So einiges während der Reise hat mich verwundert, belustigt oder nachdenklich gemacht. Und nicht alles hat in die Einträge gepasst, oder die Erkenntnis kam erst später. Das folgt hier als buntes Potpourri: mein Kuriositätenkabinett. Außerdem wurde ich gebeten, meine Leseliste zu veröffentlichen. Dann verlinke ich auch gleich meine Lieblingspodcasts, die ich unterwegs gehört habe. Deswegen ist der Eintrag lang – aber auch doch wieder nicht.

KURIOSITÄTENKABINETT

die Maskengebotschilder hängen noch überall, werden aber nicht beachtet

Im Flughafen von La Paz wird sehr darauf geachtet, dass jedeR eine Maske trägt. Auch der Taxifahrer, der mich in die Stadt bringt. Ich steige (mit Maske) in sein nicht TÜV-zulässiges Auto und möchte mich reflexhaft anschnallen. Aber es gibt keinen Gurt. Ach ja, stimmt. Willkommen in Südamerika! Ich frage mich: Was ist gefährlicher, der Verkehr oder Corona?
Das ist natürlich eine Erste Welt-Frage, deren Antwort mit Krankenversicherung und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall anders lautet als für manchen Bolivianer.

Mein letzter Aufreger in Südamerika hat auch mit Corona zu tun. Nachdem ich wochenlang keine Maske aufhatte, habe ich in Rio vergessen, sie ins Handgepäck zu packen. Die große Tasche rollt in die Tiefen des Flughafens und ich gehe zur Sicherheitskontrolle. „Maskenpflicht im Flughafen!“ wird mir sehr aufgeregt mitgeteilt. VOR der Kontrolle und HINTER der Kontrolle hat – außer dem Sicherheitspersonal – NIEMAND eine Maske auf. Aber ich werde nicht durchgelassen. Und bis auf (angeblich) eine Apotheke (, die ich nicht finde) hat auch KEIN Laden (mehr) Masken (was mich nicht verwundert). Letztlich schenkt mir ein netter Lufthansa-Angestellter (s)eine.

Warum sind alle Solo-Traveller weiblich? Ich habe mich mehrfach mit anderen Reisenden über dieses Rätsel unterhalten, auch mit Johannes und Nick, den glorreichen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Trauen Männer sich nicht? Werden die, die unterwegs sind (in Paaren oder Freundesgruppen) von ihren PartnerInnen/Freunden gezwungen, weil Männer im Grunde ihres Herzens reisefauler sind? Bin gespannt auf eure Ideen!

Sind eigentlich alle in Bolivien dick?“ fragt Malte mich mal als Antwort auf Fotos. Das war nicht, was ich zeigen wollte, aber die Antwort ist (leider): Ja. Bestimmt 70%. Und zwar nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder. Und nicht nur die BolivanerInnen, überall ist mir die hohe Übergewichtigenquote aufgefallen. Und ich meine nicht „ein paar Kilo zu viel“, sondern adipös. Ist auch kein Wunder: Irineo und Jorge (okay, in den Bergen – und beide haben Idealgewicht) schaufeln zwei Löffel Zucker in jede Tasse Tee oder Kaffee. So wie alle. In La Paz packt eine junge hippe Frau drei Teelöffel in eine kleine Tasse… Wenn es ein kaltes Getränk ist, dann mit Sicherheit ein Softdrink (Coca Cola und/oder Fanta-Verschnitte – in allen möglichen „Frucht“sorten, z.B. Guave oder Ananas). Und dass es Chipsähnliches in Hülle und Fülle gibt muss ich jetzt nicht mehr erwähnen, oder?

