Die Kurzversion der drei Tage Rio lautet: wenig Samba, kein Strand – aber auch kein Überfall! Die Langversion kommt jetzt und – ja, ich muss mich erstmal auskotzen. Zum Ende wird es wieder positiver, keine Sorge.

Für mich war völlig klar, dass das Wetter in Rio gut ist. Ich bin nicht mal auf die Idee gekommen, in den Wetterbericht zu schauen. In meiner Unwissenheit bin ich also, als wir im strömenden Regen nach Rio eingestanden sind (Stau…), davon ausgegangen, dass es ein typischer spätnachmittäglicher Regenschauer ist.

Ich hatte drei Tage in Rio: am ersten gabs einzelne Sonnenstrahlen, der zweite war bewölkt mit Schauern und am dritten hat es durchgeregnet. Toll.

Einschub: Hier ist ja gerade Sommer. Für Rio hieß das z.B. immer: sonnige, heiße Tage und dann regnet es an den meisten Tagen ab dem Spätnachmittag. Das ist seit einigen Jahren nicht mehr so zuverlässig und jetzt kann Sommer auch mal heißen, dass es tagelang bewölkt ist und/oder den ganzen Tag regnet. Ich habe die Stadt nie wolkenfrei gesehen und hatte in den drei Tagen vielleicht zwei Sonnenstunden. Die 25 (statt 35 Grad) waren für mich wiederum ganz angenehm.

Die hohe Luftfeuchtigkeit hat außerdem zur Folge, dass trotz der Wärme nichts trocknet und alles etwas klamm ist. Iiihh!

In Bolivien kam es mehrfach vor, dass von mir 25 Bolivianos für ein Busticket verlangt wurden, das eigentlich 20 kostet. Solange das weder total offensichtlich ist noch mir in diesem Augenblick erzählt wird, dass das der Locals-Preis ist, kann ich damit gut leben. Ob ich drei oder vier Euro für die Fahrt zahle – ganz ehrlich – ist mir relativ egal. In Rio gabs auch special Touristenpreise, die waren dann aber eher 4x der Normalpreis. Oder im Falle des (zudem noch:) schlechtesten Cocktail der Welt: das ZEHNFACHE des Normalpreises. Den habe ich erst hinterher rausgefunden und da mein Menschenbild nicht negativ genug ist, habe ich trotz Nachverhandlung zu viel gezahlt. Das finde ich dreist und das ärgert mich. Learning: Am besten dahin gehen, wo Preise angeschrieben sind.

Außerdem sind die Cariocas oft so bruttelig, wie es den Schwaben nachgesagt wird. Wenn ich dankbar war, dass meine Anwesenheit (direkt vor dem Tresen stehend!) schon nach drei Minuten wahrgenommen wird, sagt das doch einiges. Zudem haben diese kleinen Begegnungen überproportional großen Einfluss auf meine Laune – so ein Zwiegespräch kann mich beflügeln oder es mir sehr schwer machen, zum nächsten Menschen, der mir begegnet, freundlich zu sein.

So, genug gejammert. Ich habe auch sehr nette Menschen getroffen. Zum Beispiel Riccardo (er ist Italiener… wohnt aber seit 10 Jahren in Rio). Er ist als Guide mit Zoé und mir durch den größten urbanen Nationalpark der Welt gewandert. Das ist der Tijuca Forest. Und weil Riccardo eigentlich Archäologe ist (und somit geschichtsbewandert) und gerne erzählt, habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass Rio auch mal Hauptstadt von Portugal war. Ja, genau! Napoleon hat dem portugiesischen König so zugesetzt, dass dieser mit seinem Hof nach Rio floh (1808) und 1815 Brasilien zum Königreich und Rio zur Hauptstadt seines Reichts kürte. Als Napoleon besiegt war, kehrten der Hof und der Hauptstadttitel 1821 nach Lissabon zurück.

