Gute 800 Kilometer zu Fuß längs über die Pyrenäen, klingt das nicht nach einem wunderbaren Sommervorhaben? Start und Ende sind das Meer und dazwischen warten auf der Transpirenaica 45.000 Höhenmeter. Klingt fantastisch, finde ich. Im September 2024 geht es los. Mein loses Ziel ist es, in 30 Superschnelli-Tagen durch zu sein. Ob das klappt?
Ich berichte in mehreren Teilen.  

Tag 0 | 02.09.2024 | Stuttgart – Montpellier

Ich bin auf dem Weg! ENDLICH! Natürlich war es am Ende doch stressig (Bargeld hebe ich erst in Mannheim ab, als ob ich es nicht schon vor einer Woche hätte erledigen können). Aber jetzt – Entspannung im TGV…

Oder auch nicht. Ich habe erste Klasse gebucht (der Sparpreis war nur 10 Euro teurer als das günstigste verfügbare 2. Klasse-Ticket) und habe anderes erwartet als diesen uralten Zug mit abgewetzten Sitzen, in dem jedes zweite Licht flackert. Und niemand kommt vorbei und fragt, ob ich einen Kaffee möchte. Dafür ist es sehr leer und ruhig (bis auf die zwei Berlinerinnen).

Naja, weit waren wir noch nicht gekommen, als wir wegen einer Signalstörung (noch in Deutschland…) eine Stunde im Nichts stehen. Die Umsteigezeit in Lyon ist weit überschritten.

Und dann mache ich auch noch den Fehler in den Wetterbericht zu schauen. Was ist denn da passiert? Die Woche sieht gar nicht gut aus. So viel Regen… So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Regenwolken in den Bergen sind ja eh eine Sache für sich. Ich fühle mich zurückversetzt in den Moment vor ein paar Wochen, als ich mit einer Frauengruppe in den Bergen war. Trotz drohenden Regens und niedrig hängender Wolken wollte ich auf jeden Fall auf den Gipfel, während die anderen schon den Rückweg angetreten haben. Obwohl ich sie zwischen den Nebelfetzen immer wieder gesehen habe und wusste, wie nah wir an der Hütte sind (= überall weitere Menschen, gar nicht allein) fand ich die Situation etwas gruselig. So soll es in den Pyrenäen nicht werden!

Wie immer gehe ich davon aus, dass ich mit/an meinen Herausforderungen wachsen werde. Und vor allem freue ich mich aufs Wandern und auf neue Erlebnisse.

Am Ende wird doch alles gut. Der TGV hält außerplanmäßig in Valence – dort gibt es noch eine Anschlussmöglichkeit. Danke an SNCF und die Fahrgäste für die extra 10 Minuten Geduld! Eine Stunde verspätet komme ich in Montpellier an und falle kurz vor Mitternacht in mein bahnhofsnahes Hotelbett.

Tag 1 | Banyuls-sur-mer – Requesens | HRP/GR10 und GR11

26,5 k | 1.570 ⬈ | 1.090 ⬊ | 07:02 Dauer | 25 Grad | höchster Punkt: 1.084 m
👍 das Croissant
👎 das irgendwann Regen kommt war klar. Aber am ersten Tag?!

Nach 5 Stunden Schlaf packe ich meine Zahnbürste und das Ladekabel wieder in den Rucksack und gehe zum Bahnhof. Der Regionalzug nach Banyuls hat 10 Minuten Verspätung – bin hin und hergerissen, ob ich mich freuen soll, dass es woanders auch nicht perfekt läuft, oder ob ich enttäuscht bin. Der Grund ist jedenfalls sehr französisch: Vandalismus durch Steinewerfer.

Am Schoko-Croissant beim Bäcker kann ich einfach nicht vorbeigehen. Und natürlich habe ich es sofort gegessen, 5:30 Uhr hin oder her.

Mein Frühstück an der Strandpromenade läuft wie geplant. Ach, Croissants und Baguette können sie. Bin fast traurig, dass ich Frankreich am Mittag verlassen werde.

Es ist bewölkt und es wird auf jeden Fall regnen. Aber immerhin kein Dauerregen, sagt mein Bergwetterblick. Die Starkregen- und Hagelwarnung ist auch aus der Vorhersage verschwunden, juhu.

Schon beim Start finde ich heraus, warum die Wanderführer die Transpirenaicas alle vom Atlantik zu Mittelmeer beschreiben:
1. Von links nach rechts ist als Leserichtung tief in uns eingebrannt, das gilt auch für Karten
2. weil das Licht fürs Füße-im-Wasser-Start-Foto morgens am Mittelmeer (und Nachmittags am Atlantik?!) kacke ist.

