Die Landschaft ist wunderschön. Der Wald leuchtet in frischem Frühsommergrün, auf den Wiesen blüht es in allen Farben, der Ginster ist auch am Start. Der Blick schweift über Hügel und Berge. Es geht eigentlich immer bergauf oder -ab, zwischen den Steinen liegen Tannenzapfen und getrocknete Nadeln. Dieser Untergrund verlangt viel Konzentration, zum Landschaft bewundern (und Entschütteln) bleibe ich gerne stehen.

Vermutlich gibt es auch in den Vogesen geteerte oder ebene Waldwege, die werden auf der Traversée du Massif Vosgien – einer 400 Kilometer / 10.000 Höhenmeter-Fahrradroute, die die Vogesen längst – aber ziemlich konsequent ausgelassen. Die Route ist mir bei meiner „graveln in den Vogesen“-Internetrecherche begegnet und ich war direkt angetan. Die Berichte sprachen von sehr viel Waldweg und ab und zu mal einem Trail, aber nichts Schweres. Na gut, dachte ich mir, das werde ich schon hinbekommen und picke mir den südlichen Teil für meine Dreitagestour heraus.

Wegmarkierung der Traversée du Massif Vosgien
Wegmarkierung der Traversée du Massif Vosgien

Erst jetzt, beim Nachschauen, wie das nochmal alles genau heißt, stelle ich fest: Das ist keine Gravelroute. Die ist fürs Mountainbike konzipiert! Auf den Markierungen steht auch VTT (= vélo tout terrain = MTB) …  Aha! Das erklärt einiges. Und gut, dass ich es währenddessen nicht wusste…

„Vorbereitung“

Bei meinen bisherigen Radtouren habe ich habe ich immer asphaltierte Straßen vorgezogen (z.B. auf der Tour von Stuttgart an die Ostsee). Das Vorankommen auf Wald- und Schotterwegen ist so viel mühsamer und zum Strecke machen schlecht geeignet. Die Entschleunigung und die Möglichkeit, tiefer in die Natur zu gelangen hat natürlich auch seinen Reiz und genau dieses Gravel-Feeling suche ich – ein erstes Mal für mich.

Sicherheitshalber halbiere ich die geplanten Tageskilometer gegenüber dem Asphaltfahren und gehe von 80 km aus. Die Entscheidung für den südlicheren Teil fällt schlicht, weil dort mehr Höhenmeter zurückzulegen sind. Ich rechne also zurück und lade bei: Start in Molsheim. Dorthin komme ich mit dem Regionalverkehr gut.

Gepackt wird das Bewährte. Weil das Wetter gut (trocken, bisschen Sonne, um die 20 Grad) werden soll, es Schutzhütten gibt und die Radtasche ist mit den Schlafsachen schon voll ist, beschließe ich zu biwakieren, also kein Zelt oder Tarp mitzunehmen.

Tag 1: Ernüchterter Enthusiasmus (82km | 2.260 HM)

In Molsheim widerstehe ich der Boulangerie-Versuchung und radle aus dem schnuckeligen Dorf hinaus Richtung Hügel. Erst noch auf Asphalt, bis ich auf die eigentliche Tour abbiege. Es geht sandig hinauf – das ist sehr typisch, werde ich später wissen. Auch die ersten steindurchsetzten Waldwege lassen nicht lange auf sich warten. Dazwischen gibt es auch offene Fläche. Einmal fahre ich eine (Weide-)Wiese hinunter. Der Weg ist gerade noch so zu erkennen, wird aber vom Elektrozaun überspannt. Also: drunter durchkriechen und das Fahrrad hinterherziehen.

Nicht nur solche Aktionen sind anstrengend, auch das Fahren. Bei meiner Mittagspause nicke ich auf der Restaurantterrasse fast weg. Das riesige Stück Rhabarberkuchen und die ab und an hervorblitzende Sonne tragen ihren Teil zur angenehmen Schwere bei.

Der Weg braucht zwar Aufmerksamkeit, trotzdem ist Zeit ist für philosophische Überlegungen: Graveln ist (gerade wenn man beides nicht so gut beherrscht) wie Tiefschneefahren. Es ist relativ unvorhersehbar, wie das Sportgerät auf den unebenen Untergrund reagiert. Deshalb ist eine ordentliche Körperspannung wichtig. Nicht zu wenig oder zu viel, sonst kanns wehtun. Wenn das Rad vom Stein rutscht, der Hinterreifen durchdreht, die Reifen auf einmal einsinken, dann möchte ich die Bewegungsänderung durch den Körper wegfedern können. Und: man wird nicht so schnell. Einen Trail will ich auch nicht runterdüsen, dafür muss ich aber erstaunlich wenig bremsen. Wobei das natürlich übertrieben ist, noch schleiche ich bergab (und bremse also doch viel).

