Gute 800 Kilometer zu Fuß längs über die Pyrenäen, klingt das nicht nach einem wunderbaren Sommervorhaben? Start und Ende sind das Meer und dazwischen warten auf der Transpirenaica 45.000 Höhenmeter. Ich finde es klingt fantastisch. Im September 2024 geht es los. Mein loses Ziel ist es, in 30 Superschnelli-Tagen durch zu sein. Ob das klappt?
Ich berichte in mehreren Teilen.

Tag 25 | Sallent de Gallego – Refugio de Aguas Tuertas

44,63 k | 2.153 ⬈ | 1.888 ⬊ | 12: 58 Dauer | 15 Grad, sonniger (aber kalter) Start, Regen in Candanchú, wolkenverhangen, Nieselregen ab 16 Uhr | höchster Punkt: 2.229 m
👍 die trockene Nacht im Refugio
👎 dass die Fußschmerzen zurück sind

Start in trockenen Schuhen!! Juhu!

Die ersten Kilometer sind auf Feldwegen parallel zur Straße – und so matschig, dass ich auf die Landstraße wechsle(!).

Dann geht es hoch, durchs Skigebiet Ananyet. So viel schweres Gerät und Aktivität! Das Sträßchen scheint breiter werden zu sollen, der Betonmischer lief… Bin aus den Aktivitäten nicht ganz schlau geworden. Beeilen sollten sie sich, der Regen im Wetterradar hat schon rosa (Schnee-)Flecken…

Es sind so viele Leute unterwegs! Neben der 20 Personen Wandergruppe bestimmt auch noch mal so viele in kleineren Gruppen.

Der Ibón Norte de Ananyet ist hübsch, genauso wie das, was man vom Midi d‘Ossau im Hintergrund sieht. Es ist windig und frisch, die Pausen fallen kurz aus.

Hatte auf ein Mittagessen und Aufwärmen in Candanchú gesetzt. Das ist auch ein Skiort und ohne Schnee ist dort tote Hose. Alles ist zu, auch das Refugio (Check-In ab 17h…). Immerhin ist die Tür zum Vorraum offen. Dort mache ich es mir auf einem Hocker „gemütlich“ und bin immerhin regengeschützt.

Tatsächlich scheint die Sonne, als ich wieder starte. Kurz nach dem Dorf trennt sich der Weg. Die Markierungen führen nach links – der Weg macht einen großen Bogen, das hatte ich gestern auf der Karte gesehen. Der Rother und ich biegen nach rechts ab, das war früher mal der GR11.

Ich bin im Schneckentempo unterwegs, denn

  • Der Trampelpfad ist matschig und die Steine rutschig
  • Ich will nicht so früh an meinem Übernachtungssee ankommen – dazu ist es zu kalt
  • Der rechte Fuß tut wieder weh und schwillt an.

Jonas Deichmann und Philipp Hympendahl unterhalten sich in „Cape to Cape“ darüber, ob sie einen Pausentag machen würden, wenn sie viel schneller wären als gedacht. Antwort: nein, die Grunderschöpfung ist viel zu hoch – wenn der Körper sich einmal entspannen würde, sie kämen nicht mehr hoch.
Ich glaube, dass das das gleiche Phänomen ist. Der Fuß hatte sich mit der Belastung arrangiert (er hat sich seit Tagen nicht gemeldet), dachte dann gestern, dass es vorbei ist und packt es jetzt nicht mehr. Mist.

Der Fels ist so rötlich. Passt zum Herbstbild.

An einem Wasserfall muss ich die Schuhe ausziehen. Das Wasser ist zu tief, um trocken rüberzukommen. Wobei – richtig trocken sind die Schuhe eh schon wieder nicht mehr…

Dann kommt der Nebel. Durchgängig. Das fängt schon eine Weile vor dem Ibón de Estanés an und wird dort nicht besser. Der Fuß tut weh. Die Schuhe sind nass. Die Luftfeuchtigkeit zieht in die Klamotten, und zwischendrin nieselt es. Der Boden ist feuchtigkeitsgetränkt und matschig. Es ist grau, die Wolken drücken runter. Dass manchmal blauer Himmel für Sekunden durch ein seltenes Wolkenfenster blitzt, hilft nicht. Es ist ungemütlich und es soll nachts wieder regnen. Alles in mir sträubt sich, hier und jetzt zu übernachten.

