Volle Kanne Gegensatz: Ich sitze im Bus Richtung 29 Grad (das war ein Ausreißer-Tag) und bekomme Schneefotos aus Franken. Seit ein paar Tagen häufen sich Adventsmarkteinladungen im WhatsApp-Status. Aber hier stehen auch die ersten Christbäume in den Shops und man kann Weihnachtsdeko auf der Straße kaufen.

Zwei Überlandfahrten habe ich mittlerweile gemacht und: hach, es gibt für mich einfach nichts südamerikanischeres als Busterminals. Hier liebe ich das Durcheinanderlaufen und -rufen, all die unterschiedlichen Pakete, Taschen und Tücher, die verladen werden müssen, das irgendwie funktionierende Chaos, dass ich vom Ladekabel bis zur Busverpflegung alles von fliegenden Händlern kaufen kann.

Während meiner früheren Reisen habe ich gelernt, dass eine Nachtbusfahrt nur mit warmen Klamotten und Ohrstöpseln überlebt werden kann. Die Sitze in den bus cama (bzw. leito in Bolivien) sind superbequem und weit nach hinten klappbar. Aber bei den Klimaanlagen gab es immer nur an (Gefrierschrank) oder aus (heiß). Der Lonely Planet hatte schreibt (sinngemäß) treffend: Das am besten gewartete Teil eines Busses ist der DVD-Player. Alle Zombie-Filme, die ich in meinem Leben gesehen habe, liefen auf voller Lautstärke in südamerikanischen Nachtbussen.
Nun die Überraschung: die Temperatur ist angenehm und der Fernseher bleibt aus (ich habe mir erzählen lassen, dass das die nächtliche Beschallung mindestens in Peru weiterhin Standard ist). Ich mag Bolivien.

COCHABAMBA

2500 Meter über NN und ein gemütliches Hostel. Ein Traum. Zur Free Walking Tour taucht kein Guide auf, also muss die Stadt ziellos selbst entdeckt werden. Immer wieder unterbrochen von Ausruhpausen – lang genug war die Nacht doch nicht.

Über Cochabamba erhebt sich der Tunari Nationalpark – eine Bergkette mit mehreren 5000ern. Ich hatte wieder Lust und habe mir erklären lassen, mit welchem Bus ich wohin fahren muss, um dann auf den Pico Tunari zu wandern. Kann mir immer noch nicht erklären, was schief gelaufen ist (weil Sonntag war?), aber: an meinem Umsteigeort komme ich nicht weiter. Angeblich fährt niemand die Strecke und mir wird nicht mal ein Taxifahrpreis angeboten. Streune also über den riesigen Markt, kaufe und esse Unmengen an Obst und … fahre zurück nach Cochabamba.

Ein Gipfel ist trotzdem noch drin: ich nehme die Treppen hoch auf den Hügel zum Cristo de la Concordia – der größten Christusstatue der Welt. Oder auch nicht. Kommt drauf an, ob man die Krone bei der Statue in Świebodzin mitrechnet (die Cochabambinos tun es nicht, die Polen schon – komisch!). Auf jeden Fall ist sie höher als die in Rio. Und es sind 1400 Treppenstufen von der Stadt zur Statue, das zählt als Sporteinheit.

Clara kam von ihrem Ausflug wieder und erzählte, dass im 5 Gehminuten entfernten Theater in 20 Minuten eine Vorstellung anfängt. Welche weiß sie nicht. Auch egal, ich komme mit. Und tja, der erste Teil war argentinischer Tango (mittelmäßiger Tanz, toller Gesang) und Teil zwei bestand aus Musical-Ausschnitten von Cats. Das war… interessant. Hat Spaß gemacht, wir saßen in der ersten Reihe und waren als einzige Touris selbst ein bisschen Show.

Die Fußball-WM in Katar hat begonnen. Die Spiele sind um 7, 9, 12 und 15 Uhr Ortszeit, beim Frühstück läuft also schon das erste Spiel. In einem Artikel hatte ich gelesen, dass die Fernseher-Verkäufe in Deutschland diesmal nur 3% höher sind als normal (bei früheren WMs wohl 10%). In der Zeitung meines Bussitznachbarn stand, dass sich die TV-Verkäufe in Cochabamba WM-bezogen verdoppelt haben. Hier ist es (temperaturmäßig) grad egal, ob die WM im Juni oder im November ist und den Luxus, einen Kopf für Menschenrechtsthemen zu haben, hat der Großteil nicht. Sollen alle Fußball schauen, ich reise…

TORO TORO NATIONALPARK

Könnt ihr euch vorstellen, dass ich für Dinosaurierspuren 3,5 Stunden ins Nichts fahre? Ich auch nicht. Habe ich aber gemacht. Allerdings ging es mir nicht primär um die Dinos, sondern um die Gelegenheit, aus der Stadt rauszukommen und Natur zu sehen.

