Aufstehen. Freuen, dass nichts weh tut und idealerweise auch darüber, dass die Sonne scheint (oder: es nicht regnet). Sachen zusammenpacken. Kaffee und Frühstück. Schuhe anziehen. Rucksack auf den Rücken. Loslaufen. Den ganzen Tag. Währenddessen leiden, lachen, schwitzen, essen, trinken, an schönen Orten Pause machen. Dann: am Tagesziel ankommen, das Nachtlager einrichten, (vielleicht) duschen, (vielleicht) die Wanderklamotten waschen, auf jeden Fall essen und sich über den Tag freuen, schlafen gehen. Und dann fängt es wieder von vorne an. Das kann man tage- oder monatelang so machen. Und es ist herrlich.

Wer nicht zu viel auf einmal von seinem Körper verlangt, den tragen die Füße fast unendlich weit. Prinzipiell wird es mit jedem Tag leichter, wenn die Eingewöhnung durch ist. Dazu gehört schon, dass alles mal weh tut. Das Knie zwickt, irgendwo passen Fuß und Schuhe nicht so perfekt zueinander, die Schultern sind verspannt vom Rucksack, an der Hüfte ist eine Druckstelle vom Gurt. Das Schild im T-Shirt kratzt unangenehm. Das Anlaufen nach jeder Pause ist eckig – da muss man erstmal durch.

Auch im Kopf geht es rund (ein intensives Wechselspiel mit dem Körper, das kann ich euch sagen). Zu Beginn bin ich oft noch ganz woanders und ich debattiere Arbeitsthemen mit mir selbst, oder ob ich einen Podcast starten soll. Dann sind da die Zeiten, in denen ich gar nichts denke. Vor allem, wenn der Weg anspruchsvoller ist und ich konzentriert treten muss, dann bin ich voll im Moment. Die Sinne springen an – der Fels an den Händen fühlt sich toll an, die sonnengewärmten Latschenkiefern riechen nach Urlaub, die Insekten summen und sonst – ist nichts zu hören.

Und dann, immer wieder, tauchen Entscheidungen im Kopf auf. Offene Fragen sind beantwortet. Oder neue Fragestellungen – und neue Möglichkeiten! – tun sich auf. Das ist das, was bleibt.
Die keine-Lust-mehr-warum-denn-immer-noch-fünf-Kilometer-und-die-scheiß-Motorräder-nerven-Augenblicke verblassen wieder. Und sind notwendig, weil die Hochs ohne Tiefs halt nicht so hoch sind…

Zum Teil kann ich schon verstehen, dass man Streckenwandern langweilig und vielleicht sogar frustrierend findet. Ist es beides auch manchmal. Ein Wandertagwerk entspricht einer halben Stunde Autofahrt (noch nicht mal auf der Autobahn!) oder zwei Stunden Radfahren (wenn man wenigstens mit Fortbewegung aus eigener Muskelkraft vergleichen möchte).

Warum sollte ich also laufen?

Darauf gibt es sicherlich mehrere Antworten. Eine: weil es so guttut. Dem Körper und dem Geist. Und meditativ ist. Eine zweite: weil die schönsten Orte (oft) nur zu Fuß erreichbar sind. Da, wo Natur den Namen noch verdient hat, man raus aus der Zivilisation ist (wichtiges Merkmal für mich: kein Straßenlärm mehr) und die Wege unbefestigt sind. Die dritte: es entschleunigt. Der Alltag ist weit weg. Ich muss nur noch eine Handvoll Entscheidungen treffen und alle beziehen sich aufs Jetzt. Oder wie Theresa sagt: „weil es lebensverändernd ist. Ich war noch nie so sehr bei mir“.

Draußen sein ist einfach ein wunderbares, gutes Gefühl.

Wandern mit Bergpanorama gefällt mir am Besten

Hast du es selbst schon ausprobiert und warst mehrere Tage am Stück unterwegs? Eine Hüttenwanderung oder auf dem Jakobsweg? Bist du einen der vielen Steige oder Premiumwanderwege gegangen? Über die Alpen gewandert? Die Möglichkeiten sind zahlreichst und für jedes Level und jede persönliche Vorliebe ist was dabei: Mit/ohne Höhenmeter, mit/ohne Zivilisation, mit/ohne Wasser, kurz/lang, …

Übrigens bin ich davon überzeugt, dass auch nicht/wenig fitte Menschen weitwandern können (und dabei fit werden ;)). Ich finde auch, dass es jede*r mal probiert haben sollte.    