Ob es im Abstieg aber besser wird? Und ich muss noch durch eine Art Moor. Und es ist spät. Ich habe schon mehr als 30 Kilometer auf der Uhr und es sind noch 8 Kilometer bis zur nächsten Schutzhütte, deren Zustand ich nicht kenne. Aber: es kann nur besser werden, ich gehe weiter.

Die Sicht wird besser, und es kommt kein Wasser von oben. Aber die Kuhwiesen sind mir zu morastig.

Das ist aber nichts im Vergleich zu den Aguas Tuertas. Ein Fluss windet sich in Schleifen zwischen den Bergen nach unten – Tourihotspot, viele wandern hoch, um sich das anzuschauen. Und ich? Stapfe – mittlerweile mit Stirnlampe – ziemlich stumpf gerade aus, nur mit dem Ziel, nicht den Weg zu verlieren. Vielleicht wars sogar gut, in derart erledigtem Zustand durchs kuhmatschige, beregnete Moor zu gehen. Einen trockenen Weg hätte es vermutlich eh nicht gegeben und so war ich schnell. Die Schuhe/Socken quietschen.

Um 21 Uhr komme ich am Refugio an. Es ist warm und trocken – und: leider ist schon jemand da. Ausgerechnet heute und zum ersten Mal. Er „schläft“ schon. Ich esse noch schnell ein paar Haferflocken, dann strecke ich mich auf der Pritsche aus. Puh, was für ein Tag.

Tag 26 | Refugio de Aguas Tuertas – Izaba

31 k | 1.022 ⬈ | 1.854 ⬊ | 08:30 Dauer | 17 Grad, nieselig-verhangen am Vormittag, mittags bewölkt, am Nachmittag Sonne | höchster Punkt: 1.968 m
👍 sonniger Bergblick beim Fußbad
👎 im Nieselregen durch Kuhmatsch

In mein Selbstmitleid für mein hartes Schicksal hinein wird es hell. Tageslicht offenbart, dass ich meinen Mitbewohner aus Sallent kenne. Vielleicht waren mein Pausen- und der lange Tag besser als seine zwei 20km-Wandertage im Regen?

Bin auch heute Morgen froh über das Dach über dem Kopf. Es nieselt. Er ruft über sein InReach den Wetterbericht ab. Der sagt, dass es jetzt/ heute/ morgen nicht regnet. Schön, passt aber leider nicht zur Realität.

Die Wolken sind hartnäckig. Ich streiche die Übernachtung auf dem Gipfel des Ezkurre vom Plan. Klang gut, als ich in Sallent auf dem Sofa lag, aber jetzt…

Die vielen Farne am Wegesrand lassen auf generell viel Feuchtigkeit schließen. Und tatsächlich, der Wanderführer schreibt, dass die Aguas Tuertas eine der regenreichsten Regionen der Pyrenäen ist: 1.600 mm pro Jahr (Hamburg: 800).

Es dauert bis 11:03 Uhr, bis der erste Sonnenstrahl zu mir durchkommt.

Wie auch schon gestern sehe ich viele Bergziegen. Schön! 

Scheiße, absteigen macht mit dem schmerzenden Fuß gar keinen Spaß.

In der Sonne sitzen und mit Blick auf die Zacken der Sierra de Alano die Füße zu baden wiederum ist Glück! Bei Sonne ist schlecht gelaunt sein schwierig.

Das Hochgebirge habe ich nun offiziell verlassen – (fast) schade!

Überlege, ob ich den Ezkurre nicht doch mitnehme… Aber die Kälte, die heranziehenden Wolken, der schmerzende Fuß und nicht zuletzt die Aussicht auf ein richtiges Bett heute Nacht überwiegen und ich nehme den kürzeren und fußfreundlicheren Weg nach Izaba.

Gut, dass ich in Sallent so ausgiebig geplant habe – ist alles längst hinfällig… Ich bin durch die Abkürzung und den langen Tag gestern auf einmal fast einen ganzen Tag vor Plan.

Unterwegs hat mich ein Schild darauf hingewiesen, dass ich jetzt in Navarra bin. In Izaba höre ich es dann auch: Baskisch! Lustige Sprache, die man wirklich überhaupt nicht versteht. Erster Stopp dort: Sonnenterrasse einer Bar mit der obligatorischen Cola und Pinxtos.