Fast alle SüdamerikanerInnen lieben Verniedlichungen, die Bolivianer schießen aber den Vogel ab. Im Spanischen verkleinert man mit -ito bzw. -cito. Mein absolutes Highlight: Beim Einchecken werde ich gefragt „Su nombrecito, por favor„? (Ihr Nämchen, bitte?). Stehe ich vor fünf Zahnbürsten, sind natürlich alle mejorcitos (die bestchen). Noch nachvollziehbar ist, dass die VerkäuferInnen ihre Ware für „nur fünf bolivianitos“ anpreisen – das klingt günstiger als „fünf bolivianos“. Für die Bolivianer ist es, glaube ich, einfach höflicher und ganz normal. Es ist allerdings geschäftsschädigend: die nur-wenig-Spanisch-sprechenden Touris verstehen dann gar nichts mehr. Mit denen, die Spanisch können, wird es zum Running Gag auch alles zu verkleinern.

alles passt in die bunten Tücher

Peru und Bolivien unterscheiden sich im Hochland nur wenig. In beiden Ländern tragen die Frauen häufig ihre Tracht. Und alles, was transportiert werden muss, wird in das bunte Schultertuch gepackt (und vorne einfach verknotet). Auch dreijährige Kinder oder quietschende Ferkel.

Zur Tracht gehört auch ein (zu) kleiner Bowlerhut, der mit Haarnadeln auf dem Kopf befestigt wird. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, die die Guide in La Paz erzählt hat, aber sie gefällt mir. Deshalb hier ohne Gewähr: Die Engländer haben das (heute kaum mehr vorhandene) Schienennetz in Bolivien gebaut. Wie zu der Zeit üblich: Anzug tragend. Ein deutscher Geschäftsmann witterte eine Chance: Wer viel arbeitet, braucht des Verschleißes wegen öfter einen neuen Hut. Deshalb hat er eine große Menge bei Borsalino in Italien in Auftrag gegeben. Dort dachte man sich: Südamerika? Die sind doch alle so klein! Und haben eigenmächtig die Größen geändert und kleine Hüte nach Bolivien geschickt. Die der Deutsche – logischerweise – nicht losgeworden ist. Bis, halb durch Zufall, eine Cholita seine Hüte gesehen hat. In dem Glauben, „dass frau in Europa das so trägt“ hat sie sich zum Hutkauf überreden lassen – schließlich sieht man damit viel größer aus! Offensichtlich war sie eine gute Influencerin, in jedem Fall hat sich der Hut so weit verbreitet, dass er heute selbstverständlich dazu gehört.
Egal ob klassisch oder nicht: Männer und Frauen haben in Bolivien immer was (als Sonnenschutz) auf dem Kopf.

je mehr Lagen, desto besser!

Übrigens: Die Röcke der Tracht werden an der Hüfte nochmal extra aufgebauscht – ausladende Hüften sind attraktiv (gebärfähig und so). Genauso wie kräftige Waden, denn die Hochlandfrauen müssen ihre schwere Ware ja täglich auf den Markt transportieren und stark genug für die Schlepperei sein.

Die Rocklänge passt sich dem Klima an. In Cochabamba waren sie auf einmal ganz schön kurz. Huch! Da habe ich gemerkt, dass ich gedanklich im falschen Kulturraum unterwegs war. Mit nackter Haut haben die SüdamerikanerInnen kein Problem.

Vielleicht die richtige Stelle für die Antwort auf eine häufige Frage: Nein, es gab keine einzige komische Situation und es ist überhaupt kein Problem, allein / als Frau unterwegs zu sein.
Der Unterschied zu Europa: Die Gefahr von (jeglicher) Gewalt ist höher, weswegen sich auch die SüdamerikanerInnen immer mit einer höheren Aufmerksamkeit für ihre Umgebung bewegen. Wie anstrengend das ist (und wie gut es uns geht) ist mir erst richtig aufgefallen, als ich, wieder zu Hause, nach dem Klettern im Dunkeln bedenkenlos über die Felder geradelt bin… Vor Ort merkt man es an der Unlust, das Zimmer/die Hotelanlage zu verlassen.

