Stell dir vor, du wohnst in Stuttgart und bist zur Hochzeit eines Kletterfreundes eingeladen. In Schleswig (ja, nomen est omen, das ist in Schleswig-Holstein). Du hast wenig Lust zwei Tage im Zug oder Auto zu verbringen, um einen Tag zu feiern. Aber auch keine Lust auf Urlaub an der Nord- oder Ostsee. Tja. Was jetzt?
Die Lösung ist einfach: Anreise mit dem Fahrrad!
Gedacht, beschlossen, geplant. Seit Monaten freue ich mich auf die Tour und auf die Feier.
Malte findet die Idee nicht ganz so logisch bzw. Hintern-freundlich und steigt deshalb „nur“ zur zweiten Hälfte ein. Dann kann ich vor meiner Haustür losfahren… Mal geschwind in einen Routenplaner eingegeben:

Die Richtung ist klar: einfach nach Norden.
Ein paar Kilometer kommen sicher noch drauf. Zum Beispiel um den schöneren Umweg anstelle des Radwegs direkt an der Bundesstraße zu nehmen. Außerdem hab es noch nie geschafft mich nicht zu verfahren.
Wie lange soll es dauern?
Mittlerweile habe ich ein schnelles Gravelbike (wollte erst ’schick‘ schreiben, aber da es immer staubig-matschig-dreckig ist, habe ich das wieder geändert…), 150 Kilometer pro Tag sollten drin sein, denke ich. Ende Juli sind die Tage noch lang, da hat man Zeit… Also: 6 Tage. Daraus ergibt sich der Plan:
- ich fahre am Sonntag vor der Hochzeit los
- fahre fahre, Malte kommt dazu, wir fahren, fahren
- Ankunft am Freitagmittag in Schleswig, Nachmittags: chillen
- feiern am Samstag
- und fahren am Sonntag mit dem Rad im ICE zurück in den Süden.
Das klingt für mich nach einer super Urlaubswoche 👍.
Es gilt also wieder mal eine Tour vorzubereiten, zu planen und … (dafür) zu trainieren.
VORBEREITUNG
Mein 15-Kilometer-und-300-Höhenmeter-einfach-Arbeitsweg an im Schnitt zwei Tagen pro Woche reicht wohl nicht aus. Wie immer nehme ich mir vor sehr regelmäßig laufen zu gehen (Spoiler: hat wie immer nicht geklappt). Und eben zusätzlich auch öfter und vor allem länger Radzufahren.
Letzteres hat funktioniert und das hat vor allem zwei Gründe:
- Fünf Wochen vor dem Tourstart habe ich einen Termin zur Leistungsdiagnostik. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann will ich da vor allem hören, dass ich superfit bin. Dafür bin ich bereit zu trainieren.
- Der Regen. Dieses unfassbar nervige Wetter, dass in diesem Jahr aus 12 Grad und Regen oder 25 Grad und Gewitter zu bestehen scheint und fast alle Berg- und Kletterwochenenden hat ins Wasser fallen lassen. Da es aber selten durchgeregnet hat und der Alpen-Regen nicht immer bis Stuttgart gereicht hat, war auf einmal Zeit für Radtouren.
Die erste Vorbereitungstour ist im April. Freunde gehen im Schwarzwald klettern. Ich baue die Felsen so in die Tour ein, dass ich zur Mittagspause dort bin. Da war noch alles schick. Aber, puh, zum Ende hin wird es sehr, sehr mühsam. Rücken, Hände, Füße und der Hintern schmerzen… Der Trainingsbedarf ist offensichtlich.
80 Kilometer | 1440 Höhenmeter.
Es geht ja nicht nur um die großen Touren. Ich schwinge mich für eine entspannte Afterwork-Runde in den Sattel und rolle vor mich hin – so schön! Mir war nicht bewusst, wie nah der Flughafen ist…
38 km | 300 HM