Izaba ist eine Kirchenfestung und ein hübsches Fleckchen Dorf. Die Hostales sind aber alle zu, es geht auch keiner ans Telefon… Finde dann doch einen Platz für die Nacht.

Im Geschenkeladen nebenan bekomme ich Zeitung zum Schuhe trocknen geschenkt und zum Abendessen gehe ich in Socken – praktisch, wenn man nicht nochmal vor die Tür muss.

Tag 27 | Izaba – Paso de Tapla

34,73 k | 1.746 ⬈ | 1.170 ⬊ | 09:34 Dauer | 22 Grad, morgens frisch, dann der perfekte Wander-Sonnentag | höchster Punkt: 1.495 m
👍 der Sonnenuntergang
👎 warum kommt kein Biwakplatz wenn man ihn braucht?

Ich kann schon die Wettervorhersage für meinen Ankunftstag anschauen. Verrückt. Die, die ich an meinem Anfang (und deren Ende) getroffen habe, waren hin und her gerissen zwischen „es reicht“ und „es soll noch nicht zu Ende sein“. Wie geht’s mir damit?

  • Mit dem Fuß: mehr Ende, auch weil ich mich aufs Freundewiedersehen freue
  • Irgendwie auch Heimkommenfreude, aber nicht so sehr auf den Alltag
  • Das Wanderleben ist nicht immer leicht, aber einfach – das gefällt mir weiterhin (die einzig relevanten Fragen sind: was/wo essen und schlafen? Und: trocknen die Klamotten rechtzeitig, wenn ich sie jetzt wasche)

Nach dem Schuhe anziehen muss ich erstmal Hände waschen… Aber, Zeitungspapier sei Dank, sie sind fast trocken.

Zielsprintstart, wenn noch 1/5 Weg vor mir liegt? Ist früh, oder? Aber 30 Tage sind auch einfach nicht lang. Das fließt so ineinander. Noch 156km – ich starte den letzten Teil meines Tracks. Tendenziell geht es ab jetzt bergab. Als ich realisiere, dass es vermutlich nicht mehr lange dauert, bis ich den Atlantik zum ersten Mal sehe, läuft mir ein Aufregungsschauer über den Rücken. Gar nicht so gut, mir ist grad eh kalt.

09:03: bin zwar (noch) im Wald, aber die Sonne hat mich eingeholt. Herrlich!

Kein einziger Bach bis Ochagavía. Wassernachschub verändert sich… Aber im Ort wird fußgebadet. Und gegessen.

Zu viel gegessen. Und zu viel Sonne (hab gelesen!). Und (unnötigerweise, wie sich gleich herausstellt) 2,5l Wasser im Rucksack. Ich schleiche nach oben und freue mich über den Waldschatten.

Muskilda ist der perfekte Übernachtungsplatz. Hinter der Ermita (diese Ruhe!) gibt’s einen Brunnen, Picknicktische, Gras – und einen Bunker, wenn man lieber überdacht schlafen möchte. Muss man sich nur mit der Fledermaus teilen, die schlafend an der Decke hing.

Tja, meine Übernachtungsidee auf der Ridge geht nicht auf. Ebene Stellen gibt es, aber auch jede Menge Wind. Zuviel Wind. Das Handy wird vom Wind immer vor Ablauf der 10-Selbstauslösersekunden umgeweht. Mmmhhh.

Stelle fest, dass es an der anderen Seite gar nicht geschützt und/oder in einem flachen Waldstück weitergeht, sondern alles offen ist. Ich laufe und laufe also.

Bis zu einer Viehtränke in einer Geländemulde. Es ist halbwegs eben, es gibt keine Kuhfladen und keinen Matsch. Dafür Bergaussicht. Muss reichen, das wird mein Biwakplatz.

Tarp aufbauen und Couscous kochen hat gedauert, weil ich so viele Sonnenuntergangs- und Himmelfotos machen musste. Wunderschön!

Die eine neugierige Kuh kam vorbei und wollte auch nicht wieder weggehen. Immerhin ist sie aber auch nicht nähergekommen. Ich frage mich: Wie oft trinken Kühe?

Sternklarer Himmel – hätte ich gewusst, dass der Taupunkt so hoch ist/die Nacht so trocken ist, ich hätte das Tarp weggelassen.