Egal, ES GEHT LOS!

Hänge noch an der Frage, ob ich der Tour gewachsen bin, da schließe ich an einer steilen felsigen Stelle zu einer Männergruppe auf. Die großen Rucksäcke wackeln hin und her wie Kamelhöcker, die Wanderstiefel rutschen von den schlecht gewählten Tritten und sie bleiben bereitwillig und heftig schnaufend stehen, um mich vorbeizulassen. Außer der fünfte, der ganz vorne läuft – wie ich in leichten Schuhen und mit moderater Rucksackgröße. Aber hilft ja nichts, er muss eh auf seine Kollegen warten. Ich hüpfe bergziegengleich davon und nehme das als Antwort.

Nieselregen 1. Es ist schwül und das T-Shirt eh schon nass, ich ziehe nichts drüber.

Oben auf der Kuppe kommt doch mehr Regen – also gut, erster Einsatz für den Tarp-Poncho. Gefällt mir! Zumindest so lange keine dornigen Büsche den Weg begrenzen, dann nervt der viele Stoff und die Hängenbleib-und-alles-kaputt-reiß-Gefahr doch ein wenig.

Stichwort Dornen: die Brombeerbüsche hängen voll mit reifen Früchten. Lecker! Eine unerwartete, erfreuliche Vitamindosis.

Der unter-Kastanienbäumen-Biergarten-mit-Übernachtungsoption sieht aus, als wäre er schon lange außer Betrieb. Bin gespannt, wie oft das passieren wird. In dem Fall macht es nichts. In der Nähe ist eine sehr eisenhaltige (= orange verfärbte) Quelle und ein kleines Burgruinchen mit einem hübschen, zeltgeeigneten „Garten“. Nehme ich. Die Beschwersteine für die Zeltleinen liegen schon bereit. Auch die nehme ich, bekomme keinen Hering in den felsigen Untergrund.

Der Regen ist für heute durch, der Boden trocken. Ich baue das Tarp auf, wasche mich und einen Teil der Klamotten, mache am 12-Mann-Steintisch mein Abendessen (der Couscous schmeckt mir gekocht besser als kalt eingeweicht), bereite das Frühstück schon vor, stopfe die (mitgebrachten) Löcher im Merino-T-Shirt, wasche ab, hänge das Fliegennetzinnenzelt ins Tarp, mache das Bett, schreibe Tagebuch und schaue auf die Uhr: noch nicht mal 20 Uhr. Gut, muss ja Schlaf nachholen.

Mir sind heute ca. 10 Wanderer in 1-3er Gruppen entgegengekommen. Die August-Wanderer, die jetzt mit HRP/GR10 fertig werden?

Und ein Trailrunner. Erst als er direkt neben mir war, habe ich gesehen, dass er ein Taschentuch auf seinen Kopf presst. Gestürzt und Loch im Kopf? Er hatte noch sehr vital gegrüßt und ich hoffe, er hat es gut ins Tal geschafft.

War ein abwechslungsreicher Tag. In Frankreich gings auf schönen Wegen und in lichtem Wald und offenem Gelände zügig hoch. Der GR11, auf den ich am Nachmittag gequert bin, hängt eher im Wald und verläuft deutlich tiefer. Das ändert sich hoffentlich bald…

Tag 2 | Requesens – La Vajol

27,65 k | 1.006 ⬈ | 954 ⬊ | 05: 44 Dauer | 23 Grad, bewölkt am Vormittag, Nieselregen am Nachmittag, stürmischer Wind ab Spätnachmittag | höchster Punkt: 777 m
👍 die warme Dusche
👎im Nieselregen, umschwirrt von nervigen Fliegen, kilometerlang auf einer (geteerten) Autostraße ohne Seitenstreifen laufen

Schlecht geschlafen, oft wach.

45 Minuten habe ich vom Aufstehen bis zum Loslaufen gebraucht – ohne Kaffee und Frühstück.

Heute Morgen fühlt sich der Rucksack doch schwer an.

Oh, ich habe illegal gezeltet. Nach ein paar Minuten komme ich an einem Schild vorbei, dass dem Gegenverkehr anzeigt, dass hier ein Nationalpark und Finca-Gelände starten. Eins der Symbole drunter: Campen verboten. Ups.

Die Landschaft fühlt sich spanisch an, mit einem Schuss der Athener Kalimera-Runde – ich fühle mich zu Hause. Sandig-staubige Wege, reduzierte Vegetation und das Versprechen von (grundsätzlich) viel Sonnenschein.