Mit verstreut lebenden Freunden ist ein Biergartenbesuch im Grünen ausgemacht. Top Gelegenheit für eine Radtour – außerdem scheint sogar die Sonne! Heute will ich die 100 Kilometermarke knacken, dafür plane ich eine lange Zusatzschleife in den Track. Zurück will ich die Bahn nehmen. Tjaaaa, bis dann – mitten im Wald – ganz schön schnell die Luft aus dem Hinterrad entweicht. Ich habe prinzipiell alles zum Flicken dabei, aber bringe gar keine Luft in den Reifen. Menschliches oder technisches Versagen? Glücklicherweise habe ich wenigstens Handyempfang. Der nächste Ort ist 3 Kilometer entfernt. Für schwäbische Verhältnisse bin ich also im absoluten Nichts gestrandet. Fahrradläden findet die Maps-Suche im Umkreis nicht. Naja, erstmal zurück in den Ort schieben. Ich bin noch nicht lange unterwegs, da kommt mir ein Unimog entgegen. Vater und Sohn auf dem Weg zum Holz machen. Sie halten, ich erzähle. Und für sie ist es gar keine Frage: Das Rad und ich werden aufgeladen und auf den heimischen Hof gefahren. Ein Kompressor ist schon was anderes als eine Unterwegs-Fahrradpumpe… „Wir“ reparieren den Schlauch (ich darf den Flicken auftragen), während der Sohn mir erzählt und zeigt, was er zum siebten Geburtstag bekommen hat. Wir stellen fest, dass wir am gleichen Tag Geburtstag haben. Und dass ich im Gegensatz zu ihm nicht wusste, dass ein Wanderfalke im Sturzflug 350 km/h schnell sein kann. Als ich, das Navi jetzt auf den direkten Weg zum Biergarten programmiert, mit prall gefüllten Reifen wieder in die Pedale trete, frage ich mich, ob ich angehalten hätte / in einer ähnlichen Situation geholfen hätte. Ganz sicher bin ich mir nicht und gelobe vor mir selbst Besserung, wahrscheinlich brauche ich neue Karma-Punkte.
80 km | 1150 HM

Wieder ist das Wetter unbeständig, aber zum Radeln reichts. Am Nachmittag geht’s los. So, dass ich die geplanten 70 Kilometer gerade bis zur Dämmerung schaffe, denn ich will biwakieren. Klappt nicht ganz, aber der Mond ist hell genug, um das Nachtlager ohne Stirnlampe aufzubauen. Unterwegs wundere ich mich, warum in jedem zweiten Ort ein Festzelt aufgebaut ist – es dauert, bis es mir dämmert: logisch, Tanz in den Mai! Als es in der Früh wirklich dämmert, geht es weiter. Bei der Tourvorbereitung hat die Recherche nach Feiertagsgeöffneten Bäckereien und der Abschätzung, wann ich wo bin, am meisten Zeit in Anspruch genommen. Sie zahlt sich aus, das Kaffee-Schokocroissant-Brezel-Frühstück ist eine Belohnung. Auf den letzten 40 Kilometern kommen keine nennenswerten Höhenmeter mehr, ich rolle dahin. Schon eine gute Idee, „bergab“ Richtung Ostsee zu fahren…
66 + 97 km | 1220 + 1600 HM
Die Mediationsausbildungsgruppe trifft sich in Tübingen – top, da radel‘ ich nach Hause! Das Wetter ist wechselhaft, aber es soll zwei Stunden trocken bleiben. Nun ja. Etwa 20 Minuten vor Ende fängt es (plötzlich!) an zu regnen. Ich bin nicht als Einzige überrascht, unter jeder Brücke, jedem Vordach und ausladenderen Bäumen stehen verdutzt blickende Menschen ohne Regenjacke. Ich habe eine dabei – bin aber schon nass. Das Handy, mit dem ich navigiere auch. Da ich mich mittlerweile auskenne, stecke ich es in die Tasche.
Am Abend entsperrt es sich nicht mehr. Touch reagiert nicht. Die Gesichtserkennung auch nicht. Na toll. Andere erzählen Geschichten von Handys, die Waschmaschinenwaschen überlebt haben und meins kann nicht mal Spritzwasser? Ich lenke mich mit Packen ab, am nächsten Morgen fahre ich nach Berlin. Bis mir auffällt…, dass meine Bahncard und das Deutschland-Ticket nur auf DIESEM Gerät gespeichert sind (Das ICE-Ticket ist auch auf dem Arbeitsrechner). Und dabei bleibt es natürlich nicht – mir wird wieder bewusst, wie abhängig ich von diesem Ding bin und dass doch nicht alles in der Cloud und von überall zugänglich ist.
Ausgang der Geschichte? Am nächsten Morgen reagiert es manchmal (ich screenshotte alles, was ich glaube zu brauchen) und lasse es dann in Ruhe. Bis zum Abend wärme ich es schön und es erholt sich wieder komplett.
35 km | 570 HM