Tag 28 | Paso de Tapla – Collado de Atalotzi

33,3 k | 1.055 ⬈ | 1.310 ⬊ | 09:24 Dauer | 24 Grad, sonnig | höchster Punkt: 1.400 m
👍 Porridgepause am Brunnen in Hiriberri in der Sonne
👎 Fußschmerzen, weglose Querung der Distel- und Dornengebüschwiese

Das war doch arg uneben, selbst mit Kleidersack als Ausgleich unter den Beinen und dem Rucksack als Stopper neben mir. Also aufgestanden, als es gerade hell genug war, um beim Aufräumen nicht die Stirnlampe zu brauchen. Alles trocken, zum ersten Mal baue ich erst das Zelt ab und mach dann den Rest.

Martin hatte Recht, in den kleineren Orten machen die Bars nach der Saison zu. Sowohl in Hiriberri, als auch in Orbara gibt’s nichts außer einem Brunnen – reicht mir, aber hätte mich über Kaffee gefreut.

Brauche jetzt so lange, wie es auf den Schildern steht. Slow and steady, aber so macht der Fuß mit und wird langsam besser.

Noch (?) finde ich die Waldabschnitte schön. Tatsächlich bin ich zum einen dankbar über Schatten, zum anderen wechseln sie sich mit offen ab und außerdem: es ist schöner Wald! Sowohl der Nadelwald als auch der berühmte Buchenwald hier. Die Laubfärbung beginnt erst, aber egal welche Farbe: die Blätter leuchten!

In Auritz will das Mädel die Bar gleich schließen, aber ich darf noch bestellen. Veggie-Burger (gabs bisher seeehr selten auf der Karte) mit Pommes und Salat und Cola. Anschließend noch einen Milchkaffee und ein Stück Carrot Cake. Danach bin ich voll, aber endlich auch nicht mehr hungrig… Mit diesem Riegelzeug komm ich nicht (mehr) weit.

Der Abstieg hat allerdings so weh getan, dass ich nicht sicher bin, ob ich noch weitergehen kann. Die Kombination aus Wetter (heute traumhaft, Regen in den nächsten beiden Nächten), Entfernungen und Unterkunftsmöglichkeiten ergibt für mich, dass ein paar Kilometer heute noch und Biwak schon helfen würden.

Der sanfte Anstieg zu meinem Übernachtungsplatz geht mit bösem Fuß und vollem Magen. Habe mit der Satelliteneinstellung der Kartendienste einen Platz ausgecheckt, der grasig und flach sein sollte – und hoffentlich nicht so windig. Diesmal funktionierts! Ein paar Pferde sind da, aber sonst ist es sonnig und eben.

Ein Typ ist auf einem Motorrad einem Hirsch hinterhergejagt. Ein Stacheldrahtzaun hat den Jäger gestoppt – der Hirsch ist da drüber, das habe ich leider nicht gesehen, aber er lief davon…

Unter den nackten Füßen hat sich das Gras nicht nass angefühlt, aber es scheint zu dunsten. Das Tarp ist von innen feucht, noch bevor ich irgendwas hineinlege.

Die Nacht ist sternklar, irgendwo schreit eine Kuh und ich lasse eine Seite des Tarps offen. Stehe dann doch nochmal auf, um das Netzzelt ins klatschnasse Zelt einzuhängen, hier gibt’s Insekten.

Um 2 Uhr weckt mich der Wind, der stärker wurde und gedreht hat. Jetzt pustet er direkt auf meinen Kopf. Irgendwann gebe ich auf: Die Rettungsdecke (nutze ich immer als Unterlage) muss knisterfrei unter dem Innenzelt verstaut werden, Tarptür schließen, Rucksack als Windschutz drapieren, Ohropax rein und noch die Isolationsjackenkapuze auf den Kopf.

Ich schlafe wunderbar.

Vorteil am Wind: das Tarp ist trocken.

Tag 29 | Collado de Atalotzi – Elizondo

33,63 k | 1.142 ⬈ | 2.008 ⬊ | 08:54 Dauer | 23 Grad, sonnig, mittags mal bewölkt, 26 Grad in Elizondo – ich habe wieder geschwitzt | höchster Punkt: 1.214 m
👍 viel offenes Gelände
👎 abends tun mir die Füße weh 🤷‍♀️

Als ich um 7 Uhr aufwache, schreit die Kuh immer noch und die Wolken färben sich rosa.