Später Vormittag in La Jonquera. Die Franzosen kommen wegen des Glückspiels und günstigen Tabaks, ich nehme lieber 2 Kaffee, ein Schokocroissant und ein großes Baguette mit Omelette und Käse (und ins Brot geriebener Tomate) – für 9,50 Euro.

Übung des Tages: Durch den Mund atmen.
So kann der Körper mehr Sauerstoff aufnehmen und verliert weniger Flüssigkeit.

Der erste Ohrwurm, sicher inspiriert durch die Markierung und wahrscheinlich auch den kürzlichen Sommerkarnevalsbesuch von Geli: Rut un wiess… (Link zu YouTube).

Korkwälder sind hübsch, aber nicht so wahnsinnig spannend. Es geht sanft auf und ab, meist auf Forstwegen und insgesamt mit wenig Aussicht. Mir ist langweilig. Vielleicht hätte ich auf der HRP bleiben sollen? Was mir besonders zu denken gibt: Die Rother-Wanderführerin beschreibt die heutige Etappe als abwechslungsreich.

Die Fliegen umschwirren mich penetrant. Stört die der Regen der nicht? Der soll laut Wetterradar (auch über Nacht) anhalten. Kilometer habe ich auch genug – ich rufe im Gemeindeamt in La Vajol an und reserviere ein Bett in der Herberge (15 Euro, vergessen nach DAV-Rabatt zu fragen).

Die letzten Kilometer auf der Autostraße im Regen sind nervig, die Überraschung und Freude nach Ankunft dafür groß: alles sehr gepflegt und neu und ich bin allein (mega zum Duschen, Waschen, Sachen aufhängen, ruhig schlafen, Wlan-Geschwindigkeit).

Beim Weg durchs Dorf merke ich meinen linken Fuß. Vermutlich war die Entscheidung richtig, nicht weiterzulaufen.

Am Spätnachmittag hört es auf zu regnen, dafür windet es sehr ordentlich. Das ist kein Biwakwetter. Das dachten sich auch die zwei Spanier (bzw.: der Katalane und der Madrilene, die beide in Australien leben), die noch ins Refugio geweht werden. So ein schönes hätten sie noch nicht gesehen, sagen sie. Aha, kein Standard. João und sein Kumpel sind bei Tag 32, in 3 wollen sie am „richtigen“ GR11-Ende sein.

Zum Abendessen gehe ich schick aus und verdrücke zwei Portionen – das Mittagessen war ausgefallen und ich habe Hunger. Rächt sich beim Einschlafen natürlich, die Mahlzeit liegt mir schwer im Magen.

Im Fernsehen: Überschwemmungen in Tarragona und Mallorca. SEHR viel Regen auch weiter westlich in den Pyrenäen. Sieht aus, als wäre das Wetter hier geradewegs gut zu nennen.

Tag 3 | La Vajol – Refugi Bassegoda

38,5 k | 1.503 ⬈ | 1.258 ⬊ | 08: 56 Dauer | 24 Grad sonnig/bewölkt | höchster Punkt: 811 m
👍 Sonne!
👎dieses Ziehen im linken Fuß…

Der Wecker der Australspanier klingelt – warum auch immer – um 5 Uhr. Hell wird es erst nach 7 Uhr… Ich war (leider) eh schon wach, stehe also mit auf. Wir trinken gemütlich Kaffee, frühstücken und sind kurz vor 7 Uhr gleichzeitig aufbruchbereit.

Nach 20 Minuten ziehe ich das Langarmshirt aus und freue mich wenig später über die Sonnenstrahlen. Und dass es heute nicht so schwül ist.

Übung des Tages: Markierungen suchen, statt an Wegkreuzungen direkt auf die Uhr zu schauen. Habe ich schon auf dem Jakobsweg gemerkt, dass man das Trainieren kann/muss (bis man dann in die nächste Comunidad kommt, wo der/die Wegmarkierer*in anders arbeitet 😅). Prompt habe ich mich heute auch nicht verlaufen.

Spanische Dorfbars am Morgen sind herrlich. Ein kurzer Schwatz mit den Bekannten hier und da, ein schneller, leckerer Kaffee (bei manchen mit Schuss), dazu vielleicht noch ein Croissant oder durch die Zeitung blättern und dann kann der Tag starten.

Heute denke ich, dass es gut ist, dass die ersten Tage so sanft sind. Man ist doch viel mit sich beschäftigt, bis alles mal durch ist mit weh getan haben.

