Ich hänge mit dem Erzählen ganz schön hinterher – das muss das Klima sein… Bin gefühlt super busy, gleichzeitig werden meine Unternehmungen immer kürzer und weniger. Das erinnert mich an meinen Kulturwissenschaftsdozenten im Auslandssemester in Venezuela. Seinen Namen weiß ich nicht mehr, aber er hatte einen ergrauten Pferdeschwanz und eine Brille. Und erklärte, dass es kein Wunder ist, dass quasi alle tropischen Staaten Entwicklungsländer sind: Wenn es warm ist und Essbares gleichzeitig ganzjährig ohne menschliches Zutun verfügbar ist: Wozu arbeiten?! Wozu vorsorgen?! Wozu sich anstrengen?! Da ist was dran, finde ich – ich lebe auch nach „aaaach, später…“, erstmal liegen bleiben und noch ein Kapitel lesen. 

AUF DEM WEG NACH PARAGUAY (Grenzübertritt in Puerto Elsa)

Ich habe das Gefühl, dass mein Hirn wieder angesprungen ist. Erst am Vortag hatte ich einer Freundin erzählt, dass ich mich reisegesättigt fühle – mich zwar auf die letztenten Stationen freue, aber die Motivation doch ein bisschen raus ist. Und während nun im Bus diese endlose, palmenbestandene Weite an mir vorbei zieht, kommen Gedanken, Ideen, Wünsche und Inspiration zu Arbeitsthemen und für mein 2023 (zurück). Freut mich, war ja auch ein Reiseziel, hatte aber bisher nicht funktioniert.  

ich nenne es „Meditation“ und stelle es euch auf Endlosschleife 😉

Zwischenstation in Clorinda, hier überquere ich dir Grenze – und habe das erste Mal auf der Reise das Gefühl richtig abgezockt zu werden. Wir sind schon nur zu zweit aus dem angenehm kühl temperierten Bus in die 35 Grad pralle Sonne ausgestiegen und schwupps, war niemand mehr da, außer der eine Remi (=Taxi)-Fahrer. Der wollte mich für 2000 Pesos in den paraguayischen Grenzort bringen – 2000 für 6km. Pff! Einen Bus gäbe es nicht, behauptet er. Wir einigen uns darauf, dass er mich für 1000 zur argentinischen Zollstation bringt, dort könnte ich das Colectivo nehmen.
Was er mir nicht sagt: er meint einen anderen Grenzübergang, mitten in Clorinda, keine 2 km entfernt. Ich habs zu spät gecheckt; zu spannend war es, das Treiben zu beobachten. Beide Seiten der Grenze bestehen aus (Groß-)Markt, die Leute schleppen Waren in großen Mengen hin- und her.  

Die Grenze sind zwei Fenster mitten im Markt, vor einer eher baufälligen Brücke über den Grenzfluss. Er hat nicht gelogen, auf der paraguayischen Seite gibt es tatsächlich ein Colectivo. Was er sicher wusste, mir aber nicht gesagt hat (und ich nicht geglaubt hätte): dafür steht man Schlange. Lang. Stundenlang. Also noch viel mehr Zeit, das Treiben zu beobachten. Um mich herum kauft jeder hier noch ein Waschmittel, da noch Haarfarbe oder einen WC-Stein. Mir ist glücklicherweise eingefallen, dass ich Zahnpasta brauche, konnte also mitmachen. Ich bin glücklich, dass die Warteschlange durch den Drogerie-Part des Marktes führt – es hätte auch die Fleischhalle sein können…
Nach der ersten Stunde denke ich: wie doof war ich, nicht erst schauen zu gehen 1) wie lang die Schlange ist, 2) wie es am Schlangenkopf aussieht, 3) ob es eine Alternative gibt (Taxi?, elegant Vordrängeln?) Wird das ein Paradebeispiel für sunk costs?). Antwort: Vordrängeln wäre hervorragend möglich gewesen, Alternative zum Colectivo gabs nicht, außer Leute anquatschen, ob ich auf einem Reissack oder neben einem Karton Milch noch ins Auto passe und sie mich mitnehmen.Und ich hatte Zeit, mich zu fragen, ob ein Direktbus bis Asuncion (mir haben die Abfahrtszeiten nicht gefallen und ich dachte, ich kann bequem vom Busterminal in Clorinda bis ins Zentrum von Asuncion fahren) die bessere Wahl gewesen wäre, oder ob es nicht doch diese Erlebnisse und das durchgeschwitzte T-Shirt sind, an die ich mich später erinnere?!  