Zack, es ist Juni. Wie kann den schon wieder ein Monat ohne Radtouren vergangen sein? Es ist die letzte Trainingsoption vor der Leistungsdiagnostik und das Wetter in den Bergen ist mal wieder so wechselhaft, dass wir am Donnerstag das Wochenende canceln. Also Fahrradtraining – Richtung Norden ist das Wetter besser. Da wohnt die Heidelberg-Anja, deren neue Bleibe ich schon seit Jahren anschauen möchte. Also fix eine Tour geplant, die in Länge und Höhenmetern zwei Tagen der Radtour entspricht und geklärt, ob sie Zeit und ein Bett hat. Hat sie, los geht’s.
Zu dieser Tour gratuliere ich mir in mehrfacher Hinsicht selbst. Zum einen bin ich jetzt sicher, dass ich die 900 Kilometer schaffe (wenn nicht eine Verletzung/Unfall o.ä. dazwischen kommt). Zum anderen hatte ich planungsrelevante Erkenntnisse:
- 150 km auf (größtenteils) ASPHALT gehen gut, Schotter ist (leider) zu vermeiden. Wenn der lose/tief ist, werde ich zu langsam und es ist viel anstrengender
- Ich würde lieber nur am Wochenende fahren (weil viel weniger Autos unterwegs sind)!
- Ich hasse Autolärm. Ortsdurchfahrten im Berufsverkehr oder Radwege direkt an der Bundesstraße sind schlecht für meine Laune
- Die Morgenstunden sind die schönsten
- Rücken-Schultern-Brust mögen die Kombi aus Sonne, Sonnencreme und Schweiß überhaupt nicht. Darauf reagiere ich mit hunderten Eiterpickelchen. Außerdem hatte ich hoffentlich-bekomme-ich-keinen-Sonnenbrand-auf-dem-Rücken-Stress
- Meine Uhr behauptet, ich hätte an beiden Tagen jeweils ~3500 aktive Kalorien verbrannt. Mit dem Grundumsatz sind das ca. 5000 pro Tag. Das muss man erstmal essen!
- Navigation und Fotoapparat müssen zwei unterschiedliche Devices sein, sonst gibt’s hinterher keine Fotos. Unterwegs fummele ich das Handy nicht aus der Halterung.
Werde also noch mal überdenken, was ich anziehe, was ich esse und wo ich fahre. Grob gesagt.
150 + 140 km | 1260 + 1600 HM
Wieder ist Radfahren nur Plan B – ich wäre viel lieber am längsten Tag des Jahres bis spät zum Klettern am Fels gewesen und hätte draußen übernachtet. Nun ja, dann wenigstens eine Radtour am trockenen Vormittag. Den Gewöhnungseffekt merke ich auf jeden Fall. Weder mein Kopf noch mein Körper finden drei Stunden radeln lang. Aber – ich bin so schnell gefahren, wie ich konnte – müde bin ich danach schon. Mit bestem Gewissen genieße ich als Nachtisch eine ganze Schale frisch pürierter Erdbeeren mit gehackten und gerösteten Nüssen, Haferflocken und einem halben Becher körnigem Frischkäse. Mmmhh, lecker!
60 km | 920 HM


Juli. Es gibt wieder mal einen regenfreien Tag! Sogar warm soll es werden. Warum dann nicht an den Bodensee radeln? Damit ich Zeit zum Baden habe und mit dem Zug passgenau WÄHREND des EM-Viertelfinales (Spanien-Deutschland IN STUTTGART) in Stuttgart ankomme, beschließe ich schon in der Dämmerung loszuradeln. Mein Mini-Ersatz fürs ausgefallene Mitsommer-Klettern. Radeln geht gut, die Pommes am See schmecken hervorragend. Der restliche Plan geht ebenfalls auf: der Zug ist leer und ich bin vor Spielende zu Hause. Einschlafen wäre auch bei Halbfinaleinzugs-Jubel möglich gewesen, aber die Ruhe fand ich auch nicht schlimm…
165 km | 1800 HM


