Viel mehr Akklimatisieren geht nicht, es kann ernst werden – 6000 war ja das Ziel. Der leichteste (in Bezug auf Erreichbarkeit und Besteigbarkeit) unter den 14 bolivianischen 6000ern ist der Huayna Potosí. Ich hatte beschlossen zu ihm zu laufen…


CONDORIRI TREKKING (höchster Punkt: 5000m)

Vom Condoriri Base Camp zum Huayna Potosí Base Camp sind es entspannte 1,5 Tage zu Fuß. Auf diesem Weg begleitet mich Jorge als Guide. Er ist 64, fit wie ein Turnschuh, einen Kopf kleiner als ich und sein Rucksack ist deutlich leerer als meiner. Obwohl er unser Essen trägt.

Wir sind sehr gemütlich unterwegs. Er geht voraus, ich zockele hinterher und habe viel Zeit zum Fotografieren und Gedanken schweifen lassen. In den Pausen unterhalten wir uns und mittags halten wir an der Laguna Esperanza ein Mittagsschläfchen im Moos.

Die Landschaft ist schön. Wir wandern durch grün-gelbe Täler, über steinige Pässe, an blauen und grünen Lagunen und Lamas in allen Farben vorbei und sehen unterwegs keinen einzigen anderen Menschen. Und ganz grundsätzlich ist es wunderbar nur zu wandern.

Wir übernachten in einer ähnlichen Hütte wie dem Base Camp, die auf dem Grund eines Lamaherdenbesitzers steht. Der kommt natürlich zum quatschen und essen vorbei. Jorge sagt gleich, dass es wegen mir vegetarisch gibt. Was das bedeutet muss er erklären. Der Lamaherdenbesitzer ist sich nicht sicher, ob er es verstanden hat und fragt alle Tiere durch, die ihm einfallen. Und ist schockiert, dass ich keins davon esse. Im Laufe des Tages hatte Jorge schon erzählt, dass er beim Kochkurs im Rahmen seiner Bergführerausbildung gelernt hat, was ein Vegetarier is(s)t und wie man mit ihm umgeht und man konnte ihm anmerken, dass er stolz auf das Wissen ist. Es gab Reis und Sojahack – dem Lamaherdenbesitzer schmeckt es (trotzdem). Er wohnt alleine auf dem Einsiedlerhof, seine Frau/Familie ca. zwei Stunden entfernt in der Zivilisation. Was er so isst, frage ich ihn: Lama Jerky und Chuño (Kartoffeln, die bei Nachtfrösten gefriergetrocknet werden, dann sehr haltbar sind und einfach aufgekocht werden). Kann ich mir gut vorstellen…

HUAYNA POTOSÍ (6088m)

Irineo sammelt uns am Mittag drauf auf, ich verabschiede mich von Jorge und packe am Base Camp um. Die ganze Bergausrüstung (warme Jacke, warme Hose, warme Handschuhe, Steigeisen, Gamaschen, Pickel, Klettergurt, Bergstiefel) muss jetzt ja auch noch in den Rucksack. Und woher kommt eigentlich auf einmal der Schneeregen?! Der hört glücklicherweise nach 10 Minuten wieder auf, die dichte Bewölkung bleibt während unseres Aufstiegs zum High Camp. Mit dem schweren Rucksack brauche ich zwei Stunden.
Wir nehmen das oberste High Camp (es gibt vier!), das ist das öffentliche. Und ich bin geflasht. Was ne Hütte. Mit 32 Schlafplätzen, Essbereich und Küche. Und es ist warm! So warm… Das Plastikdach heizt die ganze Hütte auf (obwohl die Sonne erst ne Stunde später wieder rauskommt).

Im Laufe des Nachmittags trudeln mehr Leute ein. Die meisten buchen eine 3-Tages-Tour (ich habe die 2-Tage-Variante gemacht), da wird am ersten Tag die Handhabung von Steigeisen und Pickel geübt – viele sind Gletscherneulinge. Jetzt sind ja alle top vorbereitet, da kommt es „nur“ noch auf die Leidensfähigkeit und Höhenverträglichkeit an…

Die Schlafplätze sind am Ende alle gefüllt, aber nicht lange belegt. Die beiden Gruppen stehen um 23 Uhr auf und wollen um Mitternacht los. Irineo und ich stehen erst auf, als endlich alle aus der Tür sind. Ich weiß nicht genau, was diesmal anders ist, aber ich habe Spaß am Aufstieg. Abgesehen von der letzten Stunde, als klar ist, dass wir zu früh dran sind/ zu schnell waren und es windig-kalt ist. Wir sind quasi am Gipfel und es ist immer noch stockdunkel… Aber gut, dann frieren wir halt ein wenig länger. Ich steige ohne das Panorama nicht wieder ab! Es hat uns ein wunderbarer Sternenhimmel hoch begleitet – wir haben einen klaren Morgen erwischt. Es ist wow!

Richtig, Eli Superschnelli ist back! Unter den Schnecken ist die Schildkröte immer noch schnell (Ich glaube, dass der Aufstiegsspaß auch durchs Überholen der anderen Seilschaften kam. Schön zu wissen, dass es nicht so langsam ist, wie es sich anfühlt).

Wir waren als zweite Seilschaft auf dem Gipfel, vor uns war nur der Südkoreaner mit seinem Guide. Der war zwei Tage vorher schon mal am Berg, musste aber mit umdrehen, als der weitere Gast am Seil nicht mehr konnte. Jetzt hat er es easy zum Gipfel geschafft und sich intensiv darüber aufgeregt, dass er viel zu viel Geld und Zeit für so eine einfache Tour ausgegeben/investiert hat. Die Guides fanden ihn glücklicherweise witzig, ich fand ihn anstrengend (wie wäre es mit einfach freuen, dass er jetzt oben ist? Die Zeit/Geld-Entscheidung hat er ja selbst getroffen…).