Extrem fasziniert hat mich der Glaubensmix, also das reibungslose Vermischen von Pachamama-Verehrung und Katholizismus (ich verwende Pachamama – „Mutter Erde“ – als Oberbegriff für präkoloniale Riten, es läuft immer auf sie hinaus). Wer ein neues Auto möchte, bittet Pachamama in einer rituellen Opfergabe darum (Sparen wäre natürlich auch gut). Ist es dann „da“, muss Pachamama mit einem anderen Ritual gedankt werden, welches Kräuter, Blumen und manch anderes (für uns) Seltsames enthält. Das findet dann vor der Kirche statt – Weihwasser und eine Marienstatue sind dabei sicher nicht weit. Die grundsätzlichen Konzepte über den Aufbau der Welt sind so unterschiedlich, dass die Spanier den Indigenen nicht klar machen konnten, was der christliche Glaube soll. Für sie hat er hat einfach keinen Sinn ergeben. Erst, als die Spanier angefangen haben ihre Bräuche auf indigene Weise zu begründen, wurden sie langsam akzeptiert. Und heute ist es ein bunter Mix.

Ich hab nicht herausgefunden, was genau hier gefeiert wurde. Es gab merere geschmückte Autos, eine Band, Salutschüsse und beteiligtes Krankenhauspersonal. Alles vor der Kirche. Maria wurde gerade aufs Auto gehievt (musste dann nochmal abgenommen werden, denn sie hatten das Tuch drunter vergessen), als ich vorbei kam.

Hält eine ältere Frau beim Einsteigen in den Minibus (der quer in der Straße steht) den ganzen Verkehr auf – wildes Hupen ist die Folge. Sie braucht so lange, weil sie mehrere riesige Wassermelonen nur einzeln vom Straßenrand in den Bus bringen kann. Es steht zufällig eine Polizistin daneben, die die Frau schimpft. Schneller wäre, wenn die Polizistin beim Melonen tragen geholfen hätte. Wie hätten die Beteiligten in dieser Situation bei uns reagiert?

In Bezug auf Aussprache habe ich gelernt, dass die Bolivianer nicht Quinoa sagen, sondern Quínua (fett die betonte Silbe). Und die brasilianische Superfoodbeere Açaí wird aßa-í ausgesprochen.

Bolivien gilt als ärmstes Land Südamerikas und Paraguay ist auf Platz zwei. Im Vergleich zu Indien ist Südamerika gut dran. Natürlich habe ich weder hier noch dort das schlimmste Elend gesehen, es ist meine subjektive Einschätzung. Z.B., weil eben in Südamerika fast alle genug Geld für schlechtes Essen und zum dick werden haben und nicht das günstigere Gemüse essen müssen. Wie schwierig es politisch ist, mit Inflation und generationenandauernder Korruption, will ich nicht klein reden – auch nicht, wie schwierig es ist, das zu ändern. Von dem, was ich gesehen habe, spielt sich viel im Income Level 3 (von 4) ab (von Hans Rösling in Factfulness geprägt, hier die Erklärung), der Touri kann sich auch in Level 4-Hotels/Restaurants durchs Land bewegen.
Das World Health Chart gibt mir Recht. (By the way: Die Entwicklung von Einkommen und Gesundheit der Länder der Erde über die letzten 200 Jahre ist ziemlich spannend!).

Die Armut spiegelt sich (auch) im Schulsystem: Viele Kinder und Jugendliche müssen arbeiten, damit die Familie über die Runden kommt. Damit trotzdem eine Chance besteht, dass diese Kinder zur Schule gehen (können), wird in Bolivien nicht nur vormittags unterrichtet, es gibt auch die Möglichkeit am Nachmittag oder am Abend das Gleiche zu lernen (also drei Zyklen).  