Am Vormittag ist es die Rucksack(hüftgurt)naht, die am rechten unteren Rücken ungünstig auf spitzen Knochen und Hosenbund trifft. Ich hatte die Kombi schon unzählige Male zusammen an/auf (allerdings meist nicht so lang und mit leichterem Rucksack). Am Nachmittag ziept der Fuß wieder.

Und dazwischen verwandeln sich die 7x getragenen, teuren Merinolaufsocken in zwei große Löcher und machen das (in letzter Sekunde in den Rucksack geworfene) Ersatzpaar zum einzigen Paar Wandersocken. Mhm.

Finde den Weg heute viel abwechslungsreicher. Immer noch viel Wald, aber schmalere Pfade, gewundener, auch mal das Gefühl „oben“ zu sein. Ich mag es.

Erfreulich auch, dass ich zum Mittagessen wieder einkehren kann. In Albanyà esse ich Cannelloni unter einer riesigen Kastanie. Direkt neben der Steinkirche, deren Glockengeläut mich fast zu Tode erschreckt und sicher auch noch drei Täler weiter zu hören ist.

Das T-Shirt (ich) stinkt. Gut, dass ich draußen sitzen kann. Und, dass es in zwei Tagen nur noch die anderen riechen, ich aber nicht mehr. Hehe.

Nachtisch gibt’s am Campingplatz einen Kilometer weiter. Dort treffe ich einen älteren GR11-Geher. Der scheint schon länger unterwegs zu sein, sein Schnauzer wächst ihm in den Mund. Er erzählt, dass er ins Gewitter und die Regenschauer kam, seit vier Tagen dauernass und mental und physisch am Ende ist. Er bleibt heute auf dem Campingplatz, um sich zu erholen. Ich lege ihm das Luxus-Refugio für morgen ans Herz, er macht mir Vorfreude auf Wasserfallbaden. Doch praktisch, wenn Leute in die andere Richtung gehen – man weiß, was heute oder morgen kommt.

Ich bin zwar erledigt, aber habe keine Lust auf frühen Feierabend. Außerdem sind zu viele Familien auf dem Campingplatz und die Eltern trinken Tinto de verano. Bin neidisch.

Zum nächsten Refugio – ich weiß von meinen Gegenrichtungsinformanten, dass es unbemannt, aber offen ist – sind es 9 km und 600 HM. Das Schild sagt 4:40 Stunden. Pfff! Ich brauche 2 Stunden.

Am Refugio – ein altes Steinhaus, das schon viel erlebt hat – ist niemand. Beim Abendessen auf der windabgewandten Seite überlege ich, ob ich hier draußen das Zelt aufschlage oder in dem unheimlichen Gebäude schlafe. Gerade als ich mich für draußen entschieden habe, tauchen drei Locals auf – Mädels Anfang 20, frisch und sauber, mit Isomatten, großen Wasserkanistern und Gitarren. Sie sind mit dem Auto hochgekommen, haben den Schlüssel für die „Privat“-Tür und – zack – steht eine Bierbank auf meinem Zeltplatz. Da ich außerdem davon ausgehe, dass wir zu unterschiedlichen Zeiten Schlafengehen werden, nehme ich: drinnen. Da hat sich in der Zwischenzeit noch ein spanisches Paar, dass kein Paar ist, eingefunden. Bei 30 Plätzen kein Problem.

Von Carlota und Martín bin ich beeindruckt. Sie sind seit 35 Tagen unterwegs und haben noch völlig klar vor Augen, wie die unterschiedlichen Orte hießen, die dazugehörigen Refugios (Hütten, gibt es auch von/bis) aussahen und was man wo (nicht) kaufen konnte. Wow!

Tag 4 | Refugi de Bassegoda – Beget

25,49 k | 1.471 ⬈ | 1.764 ⬊ | 07:05 Dauer | 23 Grad, bewölkt | höchster Punkt: 1.129 m
👍 das Bad im Wasserfall-Pool
👎wenn ich auf einem Waldweg noch einmal Spinnweben aus dem Gesicht wischen muss…

Wieder schlecht geschlafen. Es ist noch zu warm für meinen Quilt. Und das Kopfkissen passt nicht.

Trotzdem gut gelaunt aufgestanden und losgestiefelt. Bestimmt reißt auch die Wolkendecke gleich auf und es wird ein schöner Tag.

Dann ging es bergab. Auf steinigem Untergrund. Nicht schwer, aber doch mühsam zu gehen. Und ich merke, dass ich einfach sooo müde bin. Keine Nacht, seit ich unterwegs bin, war wirklich gut.

Unten ist am Refugio Sant Aniol de Aguja, das ein ehemaliges und zukünftiges Refugio ist. Mit Spenden- und Steuergeldern wird es seit Jahren renoviert, ist aber noch nicht fertig. Hier gibt es wieder Wasser und daneben eine schöne Bank zum Essen.

