Um uns herum dunkler Sand, zu Dünen zusammengeweht. Mal sehen, was hinter dieser Kuppe kommt. Kevin gibt Gas, aber … der Jeep geht einfach aus. Und nicht wieder an. Da stehen wir. In der Siloliwüste. Wir haben seit Stunden keinen Empfang und das bleibt auch noch ne Weile so. Wir sind so spät dran, nach uns kommt (bis morgen) keine Tour mehr vorbei. In zwei Stunden ist es dunkel, der Wind ist schneidend kalt und über die Hügelkette auf der Rechten schiebt sich drohend eine dunkle Wolkenwand. Läuft.

UYUNI

Der wilde Westen mit breiten, staubigen Straßen und dem letzten Rest Zivilisation vor der weißen Landkarte ist in Bolivien im Süden. Weiß heißt hier allerdings nicht unerforscht, sondern Salz –  wir befinden uns am Rand der größten Salzwüste der Erde. Die ist mein deswegen-diese-Reiseroute-Highlight 2 (von 3). Gleich kommt noch mehr zu dieser Dreitagestour, die (für mich) in Chile endet. Es ist also die letzte Station in Bolivien und das Gefühl ist bittersweet.

Einerseits bin ich durch mit Bolivien (die Lust auf Fleisch und Reis ist nicht zurück gekehrt – komisch!), andererseits fühle ich mich schon sehr wohl. Es ist toll zu wissen, dass ein frisch gepresster O-Saft auf der Straße 5 Bolivianos kostet, was sich hinter den Namen der Mittagessengerichte verbirgt und welche Farbe welcher Geldschein hat. So kurz vor dem Grenzübertritt merke ich wieder, wie nervig es ist, zu überlegen, wie viel Geld GENAU ich noch brauche. Schließlich möchte ich nicht bei einem 10 Euro-Abhebemanöver Karte 2 verlieren (mein Elizeit-Trauma)…

Bisher war ich recht gemächlich unterwegs. Jetzt sind allerdings nur noch drei Reisewochen übrig und ich habe noch gute 3.000 Kilometer bis nach Rio zu bewältigen. Und das über Weihnachten, wenn auch alle Argentinier, Paraguayer und Brasilianer unterwegs sind und Hotels teuer und Bustickets knapp werden. Da es in Uyuni sowieso sehr wenig anzuschauen und zu tun gibt, nutze ich die Zeit, um die weitere Route zu planen (Spoiler: Weihnachten bin ich in Iguazu, meinem deswegen-diese-Reiseroute-Highlight 3). Das war sehr unbefriedigend – zum einen weiß ich so wenig über meine die weiteren Ziele und zum anderen ist es ist schön, dass man theoretisch so viel übers Internet machen kann – besser wäre aber, wenn es auch praktisch klappt – also z.B. die Rückleitung von Paypal zum Busanbieter auch hinhaut…

mein Weg durch Bolivien… und noch viele Kilometer bis Rio

Gibt’s noch was über Uyuni zu sagen? Ich glaube nicht. Außer, dass es hier unglaublich viele Agenturen gibt, die Touren auf den Salar verkaufen. Aber alle nur die Dreitagestour (oder kürzer), keiner will mich auf einen Vulkan bringen :(. Die Route ist bei allen gleich, deswegen spare ich mir das Abklappern und spreche nur mit denen, die mir von Rückkehrern empfohlen werden.

Tag 1: SALAR DE UYUNI

Der Tag beginnt mit strahlendem Sonnenschein. Wie schön! Die Wetter-Apps waren sich nicht einig, wie es wohl wird. In den letzten beiden Nächten hat es geregnet und ich habe Hoffnung, sowohl trockenen als auch spiegelnden Salar vorzufinden. Diese Hoffnung macht Kevin, unser Guide, gleich kaputt: über dem Salar hat es nicht geregnet. Na gut, wenigstens blauer Himmel. Kevin ist leider kein Glücksfall, er ist zwar nett, aber guiden (Erklärungen, Zeitplan, …) tut er nicht, wir müssen ihm alle Infos aus der Nase ziehen und organisieren uns selbst. Die Gruppe (zwei gerade-mit-dem-Master-fertig-Franzosen, zwei Spanier auf drei Wochen Peru-Bolivien-Urlaub und ein auch zwei-Monate-unterwegs-Deutscher) passt dafür nach einer Auftau-Phase sehr, sehr gut.

