Ich finde es nicht ganz richtig. Es kommt weniger auf die Hände an, sondern viel mehr auf deinen Kopf. Neben deinem Grund-Zufriedenheits-Level entscheidet sich vor allem dort, wie (un)glücklich du bist und was du (nicht) kannst. Und du hast selber Einfluss darauf. Der erste Schritt ist, dir bewusst zu machen, welche Reize da tagtäglich auf dich einprasseln und wieviel Raum du ihnen gibst.

Dabei helfen auch kleine Trigger. In Situationen, in denen negatives Priming von mir Besitz nehmen möchte, schießt mir oft bis die Sonne aufgeht durch den Kopf. Das entlarvt die Schlechtmachereinflüsse und ermöglicht mir, bewusst(er) zu entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Und in diesen Zeiten, in denen sowieso alles anders ist, uns Hiobsbotschaften (Moment, was davon stimmt überhaupt?) um die Ohren fliegen und man sich auf nichts mehr verlassen kann, hilft das positiv zu bleiben. Das ist nicht immer leicht, aber es ist deine Entscheidung. Die Sonne geht nämlich irgendwann auf.

Die Konzepte von Priming und Framing finde ich sehr spannend. Hat jemand Lesetipps und/oder Lust auf Austausch dazu?

P.S.: Falko und ich haben mit weiteren zwei Freunden einen sonnigen Corona-Tag genutzt, um 50 Kilometer zu wandern. Challenge! Ab Kilometer 40 bedurfte es bei uns allen aktiver Steuerung der guten Laune…. Wir haben es geschafft. Und uns mit Pizza belohnt: im Sonnenuntergang.

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