Der Himmel ist grau, trotzdem mache ich den „kleinen Abstecher“ zum Wasserfall. Den finde ich unspektakulär, aber der Pool davor ist wirklich traumhaft. Mir ist nicht besonders warm, aber den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen kann der Laune nur zuträglich sein. Also, Klamotten aus und rein!

Wieder zurück am Brunnen treffe ich auf Levi (aus Deutschland, mit Trailrunning-Rucksack) und seinen wortkargen Schweizer Begleiter. Er erzählt auch, dass das mit dem Regen in den Bergen in den letzten Tagen kein Spaß war und er sich auf den Wald freut. Na dann.

Ich gehe wieder bergauf. Und freue mich, dass der Wald sich öffnet. Und den Blick freigibt auf tolle Kletterfelsen. Sehen tue ich niemanden (zu langer Zustieg? Regensorgen?).

Beim nächsten bergab freue ich mich immer noch über lichteren Wald und meist angenehmen Untergrund, aber diese Spinnweben, die ich mir ständig aus dem Gesicht wischen muss… Das nervt mich schon seit Tagen – heute dann richtig schlimm. Energie habe ich auch keine und egal, was ich zu essen nachschiebe, es ist zu wenig oder das Falsche und ich bleibe hungrig. Ich grabe nach dem Notfall-Snickers.

Richtung Beget geht es über ebene, asphaltierte Straße. Das findet der linke Fuß ganz doof, da kann auch das Snickers nichts ausrichten.

Im Ort begebe ich mich zielstrebig zum weniger schicken Restaurant. Man muss das Tagesmenü nehmen, deswegen steht alsbald der im Menü enthaltene Rotwein (ein Liter…) vor mir auf dem Tisch. Prost!

Und weil es, ca. 15 Sekunden nachdem ich mich unter der Markise gesetzt habe, angefangen hat zu schütten wie aus Kübeln, trinke ich und freue mich über mein Timing.
Die dunklen Wolken waren schon länger da. Gestern hingen auch stundenlang welche über mir, ohne dass es geregnet hätte, von daher hatte ich mit dem Guss nicht gerechnet. Es soll noch mehr runterkommen und ich will dem Fuß eh Ruhe gönnen. Aber ich wollte auch vor allem campen!?! Aber… Ich schenke mir Wein nach und sage dem Wirt Bescheid, dass ich über Nacht bleibe.

Nebenan sitzen zwei (arabische?) Männer und der eine stottert. Ich gebe zu, dass diese Klangkombination mich hat schmunzeln lassen. Irgendwie sympathisch.

Nach drei opulenten Gängen und einem Espresso geht es mir schon deutlich besser und trotzdem merke ich im Gespräch mit den drei GR11’lern am Nebentisch, dass ich (psychisch) ganz schön angeschlagen bin und grad nicht mehr kann und will.

Die drei – zwei junge Tschechinnen und ein Spanier – hatten heute vor allem Tiefenmeter, sie wollen noch weiter und campen. Ich fühle mich kurz wie ein Weichei, dann überwiegt die Freude, dass mein Budget diese Übernachtung hergibt. Die eine Tschechin ist einer ähnlichen Verfassung wie ich, ich fühle mit ihr, als sie (ohne Mittagessen, die Küche war schon zu) weiterziehen.

Das Zimmer kommt mit Halbpension, abends gibt es wieder ein Dreigängemenü. Am Nebentisch sitzt ein älterer, ordentlich aussehender Mann mit Bart. Ich frage ihn, ob er „der Österreicher“ ist. Carlota hatte von einem Österreicher erzählt, der an seiner Haustür losgewandert ist und bis irgendwo in den tiefen Süden Spaniens gehen will. In Österreich musste er wegen noch verschneiter Berge ein Stück fahren, in Frankreich hat er wegen Hitze ebenfalls ein Stück ausgelassen und jetzt ist er wohl auf dem GR11. Sehr ordentlich sehe er aus und er rieche gut, wurde mir berichtet.  Aber nein, er ist es nicht. Er ist Deutscher, mit einer Spanierin verheiratet und zum zweiten Mal auf dem GR11. Das letzte Mal auch in meine Richtung, da hat er es aber nicht in einem Rutsch geschafft. Deshalb jetzt nochmal ein Anlauf.

Tag 5 | Beget – Vallter

32,4 k | 2.150 ⬈ | 930 ⬊ | 08:20 Dauer | 23 Grad und sonnig | höchster Punkt: 1.825 m
👍 endlich Sonne!
👎Zelten mit Kühen?!

