Erstmal vorneweg: die Betonung von Potosí liegt auf der letzten Silbe, also dem í (Angeberwissen: ein Akzent über einem Buchstaben bedeutet im Spanischen immer, dass diese Silbe betont wird).

Bin zurück auf 4000 Metern und es ist easy. Voll schön. Nur manchmal habe ich nach-Atem-schnapp-Momente. Die kommen unvorhersehbar, manchmal auch beim Sprechen. Zweimal hecheln, dann ist es wieder gut.

So. Potosí – eine Stadt mit äußerst bewegter Geschichte, die großen Einfluss auf Europa hatte. „Schuld“ daran ist der Cerro Rico, der reiche Berg. Der Legende nach hat ein Indio damals den Spaniern verraten, dass im Berg Silber steckt und dann ging es hemmungslos los mit der Ausbeutung. Des Bergs genauso wie der Menschen.
Der Cerro Rico muss den Leuten damals wirklich unerschöpflich vorgekommen sein. Potosí wurde reich und das hat immer mehr Leute angezogen. Dieser Ort mit ziemlich unwirtlichem Klima (es wird nachts schweinekalt) hatte im 17. Jahrhundert schon mal über 150.000 Einwohner.

Die wohlhabende Vergangenheit sieht man der Stadt durchaus an. Sie hat hübsche alte Kolonialhäuser – in sehr unterschiedlichem Zustand. Die Straßen sind eng (immerhin als Einbahnstraßen befahren), und/aber: es gibt eine Fußgängerzone! Die kenn ich am besten. Für Bolivien-Verhältnisse fand ich die Anzahl an „richtigen“ Geschäften ungeheuer hoch. Normalerweise wird ja alles per mobilen Ständen auf der Straße oder in Markthallen verkauft und Geschäfte, die man betreten kann, sind sehr selten. Ist hier anders.

Natürlich ist das Silber nicht vor Ort geblieben, sondern nach Spanien verschifft worden. Und zwar in solchen Mengen, dass es eine Inflation (die erste?) in Europa ausgelöst hat. Für den einfacheren Transport und überhaupt wurde von den Spaniern eine Münzprägeanstalt in Potosí eröffnet. Dazu musste das Silber ja erst mal in Platten gegossen werden. Die Pressen waren eselangetrieben – ca. 600 Esel hat die spanische Krone in Potosí jährlich verschlissen. Sklavenarbeit (im Sinne von afrikanischen Slaven) gab es nicht, die sind den Spaniern (wegen Höhenunverträglichkeit) zu schnell weggestorben, das haben sie gelassen. Es gab ja vor Ort genügend Arbeitskräfte.

Dem ist heute noch so. Im Cerro Rico wird fleißig weiter abgebaut. Silber gibt es nicht mehr viel, aber noch andere Mineralien. Um die 9000 Minenarbeiter, die in circa 100 Kooperativen organisiert sind, gehen im Berg ihrer Arbeit nach. Der ist nach knapp fünf Jahrhunderten durchgehender Minentätigkeit logischerweise durchlöchert wie Schweizer Käse und steht seit 2014 auf der Roten Liste des gefährdeten UNESCO Weltkulturerbes: wegen Einsturzgefahr.

Was habe ich nun, wie die meisten Touris in Potosí, gemacht?! Genau, eine Tour durch die Minen, in genau diesem Berg. Es gibt viele Anbieter, aber wenige Touris – das hat mir eine Einzelführung mit Francisco beschert, der 18 Jahre seines Lebens in Minen gearbeitet hat. Zwölf davon in La Candelaria – der Mine, in der wir waren. Nachdem ich unterschrieben habe, dass ich das vollkommen auf eigenes Risiko mache, wurde ich mit Gummistiefeln, Helm, Lampe und Überklamotten ausgestattet. In diesem Aufzug geht es dann zum Shoppen. Es hat sich eingebürgert, dass die Touristen den Minenarbeitern Geschenke mitbringen. Die bekommt man auf dem miners‘ market, wo die mineros alles kaufen, was sie für ihre Arbeit brauchen. Das sind neben Werkzeugen vor allem Coca-Blätter, 96%iger Alkohol und Dynamit. Genau, das gibt es hier legal auf der Straße zu kaufen. Am beliebtesten sind allerdings zuckerhaltige Getränke (willkommen in Bolivien!). Die hat Francisco in seinen Rucksack gepackt und dann sind wir den Berg hochgefahren…

