Das Jahr neigt sich dem Ende zu und – ich finde es war ein komisches. Hast du schon einen Jahresrückblick gemacht? Kommen dir auch direkt Höhen, Tiefen, Gesprächsfetzen und Urlaube in den Sinn? Und eine seltsame Mischung aus gesellschaftlichem Geschehen und deinen privaten Themen? Womöglich ist es so vage wie bei Kafka:
Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster.
– Franz Kafka, Ein Bericht für eine Akademie in „Kleine Philosophie für Nichtphilosophen“ von Friedhelm Moser
Puh. Vielleicht schauen wir mal genauer drauf.
In der agilen (Software-)Entwicklung ist SCRUM zur Steuerung der Mannschaft und Themen nach wie vor das Mittel der Wahl. Mal mehr, mal weniger entfernt von der reinen Lehre – aber das ist hier gar nicht Thema. Im Grundsatz bedeutet SCRUM: es gibt feste Teams, die alle 2-3 Wochen den jeweils nächsten Zeitraum planen und dazwischen die Aufgaben abarbeiten. Am Ende dieses fixen Zeitraums („Sprint“ heißt das in der Fachsprache) gibt es ein Review, da schaut man auf die Qualität und Menge der Arbeitsergebnisse. Mir gefällt sehr, dass es darüber hinaus auch noch die Retrospektive (kurz: Retro) gibt.
Was ist eine Retrospektive?
Die Retro hat das Ziel, die Arbeitsweise und die Zusammenarbeit des Teams zu verbessern. Dazu stellt sich das Team Fragen, reflektiert sich und die Teamarbeit und vereinbart, Dinge zu ändern oder im nächsten Sprint mal etwas auszuprobieren.
Diese Fragen können z.B. sein:
- Der letzte Sprint war erfolgreich/ging ziemlich schief. Woran lag das?
- Was hat uns bei unserer Arbeit gebremst?
- Was können wir verbessern?
- Was bringt Aufwand, aber keine Ergebnisse und sollte deswegen gestoppt werden?
- Wer hat mir womit in der letzten Woche sehr geholfen?
- Was hat mich so richtig angekotzt und was müssen wir ändern? (manchmal läufts ja nicht so gut – das muss dann auch besprochen werden)
Die Auswahl der für den Moment richtigen Fragen und Methode obliegt dem/der Scrum Master und die Antworten werden – natürlich, denn es ist eine agile Methode – auf bunte PostIts geschrieben und durchgesprochen.
Stellt das Team zum Beispiel fest, dass es sich für den letzten Sprint viel zu viel vorgenommen hat und es gar nicht funktionieren konnte, dann fließt diese Erkenntnis (so die Theorie) in die Planung des nächsten Sprints ein und die Teammitglieder prüfen kritischer, ob der eingeplante Umfang realistisch ist.
In vielen Teams benötigt es ein wenig Übung, bis Sinn und Zweck verinnerlicht sind, die Reflektion zielgerichtet stattfindet und der Nutzen sichtbar wird. Dann ist es ein sehr wertvolles Element.
Und das gilt nicht nur für Teams, Retros eignen sich auch für die Selbstreflexion. Das Jahresende ist in unserem Kulturkreis eine prädestinierte Zeit (nach dem Plätzchenkoma und vor dem Wieder-arbeiten-Stress 😉).
Deswegen schlüpfe ich in die Scrum Master-Rolle und lade dich zu einer Jahresrückblick Retro ein. Hast du Lust?
Du brauchst:
- Die Vorlage (ausgedruckt oder als neue Notizenseite auf dem Tablet). Oder Stift und Papier und du malst sie ab.
- Ca. 30 Minuten Zeit, als Team mehr
- Dich (als Selbstreflexion) und ggfs. dein Team: Schnapp dir deine/n Partner/in, Familie, FreundInnen, …

Ablauf als Selbstreflexion
- Such dir einen gemütlichen, störungsfreien Platz und atme 5x tief durch
- Stelle dir einen Timer auf 5 Minuten und starte mit der ersten Frage
- Nach Ablauf der Zeit nimmst du dir 5 Minuten für die zweite Frage, …
- Wenn du die vier Hauptfragen beantwortest hast: Lies deine Punkte nochmal durch. Wie fühlt es sich an? Richtig? Gut? Passt die Verteilung? Möchtest du noch etwas ergänzen?
- Dann nimm dir den (Vor-)Satz vor. Was folgerst du aus deinen bisherigen Antworten? Was soll anders werden? Oder wo möchtest du dranbleiben? Ich bin mir sicher, du findest etwas für dich wichtigeres als „weniger Schokolade essen“ oder „mehr Sport machen“. Vielleicht ist es eher ein Zitat oder Sinnspruch, der dich durch das neue Jahr begleiten will?
Ablauf im Team/Familie
- Stellt sicher, dass ihr nicht gestört werdet und alle Smartphones außer Reich- und Sichtweite sind
- Lächelt euch alle einmal zu (auch hier schadet Atmen nicht)
- Start in Stillarbeit (Timer: 10 Minuten). Jede/r beantwortet für sich die ersten vier Fragen
- Vorstellung (ca. 15 min): Frage nach Frage stellt jede/r seine (wichtigsten) Punkte vor. Verständnisfragen durch die übrigen TeilnehmerInnen sind erlaubt; (be)wertende Kommentare und Lösungsvorschläge nicht.
- Jede/r kann währenddessen noch Punkte bei sich ergänzen.
- Bei der Erfolgs-Frage ist (mindestens) darauf Anstoßen absolut angebracht. Im Zweifel auch mit der Teetasse
- Sind alle Punkte vorgestellt, ist es schön, sich noch ein paar Minuten Zeit zu nehmen und gemeinsam zu besprechen: Sind die Punkte ähnlich? Gab es sehr unterschiedliche Erlebnisse? Was hat dich ggfs. Überrascht? Gefreut?
- Nehmt euch in Stillarbeit den (Vor-)Satz vor: Was soll dich durchs Jahr tragen? Vielleicht ein paar Erste Male?
- Wenn jeder einen Satz gefunden hat, lest ihn euch vor und besprecht ihn wertschätzend
Die Vorlage mit Anleitung kannst du hier herunterladen: Jahres-Retro Vorlage
Noch ein (letztes) Plätzchen, ein Lächeln und dann kann das neue Jahr beginnen!
Happy new year!
Blut geleckt? Lust, noch tiefer ins letzte und kommende Jahr reinzugehen? Dann probiere mal den Year Compass, das ist eine kostenlose, ausführliche Vorlage, die dich sehr konkret durch die Reflexion und den Ausblick führt.
Inspirieren lassen habe ich mich bei Domenika Rinke – danke!
Spannende Themen!
Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