Der Cementerio de Trenes ist der erste Stopp. Die Engländer hatten Schienen gebaut, um mit den Chilenen die in den bolivianischen Minen abgebauten Mineralien direkt  zum Hafen in Antofagasta transportieren zu können. Chile und Bolivien und Meerzugang war auch da schon kein einfaches Thema und Minen sind ja eher volatil… Im zweiten Weltkrieg war es dann endgültig vorbei und seitdem stehen an die 100 Lokomotiven und Waggons herum und rosten langsam (dem Klima sei Dank) vor sich hin. Es werden wohl immer weniger, weil die Locals sich holen, was sie an Schrott brauchen – warum nicht. Foto-Opps gibt es noch genug.

Wir sind auf dem Salar! Vor uns erstreckt sich Weiß. In alle Richtungen. Unterbrochen von ein paar dunklen Bergen am Horizont. Es ist eine verrückte Landschaft. Der Salar de Uyuni ist schon vor 10.000 Jahren ausgetrocknet, übrig bleibt das Salz. Unter der (wo wir unterwegs sind: meterdicken) Salzkruste ist nach wie vor noch Wasser, manche Stellen sind sicher gefährlich.

Der erste Stopp ist das Dakar-Denkmal. Ich lerne (von den Franzosen), dass die Rallye Paris-Dakar nur im ersten Jahr von Paris nach Dakar ging und die Route seither immer wechselt. Ha! Und eben ein paar Jahre lang in Südamerika war.

Im Hotel ganz aus Salz gibt es Mittagessen.

Danach müssen wir erstmal vor der Gewitterwolkendecke weg fahren (wenn die Sonne nicht scheint sieht das Salz gelb aus) und machen dann meinen gefürchteten Fotostopp. Wem der Salar ein Begriff ist, der kennt die Perspektivfotos. Aber ich muss sagen… es macht mega Spaß. Wir tanzen, wir laufen vor dem Dinosaurier weg, wir springen, wir posieren – und wir lachen sehr viel. Natürlich probieren wir die Kristalle: Ja, tatsächlich Salz. Das nächste Learning: Sie sind sehr scharfkantig, hinlegen ist keine gute Idee. Später begegnen uns Radfahrer, ich bin wenig erstaunt, dass sie gerade mit Reifen flicken beschäftigt sind.

Am Aussichtspunkt der Kakteeninsel Incahuasi bekommen wir ungefragt ein Gratiskonzert einer südkoreanischen Reisegruppe. Ich hatte vorher gehört, dass sich die vielen Touren „auf dem Salar gut verteilen“ – das konnte sie nur sagen, weil sie die Tour in Tupiza angefangen hat und damit gegen den Strom unterwegs sind. Angesichts der bestimmt 20 Jeeps vor der Insel ist es gut, dass es in der Salzwüste keine (Park-)Platzprobleme gibt…

Der Sonnenuntergang über dem Salar fällt wegen zu vielen Wolken aus. Direkt danach verlassen wir den weißes-Salz-Part des Salars. Die meisten denken, man ist drei Tage auf dem Salz, das stimmt aber nicht.

Tag 2: VULKANE UND LAGUNEN

Es regnet. In Strömen. Die ganze Nacht. Den ganzen Morgen. Wenn es irgendwann aufklart und die Sonne scheint, ist der Spiegel da – aber wir eben schon weg. Die Gruppe trödelt, Kevin ist nicht zu sehen – niemand hat es eilig. Am ersten Stopp, dem Aussichtspunkt auf den Vulkan Ollague sieht man… grau-weiß. Es ist nicht so ganz klar, was Wolken und was Schnee (neu!!!) ist, aber Gipfel ist nicht zu sehen.