Bekommt man als Grenzpendler eigentlich trotzdem jedes Mal die „Willkommen in x“-Meldung vom Handyanbieter? Habe ich mich heute gefragt, als ich zwischen Frankreich und Spanien entlanggewandert bin und beide Seiten mir SMS geschickt haben.

Am Morgen war ich noch angetan vom festen Kuhmatsch, den ich an mehreren Stellen angetroffen habe. Also sprich: der Untergrund ist 30cm tief durch Hufe und Wasser umgegraben, aber man sinkt nicht ein. Bis zum Abend hat sich das geändert: Es gab so viel Matsch und so viele Wegbäche mit rutschigen Steinen… Aber gut, sonst wäre gar nichts losgewesen.

Wobei das nicht stimmt. Es war viel los:

Heute war Bunkertag. Ein paar waren so frei/sauber genug, dass man in ihnen hätte übernachten können (mir hats nicht in die Kilometerplanung gepasst).

Die Bunker müssten aus dem zweiten Weltkrieg stammen, wurden aber wohl noch bis 1952 durch das Franco-Regime errichtet – gegen etwaige republikanische Rückkehrer.

Ich bin durch Brennnesseln gelaufen, auch am Abend brennt das linke Schienbein noch. Fies.

Weite Teile der Stecke waren tatsächlich weit, also unbewaldet und mit Blick. Das Meer habe ich noch nicht gesehen, aber dafür jede Menge halb getarnter Schießstände. Für eine Grenze zu schlecht, für Wild ungewöhnlich, … hmmm.
In zweien von denen waren sogar Menschen! Ich habe das erst spät gecheckt und hab mich so wegen ihrer Anwesenheit erschreckt, dass ich Fragen in diesem Augenblick vergessen hab. Die müssen mich schon ewig weit/lang gesehen haben, während ich mich beim Berghochlaufen sehr unbeobachtet gefühlt hab. Glaub aber, ich habe keine komischen Sachen gemacht.

Die Wanderführerin schreibt, dass die Etappe nicht mehr vom Atlantikklima beeinflusst ist und dass wir „das Gefühl [haben], dass wir uns nicht mehr in einer Hügellandschaft, sondern in einem Gebirge befinden. Wir blicken in weite, offene Landschaften, über denen erste schroffe Gipfel thronen“. Naja, ich würde von Hügeln sprechen.

Elizondo liegt auf 190m. Es ist 29 Tage her, dass ich so tief war…

Hab heute kaum Pausen gemacht. Zu wenig Fußbadegelegenheiten… Am Anfang wars zu windig, dann zu heiß in der Sonne und wenig Schatten.

Duschen, Wäsche waschen, dehnen, aufräumen. Cola trinken, einkaufen.

Ich stelle fest, dass ich für zwei Tage mit Hotelübernachtung sehr viel Essen gekauft habe. Also, Abendessen im Zimmer: Glücklicherweise ist das Fensterbrett flach und breit. Neben den lüftenden Schuhen hat der Gaskocher noch Platz. In den Couscous gibt’s die letzten Röstzwiebeln, frischen Apfel und das ganze Nussmischungsgekrümel. Auf Datteln habe ich verzichtet, war schon so viel.

Tag 30 | Elizondo – Bera

34,05 k | 1.439 ⬈ | 1.581 ⬊ | 07:23 Dauer | 19 Grad, Regen | höchster Punkt: 866 m
👍 Zeitungspapier in die nassen Schuhe zu stopfen – ich wusste, warum ich es seit Izaba herumtrage
👎 die durchweichten Hände

Es regnet. Die App sagt: ohne Unterlass für den ganzen Tag, ab 18 Uhr wird’s schlimm(er). Also mal wieder nasse Schuhe und viel Spaß im Matsch…

Frühstücksraum, die Kaffeemaschine. Sie sieht aus wie eine Siebträgermaschine, funktioniert aber mit Kapseln. Irgendwie clever, die Kompetenzvermutung „guter Kaffee“ überträgt sich. Kapseln finde ich wegen des Mülls furchtbar und: es steht nicht dran, wie sie funktioniert. Uns ersten hat die Frühstücksfrau es gezeigt, die sitzt jetzt aber an der Rezeption und schaut in einen Bildschirm. Von meinem strategisch gewählten Kaffeemaschinennahem Platz kann ich mitverfolgen, wie so manche Plörre (keine Kapsel) rausgelassen wird, Einlegeprobleme gemeinsam gelöst werden und sich ein amerikanisches Paar über die Menge des L-Kaffees amüsiert (halbe Cappuccino-Tasse voll; kann ich verstehen).