Das langsame Vorankommen macht mich fertig. Als ich entdecke, dass ich zum Ottilienberg viel kürzer über eine Asphaltstraße gekommen wäre, als über die S2-Trails, die ich mich nach oben quäle, ist meine Laune im Keller. Mehr als einmal wirft mich das Fahrrad fast ab und ich muss schieben. Just in diesem Augenblick starten die beiden Männer, die, als ich an ihnen vorbeigekommen bin, faul im Schatten lagen, ihre Kettensägen und machen mit ihren Waldarbeiten weiter. Grrrrrr!!

Die Laune bessert sich schlagartig, als ich – den eigentlichen TMV-Verlauf ignorierend – auf Asphalt bergab rolle. Wohooo!

Gegen 19:30 sind 80 Kilometer geschafft und die Burgruine stellt sich als hervorragender Schlafplatz heraus. Erstmal auf der Liegebank den Körper entspannen. Für die Nacht entscheide ich mich für den Innenhof, da gäbe es ein Dach. Auf einmal ist doch Regen in der Vorhersage.

Meine Nachtruhe wird zunächst durch ein Paar gestört, das auf dem Burgturm Sex hat. Ist ihnen bewusst, wie weit man das hört? Danach bellen nur noch ein paar Rehe im Wald und bis auf drei Tropfen bleibt es trocken.

Tag 2: Der Kampf mit Kopf und Regen (56km | 1.370 HM)

Nach guten 10 Kilometern komme ich durch Châtenois, dem EINEN Ort auf der Route, in dem es einen Supermarkt und zwei Bäckereien gibt. Mit pain au chocolat im Magen und Keksen im Gepäck geht es weiter.

Mittlerweile ist es keine Frage mehr, OB es regnet, sondern viel mehr AB WANN und WIEVIEL. Gerade vor der ersten Regenfront schaffe ich es zu einer Schutzhütte – danke, liebe Erbauer- und ErhalterInnen! Ich stelle mich auf einen längeren Aufenthalt ein. Mit Buch und Regenprasseln auf dem Dach ist es ganz gemütlich und ich erfreue mich an der grünen Aussicht. Irgendwann ist mir trotz Schlafsack kalt und der starke Wind macht mir etwas Sorgen. Es gibt immer wieder kurze Regenpausen, gefolgt vom nächsten Schauer. Wann kann und soll ich wieder los? Ich werde unruhig.

Eine Stunde (und zwei Regengüsse) später packe ich zusammen und radle weiter. Schmunzelnd, weil ich zu Hause noch überlegt hatte, ob ich die Regenjacke überhaupt mitnehme. Hatte entschieden, dass auch die Vogesen Berge sind, und in die Berge ist eine Regenjacke mitzunehmen.

Außerdem freue ich mich, mich wieder zu bewegen. Das Lachen vergeht mir allerdings, denn das Vorankommen ist auf aufgeweichten Wegen und durch Pfützen nicht einfacher geworden.
Es nieselt wieder und die Temperatur ist auf 10 Grad gefallen, als ich einen kleinen Ort erreiche.  Gastronomie gibt es keine, aber das Post/Schule/Rathaus-Kombigebäude ist offen… Ich darf bleiben und die nächste Regenfront aussitzen. Es sind etwa 10 Kinder im Grundschulalter da und eine Frau. Sie sitzen im Raum der Post und machen Nachmittagsbetreuung (meine Deutung der Dinge). Einen Kaffee bekomme ich auch.

Ich suche die weitere Route nach Übernachtungsgelegenheiten ab. Wie? Keine Schutzhütten mehr? Zu den Ferme Auberges (Bergbauerngasthöfe) finde ich im Internet keine Informationen über Zustand und ob sie offen sind. Mir ist dauerkalt, ich habe keine Lust mehr und buche die einzige Option, die ich finde: ein teures Hotel einen Ort neben der Route.

Im Sand auf dem Weg dorthin sinken die Reifen tief ein und ich brauche tatsächlich ein Snickers, um die letzten 10 Kilometer zu schaffen. Irgendwo auf der Strecke fällt mir schmerzhaft ein großer Stein auf den Zeh – wie ich es immer wieder schaffe, die so ungünstig aufzuwirbeln?!

Hundert Meter weiter schaue ich an einer Wegkreuzung aufs Navigationshandy am Lenker. Es ist weg. Aha, das erklärt den „Stein“. Nicht nur für mich, auch fürs Material ist das Dauer-Geruckel anstrengend. Ein Stück Plastik in der Halterung ist abgebrochen. Ich kann sie wieder zusammenstecken, hintersichere die Teile aber lieber professionell mit einem Haargummi (das zahlt sich am nächsten Tag aus). Am Hotel stelle ich fest, dass sich außerdem eine der drei Aufhängpunkte der Gepäcktasche gelöst hat. Scheint mein Tag zu sein.  