Auf dem Weg zur ersten Lagune entscheidet sich Kevin zu spät, wie er um die großen Steine und tiefen Furchen im Untergrund herum fahren möchten und – zack – rutschen wir ab, und sitzen mit der Vorderachse auf einem Felsbrocken. Wir haben keinen Empfang mehr, keine weiteren Touren hinter uns, keine Schaufel, aber… einen Wagenheber und unsere Hände und Füße. Am Ende graben wir (also, vor allem Sergio) den Stein unter dem Auto heraus und … juhu! Es hat nichts abbekommen, wir können weiterfahren.

An der Lagune gibt es vor allem viele Flamingos. Und während die Spanier ein ausgiebiges Fotoshooting machen kommt die Sonne raus. So schön! Es folgen mehr Lagunen und mehr Flamingos. Unterwegs stehen immer wieder Vicuñas am Wegesrand. Gerade sind wir auf dem Weg zu den Vizcacha-Felsen und diskutieren, ob die jetzt mehr Hase als irgendwas anderes sind, als das Auto ausgeht – siehe Textbeginn.

Das ist natürlich ein hochspannender Moment in Gruppenprozessen… Wer übernimmt welche Rolle? (Wann) kippt die Stimmung? Wir haben als erstes festgestellt, dass unsere Situation ungemütlich werden kann, aber nicht lebensbedrohlich ist. Wir haben alle warme Klamotten dabei und werden bis zum Morgen weder hungern noch dursten. Wir lachen und scherzen viel: es ist Valentins 24. Geburtstag und der Plan war eigentlich, mit Rotwein in den heißen Quellen zu feiern. Das ist erstmal weit weg. Aus unserer Gruppe hat niemand irgendeine Ahnung von Motoren (Nick, nachdem er eine Stunde lang den nicht vorhandenen Motorklappenaufhalter ersetzt hat: „Ich weiß jetzt, wo man das Scheibenwischwasser einfüllt“), außer Sergio – der ist begeisterter Autobastler. Und Kevin natürlich, es ist ja nicht das erste Mal, dass ein Auto kaputt geht. Ich bin sehr dankbar, dass a) Sergio dabei ist, er behält einen kühleren Kopf als Kevin und b) dass es der Spanisch-Muttersprachler ist, der mit dem Spanisch-Muttersprachler am Auto rumschraubt. Viel einfacher so.

Uns fällt ein, dass wir vor gar nicht so langer Zeit an einem Militärposten vorbei gekommen sind und Kevin sagte, dass hinter der Düne ein Hotel ist. Tatsächlich, man sieht es entfernt am Horizont. Die Mechaniker sind guter Dinge, wir schicken also noch keinen Meldetrupp los. Manchmal bleibt das Auto kurz an, aber so richtig viel passiert nicht. Sergio beschließt, dass wir es schaffen, mit dem Auto zum Hotel zu kommen – es geht ja bergab. An dieser Stelle beginnt das Workout des Tages. Was haben wir diesen Jeep (an)geschoben… Auf 4.500 Meter Höhe – die anderen merken es deutlich.