3 maßlose Mahlzeiten am Stück, 9 Stunden guter Schlaf, heiterer Himmel, viele Höhenmeter vor mir – es geht mir wieder gut.

Schöner Weg mit Sicht. Bin glücklich.

Kurz vor Molló hole ich einen Wanderer mit großem Rucksack ein. Juhu, jemand, der in meine Richtung geht! Er ist Belgier und geht nicht nur langsam, sondern redet auch langsam.

In der einzigen offenen Bar des Ortes treffen wir uns wieder. Wahrscheinlich zum letzten Mal. Zum einen geht er „nur“ bis Andorra, zum anderen wundert mich seine Langsamkeit jetzt nicht mehr: er trägt (ohne Essen) 18 Kilo. Und schläft auf einem Handtuch, weil das Zelt nicht mehr in den Rucksack gepasst hat. Dass ich in meinem kleinen Rucksack ein Zelt und sogar ein Buch (bzw. Kindle) unterbringe macht ihn fertig. Wir können das Thema nicht weiter vertiefen, ich möchte weiter, um noch im Mittagsmenü-Zeitfenster in Setcases zu sein.

Komme um 15:20 Uhr an, in Beget hätte ich gestern nichts mehr bekommen, aber hier gibt’s viele Touris und es ist Wochenende – ich hab die Qual der Restaurantwahl.

Außer mir sind hier alle zum Pilze sammeln, wobei die meisten Körbe sehr leer aussehen.

Der Geschenkeladen verkauft auch getrocknete Pilze, alles mögliche Selbstgemachte und die Dinge des täglichen Lebens. Obwohl ich satt bin, gerate ich in einen kleinen Kaufrausch. Muss ich jetzt alles den Berg hochtragen… Den großen Müllbeutel, in dem nachts mein Rucksack vor dem Tau geschützt liegen wird, bekomme ich geschenkt.

Bin sehr dankbar, für die vielen freundlichen Menschen, die ich treffe. Hier ein Schwätzchen, dort eins – es ist herrlich.

Durch Setcases fließt ein Kanal. Perfekt, um die Füße zu kühlen und die Kuhweidespuren zu entfernen.

Beim Weitergehen merke ich meine Beine. Die Sehnen… Aber erstmal will ich von der Straße weg. Die führt eigentlich nur zu einem Parkplatz an einem Skilift. Aber dort darf man wohl campieren, anders kann ich mir den großen Anteil an Vans und Bussen und das hohe Verkehrsaufkommen insgesamt nicht erklären.

Die Straße zweigt ab, der GR11 bleibt am Fluss. Das wird eine rauschende Nacht.

Und ganz schön viele Kuhfladen. Dachte mir erst nichts dabei, aber doch, ich bin in einer riesigen Kuhweide. Sollte man in einer Kuhweide zelten? Wie finden die das? Boah, bis zu diesem Parkplatz will ich nicht mehr laufen… Ich lasse es drauf ankommen.

Kurz bevor es endgültig dunkel ist, gehe ich zum Pinkeln (wo immer möglich: with a view!) um die Ecke zum Talblick. Da kommt jemand! Kann ja wohl nicht sein.

Es ist der Belgier. Er läuft gerne bis 21 oder 22 Uhr, er ist eher eine Eule. Ah ja. Verrückt. Außerdem erzählt er, dass er jetzt schon friert. Sein Sweatshirt, in dem er auch schläft, ist noch nass von gestern. Ich frage mich, warum er die nassen Sachen nicht tagsüber außen an den Rucksack gehängt hat. Es war sonnig und SEHR windig, es wäre alles weitestgehend trocken. Er ist jung, aber nicht sooo jung. Er geht weiter und lässt mich ratlos zurück. Wie viel Verantwortung habe ich?

Heute keinen einzigen GR11er von der anderen Seite gesehen.

Tag 6 | Vallter – Pla dels Ventolanesos

32,36 k | 2.470 ⬈ | 2.402 ⬊ | 08:35 Dauer | 20 Grad, Sonne – Wolken – Niesel – Wind – Sonne – Regen am Abend | höchster Punkt: 2.800 m
👍 der Schlafort
👎ich hatte mich so auf den höchsten Pass des GR11 gefreut, dass ich nichts davon gesehen habe ist fies

Ich kann mich nicht entspannen. Mein Kopf lauscht die ganze Zeit. Nicke dementsprechend nur ein und bin super oft wach. Und froh, als sich der Morgen nähert. Um 5 Uhr fängt es allerdings erstmal an zu regnen. Gemütlich irgendwie. Kurz vor 8 Uhr hört es auf, ich packe das nasse Zelt und mein Gedöns ein und steige weiter auf.