Drei Tage später fängt die Nase an zu laufen. Ob des die Kälte des Morgens oder des Sees oder das feuchtwarme Rest-Wochenende in den Vogesen war, weiß ich nicht, aber: ich schniefe. Damit ist die letzte Trainingsoption eine Woche vor der Radtour dahin. Gut, dass ich nicht erst 10 Tage vor der Tour angefangen habe zu trainieren…
Also, gesund werden, und dann geht’s los!
PLANUNG
Ging so Schritt für Schritt. Bei den Grundlagen war uns klar:
Unterkunft
Wir buchen Unterkünfte vor, denn wir haben 1. lange Fahrradtage (= unflexibel), 2. keinen Zeitpuffer und sind 3. in der Zivilisation unterwegs. Zelten bringt viel mehr Gepäck mit sich (Schlafsack, Isomatte, Kochzeugs, Essen, …) und hat vor allem Vorteile, wenn man es dort aufstellen kann, wo man will (also nicht in Deutschland) und/oder man Zeit hat.
Ich bin von Pensionen ausgegangen, es wurden am Ende lauter Ferienwohnungen. Auch gut, so haben wir eine Küche, sind nicht von Frühstückszeiten abhängig und können vor allem so frühstücken, dass wir gut durch den Tag kommen – weiße Brötchen wird’s also nicht geben…
Am ersten Tag übernachte ich bei einer MBA-Kommilitonin, sie wohnt direkt auf dem Weg.
Von weiteren Besuchen und Übernachtungen bei Freunden und Verwandtschaft haben wir dann abgesehen, weil uns selbst 20 Kilometer extra das Kilometerbudget zerschießen und die Tage dann entweder zu kurz oder zu lang werden. Ein wenig nervt mich die Inflexibilität, das kann man sich aber auch schönreden: Es wird während der Tour keinen/kaum Planungsaufwand geben. Ankommen: duschen, essen, schlafen – traumhaft.
Route

Ein Sonderangebot hat mich kurzfristig überzeugt und zack – jetzt habe ich das Komoot Premium-Abo – das enthält einen Mehrtagestourenplaner und der macht das Planen (und verschieben und testen) so viel einfacher. War sofort überzeugt (und werde es nie wieder kündigen können, glaube ich). Witziger Nebeneffekt: Bei meinen Tagestrainingstouren meldete es mir öfter: „Die übliche Dauer der Tour liegt bei 2-3 Tagen“ (und schlägt dann vor, eine Mehrtagestour draus zu machen). Natürlich nicht, aber danke, ich werte das als Kompliment 😉.
Zum Vergleich habe ich parallel Start und Ziel auf mapy.cz eingegeben. Da hat mir die Linie besser gefallen – weniger Städte, mehr (Fluss-)Radwege. Ein wenig habe ich also angepasst, für die 900 Kilometer aber nur ~50 Wegpunkte gesetzt, also nicht viel. Wichtig war mir:
- Unterkünfte mit genauer Adresse eingeben
- Untergrund: Möglichst viel Asphalt, möglichst wenig unbefestigt
- Rein in den Wald und weg von Fahrradwegen an (großen) Straßen
Um Pausen- und Einkaufsmöglichkeiten muss man sich meiner Erfahrung nach wenig Sorgen machen. Viel wahrscheinlicher ist, dass zwischendurch mehrfach der Weg wegen Bau(mfäll)arbeiten gesperrt ist. Und Fahrradwege unerwartet enden oder alle 100 Meter die Straßenseite wechseln… In diesem Jahr kommt ein Problem neu dazu: Oder dass es durchgängig regnet…
Aber wie sagen die Kölner: Et kütt wie et kütt. Wünschen darf man ja trotzdem: ich hätte gerne Sonne (und ein paar Schattenwolken), Temperaturen knapp über 20 Grad, keinen (Gegen-)Wind und keine Schmerzen 😇.
Packliste
Da habe ich mich an der von der Tour 2020 (Alpencross ohne gear: Die No-Shopping-Packliste) orientiert und nochmal mit der Sommer-Bikepacking-Packliste von Fräulein Draußen abgeglichen. Meinem Minimalismus-Ziel bleibe ich treu. Dass meine (eine) vorhandene Fahrradtasche reichen muss ist klar (+ eine Lenker-/Gürteltasche für das zur-Hand-haben-Zeugs).
Geht auch (problemlos), weil wir das Outfit für die Hochzeit und gemütliche (und saubere!) Klamotten fürs Hotel und die Rückfahrt mit dem Auto anreisenden Gästen mitgeben konnten.
Der viele Platz verlockt doch, mehr einzupacken… Die elektrische Zahnbürste wird diesmal mitdürfen.
Und ich habe im Vergleich zu 2020 doch etwas aufgerüstet. In den letzten Wochen habe ich mir doch eine Fahrradbrille zugelegt (zu oft Insekten im Auge gehabt) und Armlinge. Die hätte ich, als bekennende Pulsfriererin, schon viel früher kaufen sollen, ich bin begeistert!
Extra für die Tour habe ich auch doch noch ein Fahrradtrikot gekauft (ärmellos. Secondhand bei Vinted) und bin mir zwei Tage vorher immer noch nicht sicher, ob ich es anziehen soll oder nicht…
Was es am Ende geworden ist lest ihr hier in meiner Bikepacking-Packliste:
Spannende Themen!
Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!