Hab mich gewundert, warum alle im Frühstücksraum Wanderhosen tragen – das Wetter lädt heute ja wirklich nicht dazu ein. Und auf dem GR11 sind die bestimmt nicht. Bis mir einfällt: hier geht der Jakobsweg durch. Das ist zahlenmäßig echt eine andere Nummer.

Und ich bin spanisiert: am Buffet toaste ich mein Brot bis fast zum Zwieback, bestreiche es mit Tomate und gebe großzügig Olivenöl drüber. Lecker!

Als ich loslaufe – und für die ersten wunderbaren 1,5 Stunden regnet es nicht/kaum. Statt der matschigen Trampelpfade nehme ich das Teersträßchen.

Die Sicht ist gleich null, heute geht es nur ums Kilometer spulen. Wie gestern ist auch für diese Etappe im Wanderführer „häufiger Nebel“ gemeldet. Den gibt’s glücklicherweise nicht und somit keine Navigationsprobleme. Nur bei der Frage, ob ich besser links oder rechts um die Kuhmatschriesenpfützen herumkomme.

Mein vorbereitetes Mittagessen-Porridge esse ich in einem halb verfallenen ehemaligen Stall. Am Eingang ist das Dach noch dicht, ich suche mir einen Stein, der aus der Wand gefallen ist und freue mich über den Zimtgeschmack.

Abgesehen davon war es ein pausenloser Tag. Was will ich anhalten, wenn ich mich nicht unterstellen kann und dann doch wieder in den Regen muss? War dankbar für die vielen Fels- und Waldwege heute.

Auffallend: in Navarra gibt’s überall Stacheldraht-Zäune (musste heute über einen klettern. Bin falsch gelaufen bin, quer über die Wiese zum richtigen Weg gequert und hab dort eine Mauer mit Stacheldrahtabschluss als Hindernis vorgefunden), in Katalonien gabs nur Elektrozäune.

Höre auf dem ganzen Weg heute das Hörbuch zum 5am-Club (auf Deutsch). Hat das jemand von euch gehört/gelesen? Möchte gern Meinungen hören. Ich hätte es zum Wohle meiner Laune früher ausmachen sollen.

Die letzten zwei Stunden sind zäh. Es ist mir mit kurzer Hose und T-Shirt unter dem Cape warm genug, gehe ja strammen Schrittes, aber dann zieht sich deutlich die Nässe an den Hosenbeinen nach oben.
Es tropft pausenlos von der Schildmütze.
Ich fühl mich unter dem Plastik dampfig.
Es liegt unangenehm auf der Haut.
Füße und Schuhe sind durchweicht. Genauso wie die Haut an den Händen.

Man sieht den Ort relativ früh. Aber warum dreht der Weg jetzt noch eine Schleife über den steilen Hügel? Und dann geht es auch noch über nasses Gras runter. Ich bin genervt. Das Handy reagiert wegen nassem Display und durchweichten Fingern nur noch manchmal, ich laufe also den Markierungen hinterher und hoffe, dass sich jemand was dabei gedacht hat.

Dusche, nasse Sachen aufhängen und erstmal in Socken in die Bar unten. Tortilla española ist wirklich ein Top-Wanderessen. Kartoffeln, Ei und Olivenöl – also Kohlenhydrate, Proteine und Fett – alles, was ich brauche.

Im Bad gibt es einen fiesen Spiegel, so einen, bei dem man sogar da Hautunreinheiten sieht, wo gar keine sind. Ich merke: Spiegel habe ich nicht vermisst. Ich habe auch meine grauen Haare völlig vergessen. Das war eine gute Zeit.  

Bei gutem Wetter hätte ich heute vielleicht das Meer sehen können. Ich weiß, dass ich nur 29m über dem Meeresspiegel bin, aber das ist total abstrakt. Dass ich morgen meine Füße ins Meerwasser halte, kann ich mir noch gar nicht vorstellen. Auch nicht, dass es dann geschafft und vorbei ist.

Dieses simple Wanderleben würde ich gern weitermachen, zumindest wenn mir jemand gutes Wetter garantiert. Gleichzeitig freue ich mich für meinen Fuß, dass er ab morgen Abend richtig heilen darf. Bin gespannt, wie lange mich das noch begleiten wird.