Am Refugio Ulldeter stehen gerade die letzten vom Frühstück auf, die Stühle sind hochgestellt- vermutlich wird hier gleich geputzt. Ich kriege trotzdem einen Kaffee und hoffe, dass Socken und Schuhe trocknen. Eine Kuhscheiße-Matsch-Bach-Stelle war tiefer als gedacht… iiihhh. Habs am Brunnen ausgewaschen, aber nass ist nass.

Laut Wetterbericht kann es heute Nachmittag gewittern. Hm, dann mal los, möchte ungern am Grat sein, wenn es kommt. Aber: wo ist der blaue Himmel hin? Von allen Seiten zieht es zu.
Und: ja, es ist Sonntag, aber warum sind hier so viele Menschen und auffällig viele Trailrunner? Wird mir am ersten Pass klar, als ich die Jacke gegen den fiesen Wind anziehe: ein Trailrun-Wettkampf!

Ein paar Hundert Meter überschneiden sich der GR11 und die Laufstrecke. Was ein Stress, ständig Platz für die Läufer zu machen. Noch dazu, weil es angefangen hat zu tröpfeln und mir ist eingefallen ist, dass mein Regencape aka Zelt noch klitschnass ist. Das wollte ich bei meiner sonnigen Pause am Pass trocknen lassen. Naja, das muss jetzt halt der Wind erledigen. Tut er auch. Fix.

Am Ende regnet es nicht, aber ich bin fast sofort von Wolken eingehüllt. Sicht: null. Temperatur: niedrig. Wind: stark.

Tolle Kombi. So bleibts auch. Häufig tauchen Gestalten vor mir aus der Suppe auf (Sonntag halt, die scheinen auch nicht mit dem Wetter gerechnet zu haben). Manche sind genervt, mit manchen scherze ich (sagt ein Weitwanderer: und ich habe extra für heute meine Badehose eingepackt). Ich bin schon dankbar, dass der Weg eindeutig ist und es nicht regnet.

Dann kommt der Abstieg. Auf halbem Weg ins Tal taucht unten auf einmal Núria in der Sonne auf. Und eine halbe Stunde später ist auch der Pass hinter mir sichtbar. Ich ärgere mich. Sehr.

Aber jetzt ist es rum. Der Blick auf den Ort ist verrückt: Skigebiet und Wallfahrtsort. Was für eine Kombi. In der Cafeteria gibt’s Spaghetti mit Käsesoße, dazu Salat und noch ein Schokocroissant als Nachtisch. Mega.

Anschließend hüpfe ich das Tal hinunter nach Queralbs und überhole alle Tagestouris. Die wenigen, die nicht die Zahnradbahn („seit 1931“) nehmen. Dort gibt’s noch einen Kaffee und ich sitze an der Kirchentreppe in der Sonne. Diese katalanischen Steindörfer sind einfach hübsch!

Zumindest die, die nicht verlassen sind.

Der weitere Weg ist auch sehr hübsch. Habe fast kein Wasser mehr und muss deswegen an den promintenten, wunderbar hochliegenden Zeltplätzen mit schöner Aussicht vorbeigehen.

An der Quelle des toten Mannes (Font de l‘home mort) fülle ich meine Trinkblase, während ein Stück weiter unten zwei slawisch aussehende Männer nackt in den Fluss springen. Tolle Idee, ich tue es ihnen nach.

Sie wollen noch ins nächste Dorf, ich bleibe unterwegs an einer Wiese hängen. Nicht ganz eben, aber ein toller Ausblick.

Die Regenwolken rollen schon an, also fix das schützende Haus aufbauen. Der Schauer dauert nicht lang und dann bekomme ich noch ein großartiges Wolkenspiel und einen Regenbogen geboten.

Tag 7 | Pla des Ventolanesos – Puigcerdà

33,32 k | 1.040 ⬈ | 1.786 ⬊ | 08:04 Dauer | 21 Grad, Sonne | höchster Punkt: 2.002 m
👍 Der Sternenhimmel am frühen Morgen
👎Der Fuß

Die Kombination aus nicht ebenem Untergrund (ich verwende die Klamotten, die ich nicht anhabe als Keile unter der Isomatte) und nicht perfekt gespanntem Tarp (ich war zu faul nochmal aufzustehen) hat nicht zur besten Nachtruhe beigetragen.

