Wenn das „oooooohhhh“ als Antwort auf „ich bin verkatert, ich glaube, ich kann keine gesprungenen Kniebeugen machen“ kein (Pseudo-)Mitleid ist, sondern Neid, dann ist gerade Corona-Winter. Neid auf einen schönen (illegalen, da mit zwei Freundinnnen) Rotweinabend. So weit ist es gekommen.

Wie ausgehungert wir sind nach mehr Kontakt. Selbst ich freue mich mittlerweile riesig auf das erste Mal Essen gehen. Und noch mehr darauf, zum ersten Mal zu viert oder zu fünft wandern gehen zu dürfen.

Sowieso: „dürfen“. Jaja, ich weiß, die „Hätte mich einer vor einem Jahr gefragt“-Geschichte ist ausgelutscht, aber es wird einfach immer verrückter. Dass wir alle Masken tragen werden, das konnte ich mir nicht vorstellen. Geschweige denn FFP2-Masken, wie es seit Februar in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht ist. Und dass wir eine Ausgangssperre ab 20 Uhr (in BW) akzeptieren würden!? ZWEI MONATE LANG?!

Ein Jahr Corona. Gut, dass wir keine Ahnung hatten was kommt.

Als Angela Merkel im Herbst vorgerechnet hat, dass wir – wenn es ganz schlimm kommt – an Weihnachten 19.000 neue Fälle pro Tag haben, fand ich das Szenario ganz schön überzeichnet. Allerdings nicht lange, denn es war Anfang November schon so weit. Und gerade, als man 20.000 Fälle pro Tag mental verarbeitet hatte, waren es auch schon 30.000… Hallo, zweite Welle! Und klar, bei diesen Zahlen ist zu Hause bleiben dann doch okay und der zweite Lockdown kam nicht überraschend.

Der Corona-Winter war (ist!) kacke. Die Regeln für Weihnachten haben mich nicht eingeschränkt, da waren wir sowieso im Rahmen. Heiligabend war trotzdem ganz anders, denn es war das erste Mal seit ich denken kann, dass nicht den ganzen Tag Geburtstagsgratulantentrubel im Haus war. Meinem Vater wurde mit viel Abstand an der Haustür gratuliert, oder die Leute haben angerufen. Wir haben dann halt alleine Sekt getrunken…

Für Silvester habe ich ja das virtuelle Pubquiz organisiert, was mir und unseren 14 Teilnehmergruppen viel Spaß gemacht hat. Es war ein klasse Abend!

2021 hatte nicht den besten Start. Es ist viel Luft nach oben…

Das Jahr begann für mich mit dem Auszug aus der Cottastraße und ging – davon unabhängig – erst mal steil bergab.

Da war zum Beispiel die Geschichte, dass ich einen halben Tag lang Corona positiv war (bis das Labor gemerkt hat, dass es einen Fehler gemacht hat und mir das richtige (negative) Ergebnis hinterher geschickt hat. Gerade lang genug, um mich, meine Umzugshelfer und meine neue Mitbewohnerin ordentlich in Unruhe zu versetzen. Das war auch ein Grund, warum ich in den folgenden Wochen (noch) zurückhaltender war, was Kontakte anging. (Und die Ausgangssperre ab 20 Uhr nicht zu vergessen.)

Das hat sich allerdings bemerkbar gemacht. Der Winterblues war in diesem Jahr ein Sumpf – wie der Weg um die Bärenseen. Dort gehen so viele Menschen spazieren, da trocknet bei einstelligen Temperaturen nichts ab. Und als dann noch Schnee und Eis kamen… An sich schön, ich hatte mir ja einen knackigen Winter gewünscht. Gleichzeitig aber schlecht, denn Sport draußen ging nicht mehr (Respekt für jeden, der auf Eis joggen kann/geht, mir macht das keinen Spaß) und weniger Bewegung heißt schlechtere Laune. Und für die gab es kein Ventil.

Karl Lagerfeld wird ja der Spruch „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“ zugeschrieben. Das fand ich durchaus übertrieben (wobei ich ja gar nicht angesprochen bin, weil Sportleggings ja keine Jogginghosen sind ;)), aber ich habe am eigenen Leib festgestellt:

Wer nur noch Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt! Zumindest jeden zweiten Tag ziehe ich mir jetzt ein Kleid an. Herrlich! Und zu besagtem Rotweinabend habe ich neben einem Kleid auch noch Lippenstift und Ohrringe getragen! Beides habe ich wegen der Masken im Alltag aufgegeben. Es hat sich angefühlt, als würde ich auf einen Ball gehen. Ich war richtig aufgeregt. Absurd, oder?!

