Früher fand ich Joggen ziemlich doof. Erst als ich die nach der Weltreise angefutterten 8 Kilo wieder loswerden wollte, habe ich mich – es ist halt einfach und effektiv – zwangsweise mit dem Laufen angefreundet. Mittlerweile liebe ich es.

Außer Laufschuhen braucht man nichts (Ihr wisst aus dem No Gear-Artikel, dass ich von Sonderausstattung nicht so viel halte. Aber: bei Laufschuhen müssen es gute & für dich passende sein! Sonst wird es nie gut.). Es geht immer. Überall. Diese Flexibilität ist für mich auch ein großer Vorteil, deswegen gehe ich gern alleine. Meistens sofort nach dem Aufstehen, da gibt es noch keine Ausreden (such dir eine aus: voller Bauch sportelt nicht gern / der Blutzuckerspiegel ist zu niedrig, es ist zu warm/kalt, zu wenig Zeit…). Außerdem finde ich es meditativ. Ich höre keine Podcasts oder Musik, telefoniere nicht, … Es ist Digital Detox-Zeit, die Augen schauen ins Weite, ich höre die Vögel zwitschern und komme glücklich und verschwitzt zurück. Soweit die Philosophie.

Die Psychologie weicht da ein wenig ab. Meistens schwebe ich – leider – nicht im Flow im Flow durch den Wald. Im Gegenteil, es ist oft während des Laufens ganz schön mühsam… (Spätestens) danach fühle ich mich aber IMMER gut, sonst hätte das auch keine Erfolgsgeschichte werden können…  Erst vor kurzem ist mir aufgefallen, dass es unterschiedliche Arten von „mühsam“ gibt. Sollte ein Sportpsychologe diese Zeilen lesen: stimmt, ich mache hier Küchentisch-, ääähh Laufschuh-Psychologie und spreche lediglich aus meiner eigenen Erfahrung.

Und die sagt: Ein Flow-Lauf ist, wenn Kopf, Beine und Herz-Kreislauf zusammen spielen.

Häufig sagt der Kopf: „Echt? Die ganze Steigung durchlaufen? Muss das sein? Und reicht es nicht eigentlich, wenn wir spazieren gehen? Vielleicht auch nur die kürzere Runde!?“

Oder die Beine sind einfach schwer. Manchmal haben sie einen Grund, meistens (finde ich) nicht. Dann wippen Herz-Kreislauf und Kopf vor Ungeduld, aber es geht nicht so recht vorwärts. Das hört sich idann in meinem Kopf so an: „Na klar joggen wir heute den Berg hoch! Gogogogo!! Waaaaaas?! Gehen?! Warum?!“

Oder, wie letztes Mal: Die Beine sind fit wie die Schuhe an ihrem Ende und sie jubeln wie junge Fohlen, die zum ersten Mal auf die Weide gelassen werden: „yehaaaa, einfach laufen!!!“ Der Kopf sagt „Oh ja, gute Idee! Es ist ja kalt und wird gleich dunkel, genieß den Wald lieber mal schneller“. Dummerweise keuche ich jedoch meinen schwungvollen Beinen hinterher und weiß schon, dass der Hochleistungsfrequenz-Balken in der Tracking-App ganz schön lang und rot sein wird. Mein Kopf hat übrigens aufgegeben und sich einfach nur noch kaputt gelacht.

Ist es zuviel verlangt wenn drei Komponenten stimmen müssen?

Ich finde eigentlich nicht. Meistens ist es auch so, dass sich Kopf, Herz-Kreislauf und Beine nach ungefähr sechs Kilometern auf ein gemeinsames Tempo geeinigt haben. Dann kann ich ewig laufen. So weit, so gut – außer eben, dass sechs Kilometer schon weit, bzw. lang ist, bis der Genuss einsetzt. Meist aber noch rechtzeitig, um mich doch für die lange Runde zu entscheiden.

Damit die Leidensphase aber eben so kurz wie möglich ist hilft es allen Beteiligten herauszufinden, in welchem Zustand welche Komponente besonders willig ist. Ich gehe gerne direkt nach dem Aufstehen, das finden erst der Kreislauf, dann die Beine nicht so lustig. Aber der Kopf ist meistens glücklich über den ruhigen, stimmungsvollen Morgen, den die schlafenden Menschen verpassen (und die wenigen, die unterwegs sind, grüßen ebenfalls morgenstimmungsverliebt).