nur wenig in Bolivien ist so schick und top in Schuss wie das Teleférico-Netz

Diese verrückten Gegensätze zwischen überholt und fortschrittlich gibt es auch hier. Einerseits wird nach wie vor überall gefragt amiga, no lo tiene suelto? (Hast du es nicht kleiner (oder am besten: passend)?), wenn man an einem Straßenstand kauft und einen Schein hinhält, der nicht mal 5 Euro entspricht. Oder eine Person das Ticket verkauft, eine zweite (in Sichtweite) es abreißt und die dritte Person (immer noch in Sichtweite) das abgerissene Ticket kontrolliert und die Absperrung öffnet…

Andererseits haben die QR-Speisekarten Einzug gehalten (da kann man viel einfacher die Preise ändern) – damit einhergehend gibt’s auch quasi überall Wlan.
Und in Bolivien wurde das Langstrecken-Busticket nie kontrolliert. Aber jeder Seifenspender in öffentlichen WCs ist irgendwo angebunden, damit er nicht geklaut werden kann.
In Argentinien konnte man im Stadtbus nicht mal mehr bar zahlen.
In Brasilien ging das erstaunlicherweise (allerdings mit Murren), obwohl man dort sonst alles mit Karte zahlen kann.

Ich dachte, dass die gut gefüllten Bücherregale in den Hostels den E-Readern und vor allem den Smartphones (wer liest denn heutzutage noch…) zum Opfer gefallen sind. Auf allen früheren Reisen habe ich immer was zu Lesen gefunden. Diesmal nicht. Aber das lag wohl auch an mir, bei anderen hat es gut funktioniert. Ich war froh um meinen E-Reader.

Noch drei praktische Reisetipps, die mir spontan einfallen:

  • Die DKB-Kreditkarte kann man in der App temporär sperren (die Debitkarte nicht). Also lieber noch eine Karte mehr (in gesperrtem Zustand ;)) mitnehmen
  • Booking.com ist teurer als direkt im Hotel zu fragen. Bzw.: Man kann ALLES über WhatsApp machen, also einfach vorher anschreiben.
  • Es zahlt sich aus, bei mapy.cz oder maps.me (und Google Maps) die Regionen offline zu speichern, in denen man unterwegs ist. Auch wenn SIM Karten überall günstig und einfach zu bekommen sind.

Dann machen wir weiter mit den Büchern:

LESELISTE – in Lesereihenfolge

  • The Great Bridge: The Epic Story of the Building of the Brooklyn Bridge von David McCullough
    (gibt es nicht auf Deutsch)

Wurde mir im Sommer von unserem US-Vertriebschef mit den Worten „da kannst du was für ein Projekt lernen“ empfohlen. In der Tat war das Projektmanagement sehr beeindruckend, ich hoffe aber, dass „mein“ Projekt nicht aufgrund von (internen) politischen Querelen über Jahre verzögert wird… Ansonsten: die Projektleitung ging von Vater zu Sohn zu Ehefrau – immer gut, wenn Redundanz da ist!

Für wen? Es enthält sehr viele Details zum Brückenbau, da sollte man schon etwas Interesse mitbringen…

  • Überlebt! Meine 14 Achttausender von Reinhold Messner

Habe ich bei meinen 5000ern angefangen zu lesen und dachte, wir könnten ein bisschen zusammen im/am Schildkrötentempo leiden (logischerweise auf unterschiedlichem Niveau). Aber Messner leidet nicht, sondern kommt erschöpft, aber nicht verausgabt, unten an. Mit seiner starken Meinung (auch zu Amateur-Alpinismus, ääh, -Tourismus) hält er natürlich nicht hinter dem Berg. Er hat ein Talent dafür, dass er – gerade wenn ich mir denke, dass es jetzt mal wieder gut ist – mit einem Augenzwinkern seine Tirade relativiert. Respekt dafür!