Durch die Anwesenheit des Hofes hat sich die Stadt ziemlich vergrößert, inklusive des Bedarfs nach Bau- und Brennholz. Außerdem kam auch mehr „Industrie“, z.B. in Form von Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen. Den brasilianischen Kaisern (jaja!) Pedro I. und Pedro II. war bewusst, dass die Trinkwasserversorgung Rios vom Bestand des Walds abhängt (der bindet das Regenwasser in die Flüsse, aus denen es entnommen wird). Trotzdem musste es erst richtig schlimm werden (typisch Mensch?!), bis der Kaiser 1861 ein riesiges Aufforstungsprojekt ins Leben gerufen hat und sechs Sklaven über 100.000 Bäume pflanzten. 100 Jahre später wurde das Gebiet zum Nationalpark erklärt und damit sind wir zurück beim Thema. Im 19. Jahrhundert wurde natürlich nicht immer geschaut, ob die Pflanzen alle einheimisch sind, es ging (auch) darum schnell wachsende Arten zu nutzen. Wir sind also durch wenig Primärwald gewandert, wild wars trotzdem. Und zwei Schlangen haben wir gesehen. Unter dem Blätterdach hat der manchmal einsetzende Regen nicht gestört, es war aber ganz schön schwül – wir haben ordentlich geschwitzt! Da kam trotz null Sonne und eigentlich niedriger Temperaturen das Bad unter dem Wasserfall zum Ende sehr gelegen.

An den Aussichtspunkten haben wir durch die Wolken hindurch immer wieder was gesehen und ich habe, wie schon von der Dachterrasse der Pousada, festgestellt: Die Lage der Stadt ist einfach einmalig. Ausnahmsweise habe ich kein „das erinnert mich an…“ im Kopf, sondern muss sagen: Sowas hab ich noch nicht gesehen. Das Meer, die felsigen und/oder beurwaldeten Hügel, dazwischen Lagunen – das ist schon besonders!

Insgesamt hat die Stadt viele Gesichter. Copacabana ist mondän und großstädtisch, gleichzeitig stehen Menschen im Bikini oder in Badeshorts mit einem Bodyboard unter dem Arm neben mir an der Ampel. Das Zentrum hat einige sehr hübsche Gebäude und es sind Menschen jeglicher Couleur unterwegs. Santa Teresa, weiter oben gelegen, ist bunt und hippiesk – hier hat es mir sehr gut gefallen. Wobei mir z.B. im Parque das Ruínas wieder aufgefallen ist, dass einfach nicht Instagram-genug für manche Orte bin. Puh, was da gepos(te)t wurde…

Bewölkung hält die Cariocas (= Menschen, die in Rio geboren wurden) übrigens nicht davon ab, an den Strand zu gehen, da war durchaus einiges los. 

In Rio war ich ohne die teure Sportuhr am Handgelenk unterwegs und habe die Spiegelreflex (alt, aber auffällig) lieber nicht mitgenommen – Vorsichtsmaßnahmen, die ich sonst nirgendwo getroffen habe. Komische Situationen gab es für mich keine, hatte aber so viele Geschichten gehört, dass es eine Weile gedauert hat, bis ich mich entspannt habe. Vielleicht haben auch die Caipis dazu beigetragen?!

Egal in welche Richtung man schaut, an Rios Hügeln kleben die Favelas. Bei der Unterkunftssuche bin ich erstmal von Ipanema oder Copacabana ausgegangen, dann aber an der Pousada Favelinha hängen geblieben. Was vor allem an dem spektakulären Foto vom Dachterrassenausblick lag. Ein Hostel in der Favela?! Es existiert seit 2004 und hat ein Booking-Rating von 9,2 bei 300 Bewertungen – ich fand, dass klang sicher genug. Die Stadt hat über 100 Favelas (woanders habe ich von 700 Favela Communitys gelesen), die logischerweise nicht alle gleich sind. Die, die ich (aus der Ferne) gesehen habe, bestehen nicht aus Wellblechhütten. Es sind wildgebaute Häuser, in denen viele Menschen auf engem Raum leben. Man weiß, was die Nachbarn tun… Zudem gibt es keine Straßen – so viel Platz ist gar nicht. Die Pousada schreibt, dass die (eigene) Favela Pereira da Silva die friedlichste Rios ist. Hier wurde man zwar auch nicht freundlich gegrüßt, aber ich habe mich (auch im Dunkeln) tatsächlich wohlgefühlt. Wobei es auch ohne Straßenlaternen nicht dunkel ist. Jeder hat (zur eigenen Sicherheit?) vor der Haustür die ganze Nacht Licht brennen.

