Diesen Artikel habe ich am 01.07.2019 geschrieben und (bis auf Tippfehler) nicht mehr editiert.

Oder zumindest nicht mehr den gleichen wie heute.

Es ist ein leicht surreales Gefühl. Da arbeitet man bei diesem tollen, erfolgreichen „Mittelstandskonzern“ (zu groß für Mittelstand, aber doch noch etwas beweglicher als ein echter Konzern), beziehungsweise für dessen Industrie 4.0-Tochter, dem immer alles zu gelingen scheint. Den Wechsel damals, vor 2,5 Jahren, habe ich mir schon gut überlegt. Start-Up Feeling mit IG-Metall-Vertrag, mit der Sicherheit eines Mutterunternehmens im Hintergrund, die dafür bekannt ist, Mitarbeiter nur im äußersten Notfall (der nie eintreten soll) zu entlassen. Sehr verlockend! Und dann diese Leute! Die Startmannschaft kannte ich von der ersten Messe. Das hat Spaß gemacht. Und war etwas ganz anderes als alles, was ich bisher gemacht hatte.
Die andere Seite, nämlich, dass ein konzerneigenes Start-Up nie so richtig Start-Up sein kann, war mir schon auch bewusst. Die Auswirkungen nicht alle.
Nun ja, es folgten sehr emotional-spannende Jahre mit vielen Höhen und Tiefen – überproportial vielen. Vielen Tiefs. Man könnte sagen: eine dysfunktionale Organisaton mit tollen Leuten. Hilft aber alles nichts, wenn das Ergebnis das folgende ist:

Ein Unternehmen mit hohem Markenwert. Aber Kunden- und Umsatzzahlen, die weit hinter den Erwartungen zurück bleiben

Und im Mutterkonzern läufts auch nicht mehr so ganz rund…

Tja, dann sitzt man eines Abends auf dem Sofa und denkt: „morgen ist der Tag“. Es ist ein All-Hands angesetzt. Mit allen Mitarbeitern und Chefs, inklusive dem des Konzerns. Der war schön öfter da, grundsätzlich kein Grund zur Beunruhigung. Würden sich nicht hier und da, in beiden Unternehmen, die kleinen Zeichen mehren.

Die Gerüchte (ja, Kommunikation ist eines unserer größten Probleme) gehen von „das Meeting wird noch abgesagt“, „es wird einfach nichts passieren, und das ist das Schlimmste“, über „die Chefetage wird austauscht und duchgewürfelt“ und „das Unternehmen wird platt gemacht und wir in den Mutterkonzern integriert“ bis zu „wir sind längst verkauft. Am Dienstag sagen sie es uns“. So geht das seit Wochen. Die ganze Zeit konnte ich lachen und das nicht so ernst nehmen.

Aber jetzt…

Soll morgen wirklich dieser Traum vorbei sein?

Soll die Idee von der Industrie 4.0-Plattform, die de meisten nach wie vor so überzeugend finden, dass nicht schon längst gekündigt haben, gestorben sein?

Kann die Konzerngeschäftsführung ihren frühen und, meiner Meinung nach, beeindruckend vorausschauenden strategischen Gedanken tatsächlich aufgegeben haben? Uns zum hoffnungslosen Fall erklären? „Einfach so“?

Werden wir wirklich zu einer dieser „fail stories“ über die man bei Fuckup nights referieren würde, wäre das Umfeld nicht so seriös?

Werde ich womöglich wirklich morgen mit der Entscheidung zwischen Aufhebungsvertrag und „irgendeinem“ Job im Konzern konfrontiert? Als BWLer gehöre ich ja dummwerise nun nicht zu den Mangelberufen…

Und wenn, wäre es so schlimm?

Fragen mich meine besten Freunde nicht seit 2 Jahren, ob ich wirklich glücklich in diesem Unternehmen bin? Hat mir das Unternehmen und die Umstände nicht auch einige persönliche Enttäuschungen und einen umgeworfenen Lebensplan eingebracht? Überlege ich nicht eh, ob ich nicht mehr Richtung Berge ziehen sollte? Das wäre doch ein Anlass?! Aber dazu ist es doch gerade noch zu früh! Ich lerne doch noch!

Oder ist es auch so schwierig, weil es sich wie ein persönliches Scheitern anfühlt? War die Entscheidung vor knapp drei Jahren falsch? Hätte ich schon, als ich vor zwei Jahren heulend auf dem Straßenfest um die Ecke stand, erkennen müssen, dass das nichts ist? Oder als mir das Vertriebsthema weggenommen wurde? Oder … Habe ich mich da belogen oder tue ich es jetzt, wenn ich sage: aber das muss doch (weiter)gehen!?

Hätte ich es früher wissen müssen? Hätte ich mich vorbereiten sollen?

Wenn es also morgen vorbei ist, was dann?

Und was macht man danach? In den Mutterkonzern zurück zu wechseln kann ich mir schon lange nicht mehr vorstellen. Da war man am Puls der Zeit, hat gelernt mit Entwicklern zu arbeiten und dann… wieder Ingenieure? Es fühlt sich an, als würde man in die die Dieselmotorenabteilung bei VW wechseln müssen. Aber das ist bei fast allen Themen so… Oder auf das Gehaltsniveau scheißen und doch einen Job suchen, der mehr „Lebenssinn“ enthält? Tue mir aber ja schon beim Spenden schwer, weil mein Herz nicht explizit für ein Thema schlägt und mich Kinder, Alte, Tiere und der Regenwald als jeweils einzelnes abstraktes Thema kalt lassen.

„Unaufgeregtes Warten“ auf dieses Meeting, das sich am Voraben so nach Alles-oder-Nichts anfühlt, haben wir es in der Abteilung genannt. Damit ist es gerade vorbei. Die Aufregung kommt.

Gleichzeitig ist trotzdem eine große Ruhe da. Ich habe nicht damit gerechnet, einmal „liquidiert“ zu werden. Aber wenn es geschieht: Auch eine spannende Erfahrung! Dem Arbeitgeber und Deutschland sei Dank werde ich nicht auf der Straße stehen. Ich kann mich sortieren und weiter schauen. Mir hilft die Erkenntnis, dass ich Veränderungen wirklich mag sehr. Und das Wissen, dass mein Sicherheitsbedürnfnis unausgeprägt ist. Erst wird erst spannend, und dann gut. Und wenn nicht, dann … mach ich halt was anderes!

Trotzdem: Jobangebote, Bewerbungstipps, eigene Erfahrungsberichte, und so weiter sind herzlich willkommen!

1 Comment

  1. Richtig guter Artikel – da steckt viel drin, was heute wieder sehr aktuell ist !

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