Nach dem ersten Saunagang ist mir endlich wieder warm – allein dafür hat es sich gelohnt. Dass der Ruheraum nach Käsefüßen stinkt und ich das Essen im Restaurant in der gleichen Qualität selbst hätte kochen können, nehme ich dafür gleichmütig in Kauf 🧘‍♀️. Auch, dass es heute nicht mal 60 statt geplanter 100 Kilometer im Sattel waren.

Tag 3: Genießertour mit Schönheitsfehlern (85km | 2.080 HM)

Der Himmel ist blau, das Frühstück ist okay und ich bin glücklich, als ich mit trockenen Füßen die fürs Hotel verlorenen Höhenmeter wieder nach oben strample. Nach 20 Minuten ist das T-Shirt zum ersten Mal an diesem Tag nassgeschwitzt. Wie schön!

Das gilt auch für die Landschaft. Die (Süd-)Vogesen sind hübsch. Auf einer Kuhweide – diesmal mit Gatter – begegne ich einer Gruppe, die munter auf Badisch und Französisch vor sich hin schwätzt. Nach Ahs und Ohs zu meinen Vorhaben kommt die Frage: „Und, ist schöner hier als im Schwarzwald, oder?!“ Das kann ich ehrlich beantworten mit „auf jeden Fall, es ist viel weniger schwarz!“. Der Laubanteil unter den Bäumen ist hoch, das helle Grün trägt zur Wirkung bei und die Mischung aus Wald und offenem Gelände sagt mir zu.

Wo es geht verkürze ich die Abfahrten über die Autostraße, bin dabei aber immer zwiegespalten. Einerseits: Wie herrlich angenehm zu fahren! Andererseits: doof mit den Autos und Motorrädern und unglaublich, wieviel intensiver man die Landschaft von einem Waldweg aus erlebt.

Bisher waren die Passstraßen fast leer, heute ist die Hölle los – auch in Frankreich ist Feiertag. Alle Welt scheint in den Vogesen Wandern und Radfahren zu wollen. Am Bikepark geht’s schon rund und zu den Seen wollen auch alle. Mittagspause mache ich auf einem „Gipfel“ in einem Skigebiet und es gibt neben Fernblicken auch um mich herum einiges zu beobachten. Mich erfreut vor allem die Rentnerwandergruppe, die zwei Flaschen Wein auf dem Tisch stehen hat. Die Rucksäcke der vier jungen Holländer schreien nach Wandern mit Zelt. Jeder hat eine 750 Gramm-Packung geschnittenes Brot vor sich und tunkt aus seiner eigenen Sardinendose. Die Flasche Ketchup teilen sie sich. Als die Kioskfrau anmerkt, dass an ihrem Tisch eine Verzehrpflicht herrscht, bestellen sie Bier.

Ich rolle weiter, deutlich geübter als vorgestern und freue mich an meinem Fortschritt. Das wird ein wenig getrübt, als ein Tannenzapfen es schafft, genau zwischen Umwerfer und Pedale zu fallen. Der Umwerfer verliert. Er ist jetzt verbogen, es schleift fürchterlich. Feiertag, im Nirgendwo – hilft nichts, ich muss so weiterfahren.

Als Umkehrpunkt habe ich den Nonsense-Kopf (meine Eselsbrücke für den Nonselkopf) mit immerhin 1257 Metern bestimmt. 650 Höhenmeter am Stück trennen mich noch davon. Das hatte ich, glaube ich, seit meinem Alpencross nicht mehr. Es ist traumhaft. Der Weg ist gut, die Steigung angenehm. Nur die letzten Meter muss ich schieben und werde bei meiner Ankunft am „Gipfel“ von einer französischen Fast-Rentner-Gruppe enthusiastisch beklatscht. Danke, danke!

Hier verlasse ich die Traversée-Route und fahre auf direktem Gravel-Wege zum Kletterbase-Campingplatz. Direkt zeigt sich, wie sorgfältig die TMV-Strecke gewählt ist. Meine wahllose Route ist richtig steil und der Weg schlecht, ich bin froh, dass ich hier nicht hoch musste…

Dann bin ich zurück auf Asphalt, aka in der Zivilisation, und erfreue mich in Munster an einer lokalen Käseplatte. Herrlich. Danach geht noch Nachtisch.

Fazit

Das (angeblich) gute Essen und den leckeren Wein habe ich vergeblich gesucht, aber dafür ausschließlich nette Franzosen getroffen. Und richtig viel französisch gesprochen (meine Theorie: durch mein schlechter werdendes Spanisch rücken die französischen Vokabeln auf einen besseren Speicherplatz vor).

Es kommt einem Wunder gleich, dass ich keinen Platten hatte…

Die Tage waren anstrengend und ich manchmal etwas überfordert. Die Route mit einem gefederten Rad zu fahren, macht bestimmt mehr Spaß, aber: ich würde es wieder tun, denn es war toll. Freu mich über meine Lernkurve und ich muss es nochmal sagen: Es ist halt wirklich schön da.

Schokokuchen zum Abschluss

Tipps:


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

Kommentar verfassen