Mittags finden Beine und Kondition eigentlich ganz gut, aber das ist dem Kopf zu anstrengend, der dann nämlich Essenzeiten planen muss und womöglich noch Arbeitssachen sortiert.
Nachmittags/abends war Prä-Corona schwierig, da waren alle schon müde. Nach einem Homeofficetag ohne Bewegung tritt dann das oben erwähnte Fohlen-Syndrom ein und der Kopf ist froh um Sauerstoff und Horizont statt Bildschirm. Herz-Kreislauf ist aber gern mal überfordert.

Umso schöner ist es also, wenn es direkt mit dem Flow klappt. So wie heute morgen. Ich wusste, ich bin schnell unterwegs, aber auch, dass ich so locker die ganze Runde durchhalte. Statt mich erst mal in den Lauf hineinzufinden, sind die Gedanken gleich meditativ davon geglitten. Und den blöde Berg, an dem jedes Mal mit mir diskutiere, war ich schon fast hochgejoggt bis ich überhaupt gemerkt habe, dass ich gerade bergauf laufe. So macht es wirklich Spaß und kommen gute Ideen. Und was das für die Motivation macht brauche ich ja gar nicht zu erwähnen – ich freu mich auf den nächsten Lauf!

Wie läufts bei dir?

Oder noch 20x? Oder…

Tipps für „ich würde ja eigentlich auch gern“-Läufer:

  • Kauf dir ordentliche Laufschuhe! Und zwar nach einer Laufbandanalyse und mit Beratung. Und das passendste Paar kaufst du in diesem Moment in diesem Laden. Später im Internet zu schauen, ob es nicht auch „so ähnliche“ oder die gleichen für 20 Euro weniger gibt ist dumm (Entschuldigung, ich kann es nicht anders sagen). Alle Schuhe, die ich „mal so mitgenommen“ habe, haben für mich nicht funktioniert und nach spätestens 5 Kilometern hatte ich Schmerzen. Die Laufschuhe sollten dann auch nach 400 Kilometern ersetzt werden (das aussortierte Paar wird bei mir zu Radschuhen), danach federnd sie nicht mehr so recht. Den Unterschied merkt ihr mit dem neuen Paar! Alle anderen Klamotten sind übrigens völlig egal – hauptsache, sie passen zu eurem Temperaturempfinden.
  • Wenn du dir vornimmst heute Laufen zu gehen, dann zieh gleich die Laufklamotten an. Du musst nicht sofort los und kannst erst noch kruschteln und mit den Kindern spielen oder Rasen mähen oder … Irgendwann kommt dann doch der Moment. Die Laufsachen ungelaufen wieder ausziehen, das ist eine größere Überwindung, als doch zumindest ne Mini-Runde zu drehen. Der Tipp kommt von Dieter Baumann und bei WOL gibt es mit der „touch the hometrainer“-Übung übrigens etwas sehr ähnliches. Idee: schon mal besser, es wenigstens aktiv in Betracht gezogen zu haben, als sich schon vor den Gedanken dazu zu drücken.
  • Auf Geschwindigkeit und Länge kommt es nicht an. Nur eine gewisse Regelmäßigkeit sollte vorhanden sein, sonst wird es ja nie besser und macht keinen Spaß.
  • Finde deinen Stil und probiere aus: Manche frieren eher, andere schwitzen schnell – was ist deine an die Temperaturen angepasste Wohlfühlklamotte zum Laufen? Für manche ist Podcast/Musik hören genau das richtige, andere hören sich lieber die Waldgeräusche an und machen digital Detox – wie ist das bei dir? Welche Tageszeit passt dir am Besten? Motiviert dich eine Gruppe oder hält dich das festgelegte Verabreden eher ab?
  • Dehnen. Ich halte es wie Dieter Baumann: auf den Körper hören. Manche brauchen es mehr, andere weniger. Ich glaube, auf der weniger-Seite zu sein. Ein paar Übungen muss ich trotzdem machen, sonst merke ich schnell, dass meine Oberschenkelmuskeln sich verkürzen und das wird unangenehm. Übungen findet man im Internet sicherlich zuhauf, oder man fragt seinen Fitnesstrainier des Vertrauens oder erinnert sich an den Sportunterricht damals.

Happy Running!

1 Comment

  1. … langsam wird es unheimlich… kannst Du Gedanken lesen? Langsam gutbesetzte keine Ausrede mehr nicht jetzt sofort mit Laufen zu beginnen… 😉

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