Was mir auch zu schaffen macht ist dieses konstant schlechte Gewissen. Oder vielleicht auch besser: die fehlende Unbeschwertheit. Der „ist das jetzt noch okay?“-Dauerfilter im Kopf verhindert jegliche Leichtigkeit. Stehen wir jetzt schon zu eng zusammen? Ist zum Kochen verabreden in der kleinen Küche eine gute Idee? Soll ich wirklich Bahn fahren? Können wir uns zur Begrüßung umarmen? Sollten wir in der kleinen Kaffeeküche im Büro nicht besser die Maske aufsetzen? Aber wie trinke ich dann meinen Tee? Sie sieht jeden Tag so viele Leute auf der Arbeit, sollte ich mich mit ihr treffen?
I C H. W I L L. D A S. N I C H T. M E H R.

Aktuelles Normal bei der Arbeit: Vollzeit von zu Hause & die Frage: wie habe ich mein „altes Leben“ geschafft?

Seit Februar habe ich offiziell keine Kurzarbeit mehr, de facto arbeite ich schon seit Dezember wieder 100%. Das bekomme ich mehr schlecht als recht hin. Wie bitte, habe ich vor Corona eine 5-Tage-Bürowoche + 4-5 Abendverabredungen + ein Sportausflug am Wochenende + Joggen + Klettern und Hobbies wie den Blog hinbekommen? Durch Homeoffice „spare“ ich eigentlich pro Tag schon 2,5 Stunden (Pendelzeit & die Stunde Mittagspause nutze ich natürlich auch anders), aber davon merke ich nichts. Bin sofort überfordert, Konzentration & Energie sind im Keller und ich komme nicht zu den Sachen, die ich machen möchte (und darf/kann).
Beruhigend immerhin, dass viele Freunde das gleiche sagen. Du auch? Willkommen im Club!
Vermutlich fährt das Leben später so langsam wieder hoch, dass wir unseren Pace im gleichen Tempo wieder anpassen. Und in einem Jahr (, wenn wir mit der dritten Welle im Herbst durch sind) amüsieren wir uns über das Schneckentempo dieser Tage.

Mir ist aktuell freigestellt, wo ich arbeite – ob zu Hause oder im Büro. Lockdown ist Lockdown, finde ich, also mache ich Homeoffice. Einen Tag pro Woche war ich zuletzt aber doch im Büro – und habe es genossen. Der Szenenwechsel und die Radtour hin & zurück tun einfach gut.

Wegen Schnee und Eis war zweimal nicht an Radfahren zu denken. Über die Lesezeit in der Bahn habe ich mich so gefreut, dass ich mich selbst auslachen musste. Auch wegen dieser Wahrheit: Der Alltag ist so eintönig, dass selbst das erzählenswert wird.

Tja, und Ende Februar liegt die 7-Tage-Inzidenz in Stuttgart bei 46. Vor Weihnachten wäre ich davon ausgegangen, dass wir bei diesen Zahlen auch den Lockdown los sind. Aber wenig erstaunlich: Corona hat sich was ausgedacht! Ansteckendere Mutationen, deshalb höherer r-Wert (ha! Da ist er wieder!), deshalb keine Lockerungen. Buh!

Ich lese ja nicht mehr mit, aber immerhin scheinen die Impfstoffe auch bei den Varianten zu helfen. Im Sinne meines eigenen Erwartungsmanagements bin ich bei Corona Zweck-Pessimist. Deshalb an alle, die gerade schreien, dass das mit den Impfungen ein großes Desaster ist: Optimal sicher nicht (, die Akteure haben unter großer Unsicherheit entscheiden müssen, möchte sehen, wie die Kritiker das besser gemacht hätten…), aber: ich glaube noch nicht dran, dass die Impfung uns alle rettet und bin schon gespannt, welche unerwartete Wendung das Virus noch nimmt. Aber ich habe auch gerne Unrecht.

Zunächst hilft die Sonne. Dass es jetzt vor 7 Uhr wieder hell ist und wir so viele 10-Sonnenstunden-Tage haben ist der Laune sehr zuträglich. Der Bärensee-Weg ist auch wieder begehbar. Und weil es morgens und abends natürlich noch ordentlich kalt ist, hat das Homeoffice große Vorteile: Sonneneinstrahlungsoptimiert spazieren zu gehen und die Mittagspause (und manches Meeting) auf dem Balkon zu machen, das ist schon okay 🙂

Zynisch? Sarkastisch? Vielleicht ein bißchen. Tagesformabhängig. Aber nicht so schlimm, dass ich nicht mehr sehen würde, wie gut ich es trotzdem habe. Außerdem geht diese Situation vorbei. Und, wie immer: ich mache das Beste draus. Wer das nicht mehr schafft, der melde sich bitte, da sind noch Energiereserven, die ich anzapfen und weitergeben kann.
Frohes Durchhalten!

Dass Corona (hoffentlich!) eine once-in-a-lifetime-Erfahrung ist, lässt sich wohl nicht bestreiten. Und wir vergessen so schnell, wie es sich IN dieser Situation anfühlt, dass ich, v.a. aus Dokumentationsgründen für später, hier mein Corona-Tagebuch führe:

1 Comment

Kommentar verfassen