Für wen? Deins, wenn dich starke Persönlichkeiten und/oder Himalaya-Alpingeschichte interessieren

  • The Great Mindshift. How a New Economic Paradigm and Sustainability Transformations go Hand in Hand von Maja Göpel

Ich gestehe, ich habe es nicht ganz gelesen. Bin über ihre Idee des „radikalen Inkrementalismus“ im Neue Narrative Newsletter gestoßen. Der Gedanke, dass große Veränderungen (= radikal) nicht in einer plötzlichen Revolution, sondern auch Schritt für Schritt gehend (= inkrementell) erreicht werden können, gefällt mir sehr gut. Dann gabs aber noch so viel außenrum und … es war mir zu anstrengend.
(Link zum legalen, kostenlosen Download).

Für wen? Definitiv Joseph. Und alle anderen, die nicht glauben, dass sich auch in kleinen Schritten Großes bewegen lässt.

  • Marching powder. A True Story of Friendship, Cocaine, and South America’s Strangest Jail von Thomas McFadden

In La Paz war ich bei einer Stadtführung und die begann an der hübschen Plaza San Pedro mitten in der Stadt. Zu meinem unermesslichen Erstaunen lernte ich, dass der Bau, der sich an der einen Seite entlang zieht, ein Gefängnis ist. Ein Gefängnis, in dem es nur eine Handvoll Polizisten gibt. Die Insassen (nur Männer) regeln alles selbst, es ist eine Mikroökonomie (man muss sich eine Zelle kaufen und Essen gibt’s in Läden oder Restaurants – zu kaufen), Frauen und Kinder wohnen mit ihren Männern im Gefängnis. Die größte/beste (?) Kokain-Produktion des Landes ist ebenfalls dort. Von der Korruption, die damit einhergeht, erzählt das Buch auch. Thomas McFadden war dort inhaftiert und hat sein Geld als Tourguide für Touristen verdient. Im Gefängnis. Ein San Pedro Gefängnis-Besuch stand wohl mal auf der La Paz Highlights Liste des Lonely Planet… Es ist besser als Fiktion – und doch seine wahre Geschichte.

Für wen? Wenn du deinen Horizont erweitern willst. Das naive Dorfkind und die aufgeklärte Städterin in mir haben es verschlungen.
Wer sich lieber ein Video anschauen möchte: Worlds strangest Prison 🇧🇴 | San Pedro Prison | La Paz Bolivia (Crazy Dave habe ich auch gesehen, aber ich kam zu spät – ich wusste nichts von seiner täglichen Vorstellung).

Eines DER Bücher über Transaktionsanalyse. Sehr spannend, vor allem zu Beginn. An vielen Stellen merkt man allerdings, wie alt das Buch ist (1975 erschienen). Ehefrauen haben Dekogegenstandscharakter und als Therapie bei Depressionen werden Elektroschocks angewendet…  Das Grundgerüst stimmt trotzdem.
Im Verlauf des Buches wurde es mir ein bisschen zu philosophisch wild.

Für wen? Sich mit der Transaktionsanalyse auseinander zu setzen, würde ich jedem empfehlen – da suche ich noch nach einem guten Buch. Dieses ist für alle, die tiefer einsteigen wollen.

Herrlich! Der kann erzählen! Ich weiß nicht mehr, woher ich diese Empfehlung habe, aber: danke! Ich wusste bis zur Hälfte des Buches nicht, dass er Physik-Nobelpreisträger ist (Ups! – Das hätte ihm aber gefallen). Dass er an der Atombombe mitgearbeitet hat, kommt gleich am Anfang. Seine Anekdoten zeigen einen hochintelligenten und hyperinteressierten Charakter, der einfach mal ausprobiert und gerne über sich selbst lacht.

Für wen? Alle, die gern schmunzeln und lachen. Physik spielt in den meisten Geschichten, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle.