Wer sich jetzt fragt, was ein guter Einstieg wäre: tatsächlich z.B. der Jakobsweg. Und am besten allein. Die Infrastruktur ist so gut ausgebaut – es ist egal, ob du Tagesetappen von 15 oder 50 Kilometern machen möchtest, geht alles. Alle haben das gleiche Ziel und die gleiche Richtung. Du triffst unweigerlich Menschen, denen du mehrfach begegnest. Das Beste: es sind Menschen, die du zu Hause nie getroffen hättest und/oder mit denen du nicht ins Gespräch gekommen wärst. Die deine Welt erweitern, genau wie du ihre. Vor fast 20 Jahren (also mit 20) war ich auf dem Camino francés und bin einige Tage mit dem damaligen DHL Österreich-Chef gelaufen. Es war für uns beide inspirierend. Für mich vor allem, wie mein Leben mal nicht aussehen soll, für ihn eine Kreativitätsquelle und ein Anschuckeln, andere/neue Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Das alles mit viel Lachen.

Eine andere Möglichkeit: Der E5 über die Alpen. Das ist quasi das gleiche in den Bergen – zumindest stelle ich es mir so vor. Mehr Höhenmeter, kein geistiges Ziel, aber im Endeffekt doch ein Tross, der sich in die gleiche Richtung bewegt.

Wer nicht so weit fahren möchte oder gerne vor der Haustür starten möchte (auch da gibt’s viel zu entdecken!), der/die schaut z.B. mal bei Wanderbares Deutschland in die Datenbank.

Q&A

Und weil es am Anfang natürlich MEGA AUFREGEND ist, sich mit allem auseinander zu setzen, hier noch ein paar Antworten auf mögliche Fragen.

Die Antworten sind MEINE Meinung, und die ist aus meiner Erfahrung begründet. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Möglichkeiten gibt und man es richtigerweise auch ganz anders sehen kann. Also mal hören, was in dir so räsoniert.

über dem Neckar

Übrigens: Viel von dem, was ich hier beschreibe, gilt fast 1:1 auch fürs Bikepacking, also mehrtägige Touren mit dem Fahrrad. Der große Unterschied: Die Geschwindigkeit. Dadurch, dass ich auf dem Rad viel größere Distanzen zurücklegen kann, ändert sich die Landschaft z.B. schneller. Was es unter Umständen weniger eintönig macht. Radfahren erfordert durch die Geschwindigkeit aber auch mehr Aufmerksamkeit (grrrrrr, schon wieder die Abzweigung verpasst!) und zumindest ich merke, dass ich mir schwertue, stehen zu bleiben und zu schauen. Wenn das Rad rollt, dann wird nur gebremst, wenn es sein muss. Radfahren ist für mich nicht ansatzweise so meditativ wie Wandern. Aber das ist natürlich individuell verschieden.

Fernwandern, Weitwandern oder Streckenwandern?

Ihr habt schon gemerkt, dass mir Definition(en) davon egal sind. Der Start wäre vermutlich erstmal eine Mehrtageswanderung. Das – für mich – wichtige Kriterium ist: Ich kehre abends nicht an den Ausgangsort zurück, sondern habe alles auf dem Rücken, was ich für die ganze Wanderung brauche. Ob das auch Schlafsack und Essen beinhaltet, das kommt auf deine Route an.

Fernwanderweg oder selbstgeplant?

Da ist meine Empfehlung absolut klar: fertiger Weg. Weil a) davon gibt es haufenweise in jeder Länge und für jeden Geschmack, warum also nicht nutzen und b) kann das Handy im Rucksack vergraben bleiben und du musst nicht alle 300m draufschauen, welche Abzweigung du nehmen musst. Für mich ein essenzieller Bestandteil der meditativen Wanderwirkung.

Allein oder mit Begleitung?
Der frühe Vogel und so

Nicht so eindeutig. Beim Jakobsweg würde ich sagen: Allein! Bei der einsamen Nordfinnlandtour: besser nicht allein. Beim Camino de Santiago, beim E5, beim GR20, auf dem Peaks of the Balkans – also überall da, wo verlässlich ziemlich viele Menschen unterwegs sind, die (fast) alle in die gleiche Richtung gehen und in ähnlichen Abständen/ an festgelegten Orten übernachten, lernt man von allein neue Leute kennen. Man trifft sie wieder, ist nicht allein auf dem Weg. Führt aber ganz andere Gespräche. Kann aber auch allein sein und nachdenken oder den Wolken zuschauen.