Für den Schutz der Arbeiter sind zwei Persönlichkeiten zuständig. Am Eingang der Mine steht die Virgen de la Candelaria (speziell für diese Mine). Die Wand um die Statue herum hat viele rote Spritzer. Francisco sieht meinen Blick und bestätigt, dass es Blut ist. Viermal im Jahr werden Lama(baby)s geopfert, damit sie weiterhin für die Sicherheit der Arbeiter sorgt.
Noch wichtiger ist der Tío (für alle). Das ist eine Teufelsfigur und der Gott der Unterwelt. Passt, denn Minen sind schon die Hölle auf Erden. Für Francisco ist es kein weit entfernter Gott, sondern ein compañero – sein Begleiter und Beschützer. Kein Arbeiter geht in die Mine, ohne dem Tío einen Besuch abzustatten und ihm Coca-Blätter und Alkohol zu opfern. Die Logik: Einen Schluck für Tío, einen Schluck für den minero. Zur Sicherheit vielleicht auch lieber noch einen zweiten…  Ich muss zugeben, dass ich im Zusammenhang mit dieser gefährlichen Arbeit jeglichen (Aber-)Glauben gut nachvollziehen kann.

Seitennotiz: in Sucre hat mir im Indigenen Museum die Mitarbeiterin erklärt, dass mit tío eigentlich nicht Onkel gemeint ist, sondern dass die Quechua-Sprechenden schlichtweg kein „d“ aussprechen können und aus dios (Gott) deswegen tío geworden ist.

Das Zeug wird über Loren aus dem Berg geholt und die Gänge sind deshalb immer so hoch, dass sie (gerade) durchpasst. Zwischendurch kann man glücklicherweise mal gerade stehen. Dieses gebückt durch den Stollen zu laufen ist mir sehr schwer gefallen, während die Arbeiter nur so an uns vorbei geflitzt sind. Da der Berg sich durch die Sprengungen immer wieder bewegt, sind auch die – vermutlich mal sorgfältig verlegten – Schienen nicht immer gleichmäßig und der Wagen muss immer wieder zurück gehoben werden. Es war beeindruckend, wie mühelos die schwere Arbeit aussieht, obgleich allein an den schweißüberströmten Gesichtern klar ist, dass dem nicht so ist.

Möglich macht das u.a. das Kauen (korrekter: Saugen) von Coca-Blättern. Durch die Zugabe eines Alkaloids wird es zur Droge (es ist kein Kokain!), die Müdigkeit, Hunger und Durst unterdrückt. Alle haben eine dicke Backe, weil immer noch mehr Blätter nachgeschoben werden. Essen ist in der Mine nicht möglich – die Lebensmittel reagieren mit den Gasen und dem Staub – also muss die Schicht so durchgehalten werden. Zu trinken haben sie Saft aus fermentiertem Getreide, Mais oder Bohnen dabei, das sorgt wenigstens für Kohlenhydrate.

Nach zwei Wochen, so meinte einer der vagoneros – also einer von den Jungs, die mit der Lore unterwegs sind, ist man „eingearbeitet“ und hat sich daran gewöhnt. Für einen vollen Wagen bekommen sie 40 Bolivianos (5 Euro). Der ist zwar in Windeseile gefüllt (ich stand daneben), aber dann muss der ja jeweils den komplizierten und teilweise langen Weg raus (und später zurück). Die drei Jungs waren weg, wir standen noch da und haben uns unterhalten. Und währenddessen rumpelt es über unserem Kopf die ganze Zeit, weil der „Ausguss“ sich wieder nachfüllt. Gewollt und geplant, aber mich macht das sehr nervös.