Eine Empfehlung von Ana, die auf der Isla del Sol davon gefesselt war. So gings mir auch. Das Buch ist autobiografisch. Camila ist Transvestitin, die in einem Kaff in Argentinien aufwächst. Mit einer depressiven Mutter und einem alkoholabhängigen, gewalttätigen Vater, der nicht damit klarkommt, dass sein Sohn sich wie ein Mädchen fühlt und verhält. Der größte Teil spielt während ihrer ersten fünf Jahre in Córdoba, wohin sie mit 18 zieht. Dort trifft sie zum ersten Mal Leute, die so sind wie sie. Mit der Armut und dem Ausgegrenztsein ist es aber keineswegs vorbei. Sie studiert tagsüber und prostituiert sich nachts. Diese krassen Geschichten, die sie da erlebt, erzählt sie mit Gefühl, aber distanziert. Ohne Schuldzuweisungen, Hass und Rachegelüste – was verständlich wäre. Camila hat es schon vor der Buchveröffentlichung „geschafft“ und ist als Schauspielerin erfolgreich. Ich wünsche ihr, dass sie heute glücklich ist.

Für wen? Fast jede*n. Wer zeitgenössische südamerikanische Literatur lesen möchte und sich gerne gedanklich mit Welten auseinandersetzt, die mit der eigenen wenig zu tun haben, ist hier goldrichtig.

Manche ihrer Bücher waren mir zu spirituell (das ist das falsche Wort – zu fantastisch?!), andere mochte ich sehr gerne. Paula, z.B. Dieses Buch (Übersetzung des spanischen Titels: Frauen, die meine Seele teilen) hat sie mit fast 80 geschrieben und es blickt auf viele Frauen zurück, die sie geprägt haben. Und sie resümiert, was sie geprägt hat. Und sie fragt sich, wie sie (in Chile geboren, dann in Venezuela und heute in den USA lebend) Feministin werden konnte. Es fühlt sich an, wie eine Lesung mit ihr. Zwischendrin hat sie mich verloren, als es so viel übers Altern ging (ich fühle mich einfach nicht alt (genug)); dann wieder sehr beeindruckt, weil sie über den Zeitgeist sehr gut informiert ist und sich freut, dass viel voran geht. Auch wenn sie nicht mit allem einverstanden ist.

Für wen? Alle. 

Ich habe mit feministischer Literatur weitergemacht. Bei Bill Gates habe ich das Gefühl, ihn halbwegs zu „kennen“. Von Melinda Gates wusste ich nichts. Und ich finde, mit dem Buch ist ihr gelungen, Stellung zu vielen Themen zu beziehen, ohne hochgehaltenen Zeigefinger (eben das Gegenteil von mansplaining). Sie erzählt viele herzzerreißende Geschichten, die sie durch ihre Stiftungsarbeit mitbekommen hat. Und ich habe viel über Zusammenhänge gelernt. Zum Beispiel, dass (auch wenn die Männer offiziell die Bauern sind) die Frauen die besseren Interviewpartnerinnen sind, wenn es darum geht, Verbesserungsideen zu bekommen. Denn sie verbringen meist mehr Zeit bei der Feldarbeit UND bereiten dann noch das Essen zu. Das heißt: sie wissen, welche Eigenschaften „guten“ Reis ausmachen: nicht nur als Saatgut, sondern auch in der Verarbeitung.

Für wen? Alle.

Habe ich erst in Rio angefangen. Anhand der Beispiele von sechs Katastrophen baut sie ihre These auf, dass Menschen an sich gut sind und in besonderer Gefahr Altruismus vorherrscht. Also: Gesellschaften gar nicht so schlecht sind wie ihr Ruf. Ich glaube das sofort und hatte gehofft, dass sie gute Ideen hat, wie man diese Utopien in nicht-akut-katastrophische Zeiten übertragen kann. Durch das San Francisco-Erdbeben von 1906 habe ich mich gequält und bin dann direkt zu 9/11 gesprungen. Da – und nochmehr bei Katrina – habe ich viel gelernt. Sie zeichnet ein ganz anderes Bild, als das, das wir aus dem Fernsehen kennen (diese Mediendarstellung kritisiert sie scharf). Die Communitys regaieren gut, die Regierung und die Medien verkacken es. Ich bin auf den Epilog gespannt.
Außerdem habe ich gerade herausgefunden, dass die Autorin Mansplaining in der bekannten Form beschrieben hat. Nämlich in ihrem Essay Wenn Männer mir die Welt erklären . Darin erzählt sie von der augenöffnenden (wahren!!) Episode: Ein Mann hält ihr einen ununterbrechbaren Monolog über ein Buch, das er nicht gelesen hat – … dessen Autorin sie ist. Steht jetzt auf meiner Lesewunschliste. Zusammen mit Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens – klingt auch toll.