Als wir dann – im nicht klimatisierten Bus – stundenlang vor Asuncion im Stau stehen, finde ich die Abfahrtszeit des Direktbusses (1:15 am Morgen) doch nicht mehr so doof – 7 Uhr ist wahrscheinlich die einzige Zeit ohne Stau… Etwas beruhigt hat mich, dass man den Hitzestress mittlerweile auch den Paraguayerinnen anmerkt, die bisher nicht mal zu schwitzen schienen (die Männer schon).  

ASUNCION

Vier Stunden nach meiner großzügig geplanten Ankunftszeit fällt die Tür des Hostels hinter mir ins Schloss. Eine kalte Dusche und dann in den Pool, herrlich!

Asuncion ist der Ort, an dem ich die Hitze am meisten spüre. Es kommt nur kalt duschen in Frage und schlafen ohne Klimaanlage wäre (in meinem Dachzimmer) unmöglich. Ich schwitze schon vor dem Frühstück im Schatten sitzend… 

Trotzdem streife ich durch die Stadt, auch wenn es wenig Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne gibt. Mehrfach halten Autos, um mich an Kreuzungen über die Straße zu lassen. Das nimmt mich direkt für die Leute ein. Sie sind auch sehr freundlich, sprechen allerdings ziemlich komisch. Im Bus war ich verwundert, hab nämlich nichts verstanden. Lag daran, dass sie Guaraní sprechen – das können (subjektive Einschätzung eines einzelnen Guaraní) die meisten verstehen, ungefähr die Hälfte auch ordentlich sprechen, ein weiteres Viertel eher rudimentär). Wenn sie Spanisch sprechen (beides sind Amtssprachen in Paraguay), haben sie bei manchen Lautkombinationen mit dem r Probleme – wie ich, nur anders! 🙂 

Ich fühle mich öfter an Venezuela erinnert – das Bier ist eher leicht und wird am Gefrierpunkt serviert. Die Gebäude sind bunt oder verfallen, dazwischen auch hässliche Glasarchitektur. Viele Straßen sind baumbestanden. Die Leute sitzen im tiefen Schatten zusammen und abends, wenn es (kaum) weniger als 30 Grad hat, geht das Leben auf den öffentlichen Plätzen los. Es werden Cocktailstände aufgebaut, es gab einen Nachtmarkt… Für eine Hauptstadt ist trotzdem wenig los, sollte man vielleicht dazu sagen.  

Am/im Pool unterhalte ich mich mit Mariana, die im Hostel arbeitet. Sie ist Brasilianerin, hat dort lange im Tourismus gearbeitet und vor fünf Jahren alle Zelte abgebrochen. Seitdem reist sie. Vor drei Jahren hat sie ihren Freund, ein Franzose, getroffen, der reist seitdem mit. Während Corona haben sie ein Hostel in Georgien aufgemacht und betrieben (und abgegeben, als sie wieder reisen durften). Ein sehr wichtiges Besitzstück ist ihr Schnellkochtopf. Sie hat gerade ungefähr 20 Dollar auf dem Konto und ist sehr glücklich mit ihrem Leben. Ein Freund findet, dass sie das auch ausstrahlt (tut sie) und fragte nach ihrem Glücksrezept. Ihre Antwort an ihn: „Das muss jeder für sich selber rausfinden. Ich liebe Schokolade, mein Freund mag sie nicht, ein one-size-fits-all gibt es nicht“. Wir haben noch weiter philosophiert und waren uns einig, dass Mut etwas auszuprobieren sehr hilfreich bei der Rezeptfindung ist. Man bereut die Dinge, die man nicht getan hat. Und wenn mal ein Griff ins Klo dabei war: egal, lässt sich auch wieder ändern. Jede/r hat in jeder Situation immer mindestens drei Möglichkeiten. 