Was wir (mit Hing aus UK und Marieke aus Holland) nicht wussten: Das Dorf Toro Toro hat just sein x. Jubiläum (die Jahresangaben variierten…) gefeiert, deswegen war große Party. Bei der Einfahrt in den Ort sind wir gute 20 Minuten aufgehalten worden, weil eine Parade von Marching Bands der Schulen aus dem Umkreis den Weg blockiert hat. Am Spätnachmittag gabs noch einen großen Umzug mit traditionellen Klamotten und Tanz und überhaupt. Die Hauptparty am Abend vorher muss gut gewesen sein. Das Mädel, das uns die Nationalparktouren verkauft hat, ist mitten im Gespräch für ne Minute tief auf ihrem Stuhl eingeschlafen.

Den Nachmittag haben wir am/im Vergel Canyon (200 Meter tief, 10 km lang) verbracht. Natürlich nicht, ohne vorher Dinosaurier-Spuren bewundert zu haben. Die sind wirklich überall und natürlich ist der Gedanke cool, dass dort viele Arten durch die Gegend gelaufen sind. Die sah allerdings vor 80 Millionen Jahren auch ganz anders aus. Und überhaupt: vor 80 Millionen Jahre! Das ist mir zu lange her…

Am darauffolgenden Tag sind wir im Jeep zur Ciudad de Itas geschaukelt und dort durch verrückte Felsformationen spaziert. Es gibt jede Menge „schlafende Giganten“ – Schildkröten, Echsen, küssende Menschen und auch die (Fels-)Kathedrale. Hier ist wieder die Frage: Wie kommt es zu sowas, warum hier und nicht woanders? Und dann erlischt mein Interesse und ich schau es mir nur einfach gerne an.

Anschließend ging es noch in die Cavernas de Umajalanta – die größte Höhle Boliviens, die auf dem 10 Boliviano-Schein zu sehen ist. Sie ist nicht nur groß, sondern meistens auch hoch. An mehreren Stellen war allerdings Spiderman-Krabbeln angesagt. Ich finde den Gedanken, 120 Meter unter der Erde und 300 Meter tief in so einer Höhle zu sein nicht so cool, aber die Tour hat richtig Spaß gemacht und ich habe mich sehr sicher gefühlt (alleine wäre ich nicht mehr rausgekommen…). Das war ein wunderbarer Abschluss für unseren Toro Toro Abstecher.

Dass wir lange warten mussten, bis der Bus zurück nach Cochabamba endlich voll war, lassen wir jetzt unter den Tisch fallen. Ist am Ende auch egal, denn es hat zeitlich perfekt gepasst für den Nachtbus nach Sucre. Wie schon in La Paz hatte ich auf dem Weg zum Busterminal ein leicht wehmütiges Gefühl, dass in der Stadt viele Dinge unerledigt geblieben sind (Tunari zum Beispiel. Und Zimteis mit Käseempanadas). Gleichzeitig war sie so schön auch nicht…

SUCRE

Die nominelle Hauptstadt Boliviens (! La Paz ist mit administrative Hauptstadt) ist tatsächlich die (bisher) schönste. Sucre wird auch die weiße Stadt genannt. Es gibt zuhauf Gebäude aus der Kolonialzeit mit wunderschönen Innenhöfen – wie sie gestrichen sind habt ihr längst erraten. Sie fühlt sich super entspannt und sicher an. Bis auf zahlreiche Hundehaufen auf der Straße ist es auch verhältnismäßig sauber (um die Abgase führt kein Weg herum…). Und es gibt sehr viele gute Cafés. Gut für den Blog, zum Fotos sortieren und perfekt, um ein paar Tage länge zur bleiben.

Die Stadt ist hügelig, aber ich gebe zu, ich belächele (heimlich) diejenigen, die über Kurzatmigkeit jammern.