Das Rätsel der Tarnstellungen (von denen es heute, auch im Wald, viele gab) hat sich gelüftet. Und zwar: im Baskenland (auf beiden Seiten der Grenze) wird seit mindestens 600 Jahren Jagd auf die Tauben gemacht, die zum Überwintern gen Süden fliegen. Überraschung 1: Zugtauben?! Wusste ich nicht. Und zwar (Überraschung 2) mit einer besonderen Technik aus Holzscheiben und Netzen. Angeblich, so die Wanderführerin, schafft ein Drittel der 4,5 Millionen Tauben es nicht weiter als bis hier (Überraschung 3). Jagdzeit ist vom 1.-31.10. (also jetzt) und die Lizenzen sind so beliebt (und sorgen für gute Einkommen in den Gemeinden), dass sie versteigert werden (Überraschung 4). Früher wurde die Jagd auch im Frühjahr durchgeführt, wenn die Tauben zurückgekommen sind, aber das hat die EU verboten (keine Überraschung).
Ein Video habe ich gefunden, wie man sich das vorstellen kann: Link zu YouTube (die stecken sich die Tauben unter den Pulli/in die Weste!?!).

Tag 31 | Bera – Cabo de Higuer

36,26 k | 1.302 ⬈ | 1.356 ⬊ | 08:42 Dauer | 21 Grad, bewölkt, Niesel in Irun, erst am Ende sonnig | höchster Punkt: 527 m
👍 das Bad im Meer
👎 einen sonnigen Abschlusstag hätte ich fair gefunden

Frühstück in der Bar. Dieses Croissant!!! Warm, innen matschig und außen knusprig – mmmhhhh!!

Mensch mit Gewehr an einem Schützenstand getroffen – hätte ihn gern befragt, er hatte aber leider zwei (an sich süße) Hunde, die überhaupt nicht gehört haben und an mir hochgesprungen sind. Da hatte ich gar keine Lust drauf – schnell weiter!

Als der Regenschauer startet, stehe ich genau unter einem Baum. Da bleib ich noch. Der Regenbogen wollte ein Tor über meinem Weg werden, wurde dann aber nicht stark genug.

Farnfelder werden auch gemäht und zu Strohballen gemacht.

Bin in den letzten Tagen an unzähligen Esskastanienbäumen vorbeigekommen und hätte säckeweise sammeln können. Heute gebe ich dem Kindertageinstinkt nach. Das macht glücklich (und schmeckt uns morgen hoffentlich!)

Bade in größter Ruhe Füße. So richtig eilig habe ich es nicht.

Eine Erkenntnis habe ich doch noch. Hape Kerkeling wird im Podcast von Matze Hielscher gefragt, was sich nach dem Jakobsweg geändert hätte. Antwort: Nichts. Und er war enttäuscht darüber. Erst im Rückblick nach vielen Jahren hat er gesehen, dass er manche Entscheidung danach vielleicht doch anders getroffen hat. Und diese Kursänderung von wenigen Grad bringt einen, wenn man die Linien weiterzieht, schon in eine ganz andere Richtung (Link zu dieser Stelle bei YouTube).

Ich überhole einen Mann mit angeleintem Hund. Er spricht mich an und gratuliert mir. Ich gehe weiter. Mein Unterbewusstsein wundert sich, warum der Typ nach seinem Hund pfeift, obwohl der doch angeleint ist. Als es quasi ein Dauerpfeifen ist, drehe ich mich doch mal um. Er hat mich gemeint! Und versteht überhaupt nicht, warum ich mich nicht angesprochen fühlte.

Wollte in Irun wieder die erste Bar nehmen, mache es aber nicht, weil nur Männer auf der Terrasse sitzen und mir der Vibe nicht gefällt. Ich habe die(se) „Zivilisation“ nicht vermisst.

Muss mir das Grüßen wieder abgewöhnen.

Niemand in der Stadt sieht so richtig glücklich aus. Ich will wieder in die Berge.

Hondarribia ist eine Überraschung. Was für ein wunderschöner Ort. Schade, dass wegen des wechselhaften Wetters so wenig Leute draußen sind und die Cafés/Plätze leer.