Auch wenn ich es teils „Zelt“ nenne – es ist ein Tarp, mit vier Wänden, aber nicht zum Boden geschlossen. Ventilation ist also immer gegeben. Das finde ich gut, es macht die Konstruktion aber auch flatteranfälliger, so meine Beobachtung (oder es ist menschliches Versagen, auch möglich).

Es ist frisch (bin auf fast 200 Metern), aber ich schäle mich mit der ersten Ahnung von Tageslicht unter dem Daunenberg hervor. Um 7 Uhr habe ich den Rucksack auf, fünf Minuten später komme ich am Zelt der zwei von gestern vorbei (aha, hat der Regen ihre Pläne geändert?), nach 20 Minuten bin ich am Refugio de Coral Blanc. Dort sitzen die einzigen drei Hüttengäste glücklicherweise gerade beim Frühstück. Ich werde eingelassen und bekomme Kaffee und ein bocata de queso. Ein spanisches Käsebrot, also: eine dicke Scheiben Weißbrot, Tomate reingerieben, Käsescheiben drauf, Salz und Olivenöl drüber und noch eine Brotscheibe drauf. In perfektem Verhältnis – sehr lecker!

Die Pyrenäen sind eine einzige Kuhweide…

In Dorrià bade ich meinen geschwollenen rechten Fuß im eisigen Brunnenwasser. Kann meine Zehen nicht mehr beugen und strecken. Ferndiagnose aus Deutschland: typische Überlastungserscheinung. Ja, nicht clever, so noch 30 Kilometer zu laufen, aber vorher gibt es nichts. Werde mir in der Apotheke ein Antientzündungsgel oder sowas holen.

Die Kilometer nach Puigcerdà spule ich ab. Langsam, fast humpelnd, so scheint es mir. Ich höre Podcasts, was mich zusätzlich vom Weg ablenkt. Der ist schön, mit häufig wechselnden Ausblicken, nur ein bisschen viel Forstweg.

Und zwischendrin immer wieder quer über Wiesen, wo ich heute faul bin und mich navigieren lasse, statt nach Markierungen zu suchen (dabei hat das in den letzten Tagen so gut funktioniert!).

Es ist herrlich sonnig, allerdings ist der Wind arschkalt.

Unterwegs gibt’s Strohballen. Ist schon Herbst?!

In Puigcerdà halte ich direkt am ersten Restaurant – der Magen knurrt und es ist kurz vor Menu del día-Ende. Satt mache ich mich auf den Weg zum Hostal Prat. Die Top-Bewertung bei Google erschließt sich mir sofort. Einfach und schön eingerichtet und ein herzlicher Empfang. Gut, dass ich nicht über Booking gebucht habe, vor Ort ist es günstiger und das Frühstück ist auch noch inkludiert.

Nachdem die Klamotten und ich wieder sauber sind, zieht es mich vor die Tür, ich möchte gern noch Sonne. Bezeichnend, dass das nach einer Woche draußen sein noch so ist. Ich gönne mir einen Tinto de verano und gebe das mit der Sonne wieder auf. Es ist zu windig/kalt.

Einkaufen steht noch auf dem Programm, die Essenvorräte wollen aufgefüllt werden.

Die 200-Kilometer-Marke ist überschritten (genauer: 216 Kilometer und 11.222 Höhenmeter), den ersten Teil (von 4) habe hiermit geschafft. Ich gratuliere mir selbst und feiere mit Baguette, Käse und Oliven im Hostal.  

nach 7 Wandertagen

(Hinweis 1: die Fotos verzerren den Blick aufs Wetter natürlich. Im Regen gibt’s weniger schöne Fotomotive und ich habe keine Lust stehen zu bleiben. Insofern gibt’s vor allem Fotos mit blauem Himmel.
Hinweis 2: Die Dauer meiner Etappen ist mal brutto, mal netto, mal halb/halb. Ich habe sehr inkonsequent in Pausen auf Pause gedrückt.)

So gehts weiter:

Rund um den GR11 und die Transpirenaica kannst du hier weiterlesen:

> Zu Fuß über die Pyrenäen: Welche Wege gibt es, wann, warum, wie, …?
> Tourenbericht Tage 0-7: Wald und Regen auf dem Weg von Banyuls-sur-mer nach Puigcerdà
> Tage 8-16: Besseres Wetter, Andorra und ein aufregender Abstecher auf die HRP
> Tage 17-24: Unsichtbare Berge, lange Etappen, Höhen und Tiefen
> Tage 25-31: Emotionaler Endspurt zum Atlantik
> Klar, die Packliste für den GR11 gibt’s auch!

Oder dir bei Komoot meine geplanten Route(n) anschauen: GR11 / Transpirenaica-Collection


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

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