Neben viel durch die Stadt laufen, habe ich am ersten Tag das Indigene Kunst Museum angeschaut, das sich auf lokale Webkunst fokussiert. Ein*e gute*r Weber*in schafft bei komplizierten Mustern 1,5 cm pro Tag. Es kann also in Vollzeit Monate dauern, bis die Weste fertig ist. Puh!

Und ich war klettern! Die Szene in Bolivien ist nicht so groß, umso mehr habe ich mich gefreut, dass ich mit Rosío (die laut Website current Bolivian champion in the boulder ladies category ist) an den Fels kann. Hat Spaß gemacht und ging erstaunlich gut, ich habe aber leider vergessen zu fragen, wie nationale Boulder-/Klettermeisterschaften in Bolivien ablaufen.

Aufregenderweise war ich auch beim Friseur. Habe nur die Spitzen schneiden lassen und das war zu vorsichtig. Sie hat gewusst was sie da tut und meine profigeföhnten Haare liegen auch nach zwei Nächten drauf schlafen noch perfekt.

Von Sucre aus schaut man wieder auf Berge. Diesmal hab ich ne Tour genommen – da klappt das hinkommen auch. Wir waren zwischen Chataquila und Maragua auf dem Inca Trail (bergab…) unterwegs. Auch hier das gleiche Bild: alles ist staubtrocken und die Bauern warten sehnlichst auf Regen, damit endlich gesät werden kann. Glücklicherweise ist unser Tageshighlight noch nicht ausgetrocknet: Wir waren Wasserfallbaden. Ein ganz wunderbares Gefühl, am 26. November in einen kalten Pool zu springen und zu wissen, dass die Sonne mich anschließend sofort wieder aufwärmt und in Sekundenschnelle trocknet…

Zum Sucre-Abschluss (es wurden fünf Nächte) war ich auf dem Sonntagsmarkt in Tarabuco. Klar kommen mittlerweile Touris, der Markt ist aber von/für die Locals aus den Dörfern. Ein ganz anderes Bild als im zwei Stunden/60 Kilometer entfernten Sucre…

Mittlerweile bestehen Nase und Lippen nicht mehr nur aus Hautfetzen (ich habe einen Lippenpflegestift in 4 Wochen aufgebraucht, absoluter Rekord) und der Schleim ist (fast) weg… Ich starte einen neuen Hochlandversuch.

Nebenbemerkung: KEIN SANTA CRUZ

Von Cochabamba hätte sich die Weiterfahrt nach Santa Cruz de la Sierra angeboten. Die Stadt liegt im Amazonasgebiet, wahrscheinlich hätten mich die 36 Grad tropischer Hitze fertig gemacht. Andererseits gibt es natürlich spannende Dinge zu entdecken und immerhin 2/3 Boliviens gehören zum Amazonasgebiet. Ich lasse ganz schön viel aus, wenn ich nicht hinfahre. Letztendlich gab es wenig zu entscheiden. Santa Cruz ist seit über einem Monat im Ausnahmezustand, es ist der längste Streik in der Geschichte Boliviens. Hier, wie ich die Hintergründe verstehe: Die Region ist der wirtschaftliche Motor des Landes und fühlt sich aber politisch unterrepräsentiert. Das soll eine Volkszählung, bzw. die daraus resultierende Neuordnung des Parlaments (?) nach dem jeweiligen Bevölkerungsanteil ändern. Die Regierung will die Volkszählung auch, hat es damit aber nicht sooo eilig (ganz ursprünglich hätte sie im November 2022 stattfinden sollen. Ein neues Datum gab es nie). Unter dem Motto „Censo 2023“ kam es dann zu diesem Streik und gewaltsamen Protesten (die ich auch in La Paz mitbekommen habe). Die Regierung hat daraufhin per Dekret den 23.3.2024 als Volkszählungstag festgelegt und versprochen, dass bis zu den Wahlen im Dezember 2024 die Zählung ausgewertet und alles angepasst ist. Damit war es jetzt aber noch nicht vorbei. Comache (dem Chef in Santa Cruz) ist das nicht genug, es muss ein Gesetz sein. Deswegen ging/geht es noch weiter.
Zwischenzeitlich ist man wohl nicht mal mehr in die Stadt gekommen. Eine Deutsche, die auch auf der Isla del Sol getroffen hatte, ist anschließend aus Santa Cruz geflogen und hat einen Pandemie-Zustand beschrieben: alles geschlossen bzw. abgesperrt. Man kann nichts unternehmen und überall wird Wegezoll verlangt. Also… nein. Kein Santa Cruz.


Spannende Themen!

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