Es gab bis vor nicht soooo langer Zeit eine Person in meinem Leben, die hat mich fertig gemacht. Nicht im Sinne von Mobbing, sondern mich in meinem Kopf. 80% meiner negativen Gedanken hatten mit ihr zu tun. Am schlimmsten war es ausgerechnet beim Joggen, dabei kann ich da normalerweise am besten abschalten.
Es passt nicht ganz, ich kann aber die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, einen meiner Lieblingssprüche anzubringen: Wenn dir am Morgen ein Arschloch begegnet, dann ist dir eben ein Arschloch begegnet. Wenn dir am Tag viele Arschlöcher begegnen, bist du selber eins“ (sagt Raylan Givens in „Justified“, zitiert von Tim Ferris in Tools of Titans). Was ich damit sagen möchte: An der misslichen Situation ist nicht alleine die andere Person schuld (wobei sie das einzige Arschloch in meinem Leben ist, ich habe also Hoffnung für mich). Meinem Umfeld blieb meine Aversion nicht verborgen und ich musste immer wier erklären, was der Grund ist.

Wie meistens im Leben kann man es sich entweder zu einfach machen („finde die Person halt doof“) oder es wird gleich relativ kompliziert. Dachte ich zuerst, dann reifte jedoch ein Modell in meinem Kopf, das (zumindest) mir schlüssig vorkommt. Bin gespannt, ob ihr das auch so seht.

Geben & Nehmen: Basis einer gesunden Freundschaft

Eine gute Freundschaft besteht – wie jede menschliche Beziehung – aus Nehmen und Geben. Noch mehr, als für Familie und Kollegen, denn Freunde kann ich mir auch selber aussuchen und tendenziell auch leichter Reagieren. Das als Grundlage, jetzt geht es erst richtig los:

Jede (Nicht-) Handlung in einer Freundschaft hat Auswirkungen auf den Karmapunkte-Stand

Nein, es muss nicht „Karma“ sein, man könnte es auch anders nennen. Aber ich mag den Ausdruck, weil er schon per se eine gewisse Abstraktion mitbringt. Es geht ja nicht um einen fixen numerischen Wert und das Karmakonto folgt anderen Regeln als das Bankkonto.

Denn es ist hoch sujektiv, wer wofür viele Karmapunkte (abgezogen) bekommt. Selbst von den Beteiligten kann die gleiche Situation komplett unterschiedlich gewertet werden. Beispiel Zimtbrötchen: Lisa hat sie für einen Brunch gebacken und mir auf dem Weg dorthin welche auf den Balkon geworfen. Aus ihrer Sicht: eine relativ neutrale Handlung. Aus meiner Sicht: ewige Dankbarkeit und viele Karmapunkte auf Lisas Konto!

Wäre es jemand anderes gewesen oder auch Teil einer wöchentlichen Routine (ist das wishful thinking?) sähe es schon wieder anders aus. Entscheidend sind Grundsympathie, Kontext, oder ggfs. auch das Wissen, dass jemand für mich aus seiner Komfortzone gegangen ist.

Ein Freund hat sich angewöhnt, erst was aus seiner Naschkiste zu nehmen, wenn er mit fünf Liegestütz „dafür bezahlt hat“. Größere Portionen bedeuten mehr Liegestütze. So klar zähle ich die Karmapunkte natürlich nicht. Braucht es auch nicht, denn eine Freundschaft, vor allem wenn sie schon lange auf einer vertrauensvollen Basis besteht, kann auch mal eine längere Schieflage in eine Richtung aushalten. Irgendwann ändern sich die Zeiten und es gleicht sich wieder aus.

Aber manche Freund- und Bekanntschaften fühlen sich auf Dauer einseitig an.

Man lädt zum Essen ein, nimmt sie zu Aktivtäten mit – sie sagen gerne zu, haben eine gute Zeit und sagen „ah, und wir könnten mal … Ich organiere das“ – aber es passiert nichts. Bis ich wieder einlade. Da stelle ich mir die Frage: Was ist mir die Freundschaft und diese Person wert? Warum ist das so? Wird sich das noch mal ändern? Liegt das an mir? Sind meine Erwartungen unrealistisch? Und komme ich damit klar? Ein anderes Beispiel ist die Batterie an Leuten, die ich sonst nie sehe, die Doro und ich aber zu unseren Partys eingeladen haben. Weil wir uns freuen, sie zu sehen. Und oft auch, weil sie die Pary durchaus bereichen, da sie mit jedem quatschen und es hervorragend verstehen, die einzelnen Gruppen und Leute miteinander ins Gespräch zu bringen.

Es kam aber auch schon öfter vor, dass mir das nicht mehr reicht. Die Frage, ob das Fass übergelaufen ist, oder ob sich meine Überlaufgrenze verschoben hat, kann ich nicht immer beantworten. In der Konsequenz ist es egal: die Person hat keinen Platz (mehr) in meinem Leben. Das lässt sich leicht handhaben: ich muss mich ja nur nicht mehr melden…

In meinem konkreten Dilemma hatte ich das Gefühl, dass nichts gegeben wird (und noch schlimmer: die Person nicht mal selbst wusste, was sie hätte geben können – wie furchtbar ist das denn?!), aber durchaus gerne genommen wird. Ein echter Energiezieher. So schlimm, dass ich auf einmal Geiz, Gereiztheit und Missgunst an mir festgestellt habe. Dass mit dieser Überempfindlichkeit der Teufelskreis erst richtig losgeht muss ich nicht erwähnen, oder?

Der Love it, change it or leave it-„Test“ ließ nur eine Möglichkeit. Akzeptieren ging nicht, Verändern hatte ich (fand ich!) lang genug probiert: also musste die Person gehen. Oder ich – je nachdem, wie man das sieht. Aufgrund der Umstände war das etwas verzwickt, aber ich habe es geschafft, mich von der Person zu befreien. Und mir geht es seitdem so viel besser.

Ist das irreversibel?

Im konkreten Fall ist der Drops gelutscht. Genauso, wenn die Entzweiung mit unvereinbaren Werten zu tun hat. Generell denke ich: Wer das Karmapunktekonto über den kritischen Schwellenwert bringt, ist (wieder) im Spiel. Nachtragend bin ich wirklich nicht. Und z.B. mit ZImtbrötchen leicht zu haben. Sowieso: wer schon mal im positiven Bereich war, dessen Chancen stehen nicht schlecht.

Stehe ich irgendwo im Minus?

Ich werde gleich noch mal drüber Nachdenken, ob es auch Freundschaften gibt, in denen ich es mir gemütlich gemacht habe, im „Nehmen“-Modus bin und auf der Abschussrampe des anderen stehe. Hoffe, die Freunde sprechen rechtzeitig eine deutliche Warnung aus…

Außerdem werde ich noch drüber nachdenken, ob auch das Gegenteil schon eingetreten ist. Ich mich also distanziert habe, weil jemand viel mehr gibt, als ich bereit bin zurückgeben – ob das nun explizit eingefordert wird oder nicht.

Und vielleicht fang ich mal vorsorglich an zu backen :).

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