Plötzlich taucht das Meer direkt vor mir auf. Wohooo! Es ist ein Kloß-im-Hals,-Träne-in-den-Augen-Moment.

Am Strand überlege ich. Füße ins weit entfernte Wasser oder nicht? Nach all den Kilometern kann das kein Hinderungsgrund sein. Glücklicherweise kommt ein Schwimmer, der kann am menschenleeren Strand das (Fast-)Zielfoto von mir machen.

Ja, doch, ich entschließe mich Baden zu gehen. Das ist schon weniger emotional, dafür algenfrei, sauber und wärmer als ein Gebirgsfluss.

Dann also noch zum Cabo de Higuer, das Kap ist ja der tatsächliche Schlusspunkt. Es ist ein wenig dschungelig auf dem Weg dahin. Schön.

Und dann bin ich da. Nach 945.516 Schritten, sagt die Uhr: Ende. Vor mir ist nur noch Meer. Wie es sich gehört, mache ich erstmal Selfies und Selbstauslöserfotos. Dann sitze ich eine Weile dort. Ich spüre gar nicht so viel, außer, dass es vorbei ist, wenn ich hier weggehe und das will ich noch nicht. Mache ich dann, weil es windig und dadurch kalt ist.

Vielleicht starte ich ein Crowdfunding für ein GR11-Start/End-Schild. Gibt’s nämlich nicht. Schon ein wenig enttäuschend.

Am Leuchtturm vorbei steuere ich die nächste Bar an und bestelle einen Tinto de verano. Lecker. Auf mich und die Tour!

Tag 32+ | POST-WANDERN

Habe die Nacht auf dem Campingplatz am Leuchtturm verbracht. Mit Meeresrauschen einzuschlafen ist auch schön.

Zum letzten Mal packe ich das Tarp zusammen und bestücke mit geübter Technik den Rucksack. Kaffee und Napolitana zum Frühstück gönne ich mir heute nochmal.

Auf dem Weg nach Vitoria stoppe ich in San Sebastian. Die Stadt mag ich gerne, heute nutze ich den Aufenthalt zum Shoppen. Wollte gern ein Erinnerungskleid, mir gefällt aber nichts – und ich habe ja meine gelb-pinke-Andorra-Jacke.

Hatte mich immer auf den Moment vorgefreut, nicht mehr die gleichen drei Kleidungsstücke anziehen zu müssen – als es so weit ist, ist es gar nicht so großartig. Maschinengewaschen ist das wichtigere Kriterium, die Wanderklamotten mag ich immer noch.

Es war schön, nicht gleich in den Alltag zurückzukommen, sondern noch die Tage mit Freunden und eine entspannte TGV-Heimfahrt (Hendaye – Paris – Stuttgart) zu haben.

Praktisch an so einem Urlaub: Es ist schnell ausgepackt!

Nachteilig, wenn man in fünf Wochen so viel erlebt: Es gibt viele Fotos zu sortieren und Texte aufzuarbeiten…

Übrigens: der Fuß hat schnell aufgehört weh zu tun, war aber wochenlang unbeweglicher als der linke.

✅ nach 29 Wandertagen: 852 km | 45.270 HM ➡️🎉🥳

(Hinweis 1: die Fotos verzerren den Blick aufs Wetter natürlich. Im Regen gibt’s weniger schöne Fotomotive und ich habe keine Lust stehen zu bleiben. Insofern gibt’s vor allem Fotos mit blauem Himmel.
Hinweis 2: Die Dauer meiner Etappen ist mal brutto, mal netto, mal halb/halb. Ich habe sehr inkonsequent in Pausen auf Pause gedrückt.)

Rund um den GR11 und die Transpirenaica kannst du hier weiterlesen:

> Zu Fuß über die Pyrenäen: Welche Wege gibt es, wann, warum, wie, …?
> Tourenbericht Tage 0-7: Wald und Regen auf dem Weg von Banyuls-sur-mer nach Puigcerdà
> Tage 8-16: Besseres Wetter, Andorra und ein aufregender Abstecher auf die HRP
> Tage 17-24: Unsichtbare Berge, lange Etappen, Höhen und Tiefen
> Tage 25-31: Emotionaler Endspurt zum Atlantik
> Klar, die Packliste für den GR11 gibt’s auch!

Oder dir bei Komoot meine geplanten Route(n) anschauen: GR11 / Transpirenaica-Collection


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

Kommentar verfassen