CIUDAD DEL ESTE

Touristische Angebote sind in Paraguay (mindestens in der Nebensaison und wenn man nicht im eigenen Auto unterwegs ist) ziemlich rar. Mangels Alternativen habe ich mich entschlossen, Itaipú anzuschauen. Dort hat man vor 35 Jahren den Rio Paraná aufgestaut und gewinnt 90% des paraguayischen und 17% des brasilianischen Strombedarfs (Ergebnis von halbe-halbe!). So wie sie das (er)zählen, ist es mit riesigem Abstand das größte Wasserkraftwerk der Welt. Es ist tatsächlich beeindruckend, sowohl die Ingenieursleistung, als auch die Propagandashow. Sehr ärgerlich, dass ich nicht von Anfang an mitgezählt habe, wie oft „sauber und erneuerbar“ im Text vorkam. Unbestritten wird hier massiv viel Elektrizität erzeugt, die Auswirkungen auf die Natur und Umwelt sind/waren aber ebenfalls massiv. Die wurden nicht erwähnt, sondern nur, dass die Itaipú Foundation sechs Natural Reserves gegründet hat und betreibt. Ob das ein relevanter Ausgleich ist kann ich nicht einschätzen. Mal davon abgesehen, dass jahrhundertealte Ökosysteme natürlich nicht in Jahrzehnten ersetzt werden können.
Ich fand es direkt hinter der 200 Meter hohen Staumauer schon recht gruselig und habe meinen Kopf gern damit abgelenkt, dass sie die Flächen sehr hübsch begrünt haben. Und an jedem Baum ist eine Namensplakette von einem Miterbauer. Das finde ich schön!  

Für diese Staudammtour muss man sich vorab per E-Mail anmelden. Das habe ich gegen 22 Uhr gemacht und hatte am nächsten Morgen direkt eine Email, die mir den Termin bestätigte. Ich war ganz baff – bis ich dort gesehen habe, dass im Visitor Center mehr Mitarbeiter als Touristen anwesend waren, Zeit haben sie…

Hinfahren lassen habe ich mich von einem Motorrad-Taxi, das war schön, den Wind um die Nase zu haben und so. Sie haben sehr lustige Straßenschilder, auf einem stand Hernandarias (ohne Ampeln), ein weiteres war Bäume fällen verboten. Hernandarias ist der nächstgelegene Ort zur Staumauer.  

Ciudad del Este im Dreiländereck Argentinien – Brasilien – Paraguay hat nicht den besten Ruf. Die Stadt ist eine Freihandelszone und neben den Touris (v.a. aus den drei Ländern), die zum Shoppen herkommen, treiben sich hier auch jede Menge Schmuggler herum. Ich kann mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was alles und in welchen Mengen. Flair habe ich in der Stadt nicht gefunden, dafür zum ersten Mal auf der Reise (und gleich mehrfach) erlebt, dass sich Autofahrer anbrüllen. Sonst sind immer alle sehr geduldig und aufmerksam miteinander umgegangen. Nebenbemerkung: eine Regel wie rechts-vor-links (an die sich die Autofahrer halten) macht schon Sinn – wie oft Kreuzungen verstopft sind und keiner kommt mehr vorwärts oder rückwärts… 

Bei meiner Ausreise aus Paraguay ist der 23.12., an der Stelle ist also eine kleine „Weihnachten in Paraguay/Südamerika“-Sammlung durchaus noch angebracht:


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

1 Comment

  1. Liebe Eli, weiterhin wünsche ich Dir positive Erfahrungen und einen guten Rückflug.
    Vater

Kommentar verfassen