Um es kurz zu machen: Wir schaffen es nicht ganz bis zum Hotel, aber doch deutlich näher ran. Kevin rennt los, wir überlegen uns, wie es weitergehen würde, wenn das der Beginn eines (Horror-)Films wäre. Ha, es fährt ein Auto vom Hotel los! Sie haben uns natürlich nicht entführt und wir haben auch nicht ihr Auto entführt (zwei mögliche Filmszenarien). Es waren der Guide und Fahrer einer anderen Gruppe. Am Ende haben sie das Auto überbrückt und unsere línea de vida, oder Rettungsschnur, hing einmal quer unterm und durch das Auto. Wir hatten alle Bauchschmerzen, mit dem Auto jetzt in die Dunkelheit zu fahren – und womöglich wieder liegen zu bleiben. Das Hotel wäre aber voll und sie würden mit Sicherheit 200 Euro pro Person von uns wollen (klar – welche Alternative haben wir?!). Oder ist doch der Champagner-Brunnen zu Valentins Ehren inkludiert? Kevin und der andere Guide erklären uns, dass die Agenturen sich bei Problemen immer sehr geschmeidig heraushalten und das Auto in die Zuständigkeit des Guides/Fahrers schieben. Ob sie uns ein neues Auto schicken würden, wie Janira sich das so einfach ausmalt, bezweifle ich tatsächlich sehr. Die Guides entscheiden für uns. Also, wir fahren los und halten nicht bei den Vizchachas, beim Árbol de piedra muss ein Foto aus dem Auto reichen und dann kommen wir eine gute Stunde später – es ist noch Restlicht übrig – an die Laguna Colorada, das Highlight des Tages. Sie hat keine Farbe mehr, die Berge dahinter sind nicht mehr sichtbar und die Flamingos auch nicht. Kevin macht vor der Nationalparkschranke das Auto aus, wir zahlen unsere Gebühr, sie macht die Schranke auf und… das Auto springt nicht an. Wir wissen mittlerweile was zu tun ist, im zweiten Anschiebeversuch springt es wieder an. Durch Schneetreiben und Dunkelheit geht es weiter. Kevin gibt irgendwann zu, dass er keine Ahnung mehr hat, wo wir sind. Ich starte Mapy, wir sind richtig und es sind noch etwa 40 Minuten Fahrt. Mittlerweile ist es 20:30 Uhr, wir sind seit fast 14 Stunden unterwegs und haben große Mühe Kevin wach zu halten – kein Wunder, was für ein Tag! 100 Meter vor dem Hotel geht das Auto wieder aus… Egal – die anderen Guides sind da.

Zum Abendessen bekommen wir kalte und zerkochte (Bolivien verabschiedet sich auf typische Weise) Spaghetti Bolognese. Egal. Die Guides melden, dass unser ganzes Problem ein Fingernagelgroßes fusible (aha) war, das jetzt repariert ist und wir morgen kein Problem mehr haben.

Wir freuen uns, dass wir angekommen sind und stoßen ausgiebig mit Valentin an. Mit Wein im Kopf und Bier in der Hand geht es noch in die Outdoor-Therme. Es ist toll. Der Nebel wabert um uns herum und der fast-Vollmond scheint.
Einziger Wermutstropfen ist, dass es wieder bewölkt ist und wir keine Sterne sehen.

Tag 3: LAGUNEN UND GRENZE – San Pedro de Atacama

Zur Laguna Colorada ist es zu weit, aber wir fahren zumindest zum Geysirfeld zurück: um 5 Uhr morgens… Das war eine kurze Nacht. Das geothermische Feld heißt Sol de mañana und in der Morgensonne ist es tatsächlich wunderschön. Danach gibt’s Frühstück und wir starten zu den letzten Lagunen – schon wieder mit einer Stunde Verspätung. Vulkan und schneebedeckte Berge spiegeln sich wunderschön. Trotz ausgiebiger Fotopause schaffen wir es rechtzeitig zur chilenischen Grenze.

Station 1: bolivianische Zollstation. Formular ausfüllen, Pass zeigen. Ins Auto, 5 Minuten fahren zu

Station 2: bolivianische Grenzstation. Gepäck VOR den chilenischen Bus legen, ins Häuschen gehen (Wartezeit, klar), Ausreisestempel holen, dann das Gepäck IN den Bus laden dürfen. 10 Minuten Busfahrt.

Station 3: chilenische Grenzstation. Formular ausfüllen und nochmal GENAU überlegen, was alles an Essen im Rucksack ist. Die Chilenen haben ja große Sorge vor Seuchen, weshalb kein Obst und Gemüse eingeführt werden darf. Die Kontrolle (sie haben nicht mal ein Röntgendings und keine Hunde) ist sehr freundlich, sehr oberflächlich, aber gut organisiert. Gut, in meiner Tasche würde ich auch nicht so viel wühlen wollen – es ist durch den vielen Regen am letzten Vormittag noch alles nass).

Dann fahren wir einfach nur noch 40 Minuten den Berg runter und sind in der Wüste. Verrückt.


Bye Bolivien, hallo 30 Grad!


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

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