Francisco fragt, ob ich noch den großen Tío auf der planta 70 (was auch immer damit gemeint ist) sehen möchte. Das involviert allerdings 60 Meter krabbeln. Wenn ich eh schon da bin… Anschließend mussten wir noch ein paar Meter abklettern und seltsamerweise habe ich mich ab diesem Zeitpunkt doch ganz wohl gefühlt. Das mag auch daran liegen, dass wir nach gefühlten mindestens 30 Grad nun wieder in einem kälteren Bereich waren und ich nicht mehr so doll geschwitzt habe. An der großen Tío-Statue (kein Blut, aber auch viel Coca und Alkohol) saßen Francisco und ich eine Weile. Auf einmal ist mir bewusst geworden, dass wir tief in der Mine tief in einem Leadership-Gespräch stecken. Er war der Chef einer Truppe (ich hab mir den ganzen Organisationsaufbau einer Kooperative nicht merken können) und hat erzählt, wie schwierig es ist, wenn man als Chef nicht jeden Aspekt der Arbeit kennt und wenn man Mitarbeiter hat, die älter sind als man selbst. Das ist ja auch nicht das einfachste Klientel…

Aus seinen Erzählungen hat sich mir als Bild gezeichnet, dass die Bergleute einerseits eine krasse Ethik haben (bei einem Unfall wird keiner zurückgelassen, Feste werden gemeinsam gefeiert, es gibt ein gemeinsames Fehler-/Verbesserungsmanagement). Andererseits gibt es auch extreme Rivalität untereinander und zwischen den Kooperativen (keiner gönnt dem anderen einen guten Fund, trotz drakonischer Strafen wird viel geklaut) und von den Problemen durch den Alkohol und die äußerst ungesunden Arbeitsbedingungen ganz zu schweigen. Außerdem „machen die Jungen es nur fürs Geld“ und sind gerne mal lax mit den Sicherheitsvorschriften (mind. 5 Meter Gestein zwischen zwei Kammern z.B.) – was hier natürlich fatale Auswirkungen haben kann.

Auf dem Weg zurück ging das Gebücktlaufen schon besser und, doch, es war ein sehr gutes Gefühl, wieder Tageslicht zu sehen und die Sonne im Gesicht zu spüren. Wenn der Berg irgendwann zusammenfallen muss, dann bitte bitte wenigstens an einem Sonntag. Der ist arbeitsfrei.

Der Besuch lässt mich ratlos zurück. Ist so eine Minentour Voyeurismus? Ein sich-das-Leid-der-anderen-Anschauen? Ja, irgendwie schon; aber nein, denn die Minenarbeiter empfinden es nicht so und Minen und Bolivien gehören zusammen. Aber eben doch ratlos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass 96%iger Alkohol eine gute Idee ist. Gibt es nichts anderes, das hilft das Metall im Körper zu binden? Aber was weiß ich schon. Und einen Job zu haben, von dem man weiß, dass man ihn maximal 20 Jahre machen kann, nach 10 Jahren aber schon ne Staublunge hat und dann wegen des vielen giftigen Zeugs das man einatmet und der harten körperlichen Arbeit wenig(er) Lebenserwartung (als der Rest) übrig hat, puuhh…

Wer mehr als meinen höchst ausschnitthaften und subjektiven Bericht lesen möchte, hier zwei Reportagen:
Deutschlandfunk Kultur: Wie Europa reich wurde (2022)
– Süddeutsche Zeitung: Dynamit und Alkohol als Gastgeschenk (2013)

Und sonst so? Angeblich kommt das $-Zeichen von hier. Der Begriff Potosí hatte sich für einige Münzen eingebürgert und nach Abkürzungen wird ja immer gesucht. Und wenn man jetzt das S und das I übereinanderlegt, dann… Weiß nicht, ob das stimmt, aber das ist doch ne schöne Geschichte.

Außer der casa de la moneda (Münzprägeanstalt) gibt’s tatsächlich nicht so viel zu sehen. Im Museum waren weniger die Ausstellung als die bolivianischen Touris in der spanischsprachigen Führung meine Hauptattraktion. Der Guide hat seinen Text so vorformuliert runtergerattert, dass mein Hirn im nicht folgen konnte oder wollte…

Es hat geregnet!

In der Stadt läuft überall 80er-Jahre Musik, also Modern Talking und Bonnie Tyler und so. Eine angenehme Abwechslung zur bolivianischen Musik… Mit Cheri Cheri Lady im Ohr bin ich nach guten 24 Stunden Potosí auch schon wieder weg.


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

2 Comments

  1. Liebe Elisabeth, sehr beeindruckend was Du schreibst und noch positiv erscheint.
    Weiterhin alles Gute. Alfred

  2. Corinna Both Reply

    Liebe Eli, bin schon fast süchtig nach Deinen Berichten, die so lebendig und mitreissend geschrieben sind. Gerne noch mehr, freue mich schon auf die Fortsetzung. Pass auf Dich auf! Corinna

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