Überall, wo es viele Einstiegs-/Ausstiegsmöglichkeiten und Varianten gibt und/oder die nicht häufig begangen sind, triffst du Menschen, aber die halt nicht unbedingt wieder. Da solltest du mit dir selbst klarkommen.

Und wenn du weitgehend die Zivilisation verlässt, dann schon mindestens zu zweit – im Fall der Fälle verletzt sich hoffentlich nur eine*r und es kann noch jemand helfen/Hilfe holen.

Eine andere Möglichkeit ist es, sich einer geführten Gruppe anzuschließen. Immer eine Option, wenn man nicht weiß, was „alpine Gefahren“ heißt, aber man die Alpen überqueren möchte. Gibt’s auch mit Gepäcktransportoptionen, aber das ist nicht mein Stil. Das ist doch ein Teil der Faszination: ich habe alles, was ich brauche an mir.

Kurz oder lang?

Hängt davon ab, was du vorhast und wieviel Zeit dafür… Vom GR20 will man nicht nur einen Teil laufen. Wenn ich aber nur z.B. 5 Tage habe, dann finde ich sicher einen Weg nicht weit von der eigenen Haustüre entfernt.

Die Fernwanderweg eignen sich auch hervorragend für Wochenendausflüge. Mit dem Zug zu Punkt A und zwei Tage später von Punkt B wieder zurück. Auf die Art habe ich einige Abschnitte des HW1/Albsteig gemacht. Europa hat ein Fernwandernetz und Deutschland profitiert durch seine Lage natürlich. Hier gibts einen Überblick.

Für den Wanderflow brauchst du mindestens 4 richtige Wandertage, aber mehr ist mehr (finde ich).

Flach oder bergig?

Ich liebe Höhenmeter und Berge – für mich also gar keine Frage. Außer es ist z.B. Winter und in den Bergen liegt Schnee. Oder ich habe Lust auf schnell Strecke machen, dann ist eben einfacher. Hängt also von deinen Vorlieben ab und … wo du wohnst…

Haupt- oder Nebensaison?

Den Malerweg z.B. wollte ich nicht im Sommer machen – zu voll. Ich suche mir meist die Nebensaison für die Tour aus, wenn das in den Terminkalender passt. Bei den Bergen ist die Saison an sich schon kurz. Trotzdem ist im September weniger los als im Juli/August, wenn alle Welt Ferien hat.

Ausnahme: bei sehr einsamen Wegen ist die Hauptsaison ratsam. Schöner, wenn man ab und zu mal jemanden trifft.

Zelt/Biwak oder Hotel/Hütte/Pension?

Draußen: Skandinavien, Pyrenäen, GR20, …
Drinnen: Alpen, Jakobsweg, Peaks of the Balkan …

Bei den langen Touren gibt es meist einen erprobten „way to go“. Klar ist der Gedanke wunderschön, abends vor dem Zelt zu sitzen, einen Tee zu kochen und dem Sonnenuntergang in der unberührten Natur zuzuschauen. Die Realität ist jedoch, dass du wahrscheinlich gern duschen würdest, total erledigt bist und vor allem: Draußen übernachten heißt locker 5 Kilo extra. Zelt heißt: du brauchst Isomatte und Schlafsack und musst mehr Wasser (Waschen + Kochen + Trinken) und Essen mitnehmen. In den Alpen ist biwakieren eine Grauzone, Zelten ist verboten. Was machst du, bis es dunkel wird? Und wenn die Infrastruktur doch eh gegeben ist, dann ist so ne Dusche, weniger Gepäck und ein gekochtes Essen auch ganz nett. (Klar, die Varianten unterscheiden sich auch in finanzieller Hinsicht).

Bei manchen Touren kommst du um das Zelt kaum herum, weil z.B. nicht genügend Hütten vorhanden sind. Oder weil du überall zelten darfst und es dann natürlich ein wunderbares Freiheitsgefühl ist, wenn die Sonne vor dem Zelt untergeht (während du drinnen den schmerzenden Rücken reibst ;)).