Im Abstieg haben wir ihn und alle anderen weit abgehängt. Der war (natürlich) viel toller als der Aufstieg: ich hab ja endlich all die penitentes und Eisbrücken im Hellen gesehen. Genauer: sie in der Morgensonne glitzern. Die Stimmung war wunderschön. Was für ein hübscher Berg! Was auch erkennbar war: hier haben die penitentes übernommen, ohne die sich täglich erneuernde Spur würde man hier nicht mehr hochkommen.
Um 7 waren wir wieder am High Camp, der Abstieg ins Base Camp war in 45 Minuten erledigt und Mittags war ich nach sechs Tagen zurück in La Paz. Dreckig, müde und glücklich.

UND JETZT?!

Ursprünglich hatte ich mit Irineo auch noch über den Illimani (6439m) gesprochen, der hier so majestätisch den Hintergrund für das Stadtbild abgibt. Aber ich habe schon am Pequeño Alpamayo beschlossen, dass ich das nicht mehr machen möchte – Eli Superschnelli hin oder her. Mein Husten und Schnupfen ist über all die Tage schlimmer geworden und nervt. Ich gehe nicht davon aus, dass er in der Höhe besser wird, geschweige denn weggeht.

Und macht mich so eine Dreitagestour mit Zelt glücklich(er)? Nein, ich glaube nicht.

Zudem habe ich im Sommer in den Alpen ja schon mit dem Zustand der Gletscher gehadert. Und leider ist es hier genau das Gleiche. Eistouren sind keine mehr, sondern haben Felsanteile und die Verhältnisse sind nicht so prickelnd. Irineo sagt, es hat in diesem Jahr nicht geschneit. Das betrifft natürlich auch den Illimani – ein zusätzlicher Nichtmachgrund.

Und generell: Ich möchte runter. Egal wohin. Bevor ich losfahre, beantworte ich noch die Fragen, die beim geneigten Leser aufgekommen sein mögen:

Warum, zur Hölle, muss man zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel sein?

Muss man nicht. Beziehungsweise geht es nicht um den Sonnenaufgang, sondern darum, dass Gletscher bei Sonneneinstrahlung instabiler werden. Schnee- oder Eisbrücken über Spalten halten eventuell im (an)geschmolzenen Zustand nicht mehr und Sulz (sofern Schnee vorhanden ist) macht das Vorwärtskommen auch nicht schöner. Deswegen startet man mitten in der Nacht, um die gefährlichen Stellen (sofern vorhanden) im Auf- und Abstieg bei möglichst kalten Temperaturen erledigt zu haben. Gleichzeitig macht man so einen Berg ja schon wegen der Aussicht: Sonnenaufgang auf dem Gipfel ist also die früheste Möglichkeit.
Mal so grob. 

Eli, du wolltest doch mit einer cholita escaladora auf die Berge, was ist da passiert?

Ja, das stimmt. Allerdings gibt es gefühlt 100 Instagram und Facebook-Accounts zu den cholitas escaladoras und null brauchbare Auskunft, wo/wie man sie buchen kann. Mit Elena (ihr Facebookname ist sympathischerweise Ely de las Montañas) hatte ich Kontakt und habe sie in La Paz auch getroffen. Sie ist aber z.B. keine zertifizierte Bergführerin und führt auch nicht selbst den Huayna, weil Führen in den Röcken nicht geht.

Mit Irineo und seiner Frau Flora (auch eine cholita, aber keine offzielle „escaladora“) habe ich auch darüber gesprochen. Die beiden haben mir erzählt, dass sich die Frauen untereinander zerstritten haben und es jetzt mehrere Gruppen gibt, von denen alle behaupten, die „richtigen“ zu sein. Sehr schade, denn die Story ist ja der Hammer und sie könnten so viel erreichen… Flora war auch schon auf allen Bergen, die Irineo guidet – dann aber in Hosen. Irgendwo müssen die Eisschrauben ja auch an den Gurt. Einen Rock hat sie auf Touri-Wunsch dann für Gipfel-Fotos dabei…

Nachdem das dann alles so kompliziert war, habe ich mein Hauptkriterium geändert zu „ich möchte den Guide persönlich getroffen haben, der mit mir in die Berge geht“. Auf den Illimani wäre Flora vielleicht mitgekommen…

Hä, wer/was sind die cholitas escaladoras?

Als cholitas bezeichnen sich die indigenen Frauen. Bei den Aymara gibt es – wenig erstaunlich – auch recht fixe Geschlechterrollen. Er kümmert sich um die Felder, sie verkauft die Ernte auf dem Markt. Er geht arbeiten, sie kocht und putzt. Als Köchinnen sind sie auch schon lange mit am Berg – zum Beispiel auch am Campo Alto des Huayna Potosí. Aber nicht als Guides… Das haben die ersten Frauen vor einigen Jahren geändert und sich als Gruppe cholitas escaladoras (Bergsteigende Cholitas) genannt.

Hier ein paar Links, wer sich mehr von ihnen anschauen möchte:

War es das jetzt wirklich mit Bergen während der Reise?

Nö, ich hoffe nicht!! Weiter im Süden komme ich noch an einigen Vulkanen vorbei, ich hoffe, da klappt noch/wieder was. Nur für den Moment habe ich genug.

Sauerstoff – here I come!!


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

1 Comment

  1. Liebe Eli, danke für Deinen Bericht. Dir wünsche ich weiterhin gute Erfahrungen und Freude unterwegs. Und bleibt/werd gesund.

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