Für wen? Weiß ich noch nicht.

HINWEIS: ich habe die Bücher zu genialokal verlinkt, damit du gleich deine nächstgelegene, lokale Buchhandlung auswählen kannst – solltest du Lust auf ein oder mehrere Bücher bekommen haben. Viel Spaß beim Lesen!

War doch erstaunt, wie lang die Liste ist, am Anfang sah es nicht danach aus… Außerdem habe ich ja noch Podcasts gehört. Hier eine Auswahl, die ich empfehlenswert finde.

PODCASTS – (nicht nur) für lange Busfahrten

Von und für Menschen, die „Berge im Kopf haben“. Sie stellt andere/clevere Fragen und lauscht tatsächlich sehr viel. Ich liebe sie.

Ulligunde – eigentlich heißt sie Erika – hostet auch den Allgäu-Podcast. Ihrem zum-Reden-bringen-und-lieber-Zuhören-Prinzip bleibt sie treu, die Themen sind breiter.

Nachhaltige Life Hacks für Faule, die aber ihren Klima-Fußabdruck verringern wollen. Auch mit ausgiebigem Blog und Artikeln. z.B. über Fair Fashion und Lebensmittelverschwendung.

Jeder Monat ist einer Stadt, Region oder Land gewidmet und es gibt zwei Folgen: eine zu Land & Leute und eine zu Wissenschaft & Natur. In beiden gibt’s Fun Facts und jeweils zwei Reportagen. Kurzweilig und lehrreich.

„Wir sprechen mit denen, die sich selbst und andere durch Zeiten des Umbruchs führen. Darunter Manager, Unternehmerinnen, Autoren, Coaches, Wissenschaftlerinnen und andere Vordenker. Persönlich. Unterhaltsam. Aufschlussreich.“ Das beschreibt es passend. Dabei sind z.B. John Strelecky (der Autor vom „Café am Rande der Welt“) über Purpose, der TRUMPF Personalchef über Diversity; man kann lernen wie Neue Narrative in Selbstorganisation arbeitet oder was sich in der Wirtschaft bewegen muss, damit Teilzeit und Führungskraft sich nicht mehr ausschließen.

Sie ist das Gegenstück zu Ulligunde, sie erzählt nämlich auch selbst gern: „Der Podcast über den Mut, Erste*r zu sein“ „bei dem ich mit spannenden Persönlichkeiten über ihre Erfahrungen und ihre individuellen Karrierewege spreche, wie sie es geschafft haben, sich hoch zu kämpfen und woher sie den Mut genommen haben, sich als Erste in ihrer Familie eine Karriere aus eigener Kraft aufzubauen.“ Erweitert meinen Horizont!

„ist ein Podcast über starke Frauen der Geschichte, im Guten wie im Schlechten“ – halt solche, die im Geschichtsbuch stehen müssten (die meisten Geschichtsbuch-Männer fallen eher in die Kategorie „Böse“ – ist euch das mal aufgefallen?). Mir gefällt, wie sie die Biografie der Damen in die jeweilige Zeit einordnet. Sie erzählt sehr ruhig, gleichmäßig und angenehm. Wer Probleme beim Einschlafen hat, sollte den vielleicht mal Ausprobieren. Oder wer sich beim Autofahren immer aufregt.

HINWEIS: Ich habe immer versucht, plattform-neutral die Homepage des Erstellers zu verlinken. Ihr findet alle (auch) bei Spotify & Co.


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

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