Den kleinen oder den großen Rucksack?

Immer den kleinen. Für eine 3-300-Tage Tour brauchst du (ohne Zelt und selbst Kochen) einen max. 30 Liter Rucksack, der gefüllt (ohne Wasser) max. 8 Kilo wiegt. Wenn du autark unterwegs bist, hängt es davon ab, für wie viele Tage du Essen mitnehmen musst. Mit 50 Liter solltest du trotzdem locker auskommen. Ich kann bis 12 Kilo ganz gut tragen, darüber hinaus komme ich klar, aber das Gewicht schlägt auf meine Laune… Die eigene Grenze solltest du bei deinen Trainingswanderungen mit Rucksack ausprobieren.

Stöcke oder nicht?

Ja! Bergauf helfen sie beim Steigen, Bergab entlasten sie die Knie und in der Ebene sorgen sie dafür, dass deine Hände vom Runterhängen nicht anschwellen und deine Beine jammern, sondern es ein Ganzkörperworkout ist. Mal davon abgesehen, dass man mit Stöcken schneller läuft (laufen kann).

Christine Thürmer oder Fräulein Draußen?

Hää? Wo kommt das denn her? – ich gehe davon aus, du hast Lust noch mehr übers (Fern-)Wandern zu lesen. Das tun beide und sie schreiben bzw. bloggen darüber. Mir scheint, man mag typabhängig nur eine von beiden. Aber beide haben was zu erzählen und machen dir sicher noch mehr Lust aufs Draußensein.

Christine Thürmer ist die „meistgewanderte Frau der Welt“, 1967 geboren, Fränkin und sehr unerwartet, das lässt sich in den 40 Sekunden über ihr eigenes Körpergefühl gut nachhören. Spannend ist das ganze Podcastgespräch im Hotel Matze (Link zu YouTube) allemal.

Kathrin Heckmann alias Fräulein Draußen kann mit Sprache spielen wie kaum eine andere. Und sie hat jede Menge (auch deutscher) Wanderwege ausprobiert, ihre Seite ist eine Schatzgrube. Z.B. auch ihr Artikel über einfache Fernwanderwege in Europa.

Und, Eli, welche hast du schon gemacht? Hast du Tipps?

Klar, für spezifische Fragen einfach schreiben/kommentieren!
Die folgenden Treks fallen mir spontan ein, grob sortiert von leicht nach schwer:

  • Verschiedene Abschnitte vom HW1 (Albsteig)
  • Den Malerweg in der Sächsischen Schweiz
  • Den Neckarsteig
  • die 200 Kilometer von León nach Finisterre auf dem Hauptweg des Jakobswegs (übrigens 2005, noch vor meinem sportlichen Leben!)
  • den Lechtaler Höhenweg
  • einen Teil des Maximilianwegs am Alpenrand (verbotenerweise, während Corona 🤫)
  • Den Laugavegur (Island)
  • 2014 dann den Küsten-Jakobsweg mit dem Campino Primitivo (800km)
  • Den Peaks of the Balkan
  • Den 3 Passes in Nepal/Himalaya
  • Den GR20 auf Korsika (in 13 Tagen | ich empfehle sehr ihn von Süd nach Nord zu gehen)
  • Kurz, aber heftig: unsere Stubai Seven Summits-Version
Und welche stehen noch auf der Wunschliste?
  • Die Transpirenaica (GR10 oder GR11 oder HRP)
  • Die Via Alpina lacht mich sehr an. Das wird mal ein Sabbatical-Ziel   
  • Eine selbstgeplante oder wenig begangene Alpenüberquerung
Und wie kommst du jetzt auf dieses Thema?

Ertappt. Seit Monaten wächst der Wunsch mal wieder lange unterwegs zu sein. Und zwar irgendwo, wo ich die Sprache spreche, das Wetter (meistens) stabil ist, viele Höhenmeter dabei sind und ich ein schönes Ziel habe. Ergebnis: Im September möchte ich auf dem GR11 über die Pyrenäen. Vom Mittelmeer zum Atlantik. Und dann bei Freunden im Baskenland ein paar Tage entspannen. Das schreibe ich zum Mitlesen natürlich auf.

Habt ihr Tipps?
Oder noch ganz andere Vorschläge?
Habe ich wichtige Aspekte zum Thema vergessen?
Freu mich auf eure Kommentare.


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

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