Moyseis Marques, ein brasilianischer Singer/Songwriter, hat das Video zu seinem Song Nomes de Favela in genau dieser Favela gedreht (und es geht darum, wie unerträglich das Leben in den Favelas geworden ist). Hier ist der Link zu YouTube. Das Album wurde 2007 veröffentlicht, das sieht man in der Videoqualität und im Format…  

Zur Einstimmung auf die Stadt hatte ich die beiden Rio-Folgen vom National Geographic Podcast Explore (bei Apple Podcasts / Spotify) gehört. Unter „Land und Leute“ kommt neben einer Ex-Cocaine Queen aus den Favelas auch ein Rettungsschwimmer zu Wort, der erklärt, woran man Touris an den Stränden erkennt und wer eigentlich wo anzutreffen ist. Das Interview endet mit „wenn ihr in Rio seid, kommt doch mal vorbei“. Als ich am Puesto 9 ankam, sind die Jungs gerade ins Wasser gesprintet – keine Chance nach Paulo zu fragen. Die Wellen bzw. Strömung vor den Stränden ist schon tückisch (ich war nicht drin, war mir ohne Sonne zu kalt). In „Wissenschaft und Natur“ geht es um Kaimane in der Stadt und den Körperkult, den die Cariocas – gerne durch Schönheitsoperationen unterstützt – betreiben. Vielleicht sind tatsächlich ein paar weniger Übergewichtige am Stand gewesen (und ich kann Touris und Cariocas nicht eindeutig unterscheiden). Die Folgefrage hat mir aber noch niemand beantworten können: Warum sind in Rio Speckrollen am Strand unattraktiv, im weiteren Südamerika aber egal?

Interessant fand ich, dass gefühlt 90% der Männer Shirt, Shorts und Flip Flops tragen. Da sollte man meinen, es gäbe keine großen Unterschiede. Aber doch, es ist in vielen Fällen sehr gut erkennbar, wer Geld hat und wer nicht. Da ist zum einen, welche Marke auf dem T-Shirt steht, in der Kombination mit dem Verwaschenheitsgrad. Aber auch die Haltung und Ausstrahlung.

In diesen Tagen ist Pelé gestorben. Die Flaggen hingen auf Halbmast und die Berichterstattung im Fernsehen war so intensiv wie in Argentinien nach dem WM-Titelgewinn – in meiner fußballfernen Touriwelt habe ich nicht mehr davon mitbekommen.

Tja, so hatte ich mich dann damit abgefunden, dass ich nicht zum Sonnenaufgang auf den Dois Irmãos klettere. Die Cristo-Statue und den Zuckerhut habe ich ebenfalls ausgelassen – die wolkenverhangen-Gefahr war einfach zu hoch…

Vermutlich lag es nicht (nur) am Wetter, dass ich die Stadt zwar spannend, aber vor allem anstrengend fand. Meine Reisemüdigkeit klang schon mehrmals an. Als ich am 30.12. im Regen durch Rio gelaufen bin, war ich sooooo froh, dass ich am Abend in den Flieger steigen darf – der mich dann am Silvestermittag im sonnigen München ausspucken würde: juhuuu!

Resümieren werde ich lieber separat, aber: ich bin wohlbehalten, müde, glücklich und sehr dankbar wieder zurück (gekommen) ❤


Spannende Themen!

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