Einen 33-Kilometer-und-1400-Höhenmeter Lauf über Stock und Stein „Speedrun“ zu nennen, finde ich ziemlich frech. Nichtsdestotrotz habe ich mich angemeldet. Alternativ hätte ich noch die Wahl des namensgebenden Fränkische Schweiz Ultratrails gehabt: doppelte Anzahl Kilometer, doppelte Anzahl Höhenmeter. Das muss für meinen ersten Trail-Wettkampf dann doch nicht sein.

Ab wann ist man Trailrunner:in?

Eigentlich, sobald man abseits von festen Untergründen und Asphalt läuft. Aber das fühlt sich nicht stimmig an. Meine Annäherung kam übers Wandern: Bergauf finde ich toll, runter kann es zäh werden – da macht Laufen (oft/manchmal) mehr Spaß.

Irgendwann hatte ich Schuhe, die eher fürs Laufen als fürs Wandern gemacht sind, aber es war (jep, Vorurteil bestätigt) die Laufweste, die die Transformation abgeschlossen hat. Mit ihr fühle ich mich automatisch profihaft, auch wenn ich weder waghalsig durch verblocktes Gelände laufe noch in irrem Tempo ultrasteile Abhänge runterrase.

Jeden Tritt zwischen Wurzeln und Steinen sicher zu setzen, immer die nächsten Meter im Blick zu haben und das Tempo perfekt zu kontrollieren erfordert Konzentration und Koordination. Wie beim Klettern muss man zu 100% im Jetzt sein. Deswegen ist nach einem Berglauf auch mein Kopf erledigt, nicht nur der Körper. Herrlich.

Vorbereitung auf den Wettkampf

Tja, dann kam der UTFS von zwei Seiten ins Gespräch. Und der Termin Ende April ist perfekt, er zwingt mich, über den Winter im Training zu bleiben.

Das hat fast gut geklappt. An meine Südafrika-Wandertage konnte ich leider nicht anknüpfen, denn … ich hatte mir Darmparasiten mitgebracht. Die haben sich nach meiner Rückkehr bemerkbar gemacht und eventuell habe ich sie zu lange ignoriert… Ich war zwar keinen Tag krankgeschrieben, aber über Wochen zu schlapp für Sport und Training.

Sobald es geht, nehme ich das Training wieder auf. Der Trainingsplan aus dem Internet kollidiert mit meinem Leben. Schließlich will ich auch noch Klettern. Und mein Radarbeitsweg ist auch nicht ganz unrelevant. Außerdem: Intervalltraining – muss das sein?

Immerhin achte ich darauf, auch lange Läufe zu machen. Zum Beispiel ins Büro oder Höhenmetertraining im Allgäu und auf der Alb. Den Lichtensteiner (Trail-)Halbmarathon kann ich auch als Wanderung empfehlen, meine Beine hatten wirklich gar keine Lust. Zur Ablenkung kann ich Podcasts empfehlen…

Es wird ernst: Der UTFS Speedtrail

Dann ist es so weit. Meine zwei Mit-Angemeldeten aus Stuttgart für die 66km-Variante vermelden „Vorbereitung nicht existent“. Sofort fühle ich mich absolut ausreichend fit – ganz schön bescheuert, oder?

Der Wettkampftag ist sonnig, die Trails sind trocken und das Thermometer knackt die 20 Grad-Marke. Man könnte schon über die Hitze jammern oder sich einfach freuen, dass eine kurze Hose ganz sicher die richtige Wahl ist.

Am Parkplatz treffe ich Alex. Zusammen holen wir unsere Startnummern ab und sitzen im Sonnenschein auf dem Marktplatz in Ebermannstadt. Der Livestream berichtet, was bei den 66km-Läufern passiert und wir jubeln fleißig mit, als der Kidsrun startet und endet.

Dann sind wir dran! Die Menschenmischung im Startblock ist bunt. Zumindest was das Alter und die Klamotten angeht. Es gibt von sehnig-durchtrainiert-Braungebrannt bis ich-mach-das-fürs-Zielbier ungefähr alles. Aber natürlich ungleich verteilt. Frauen z.B., sind stark unterrepräsentiert (~28%). Und hui, das ist schon aufregend! Habe ich alles dabei, wie wird es laufen, kann ich mithalten?  

Punkt 12 Uhr geht es los. Wir traben kurz die Hauptstraße entlang, biegen in einen Park ab und über die Wiesent verlassen wir den Ort und biegen auf den ersten Trail und in den ersten Aufstieg ab. Diese Kombination bedeutet gemütliches Wandern im Entenmarsch, denn zum Überholen ist kein Platz. Es ist erstaunlich ruhig, kaum jemand spricht. Nur ein Nervtyp brüllt Kommentare wie „das ist ja wie am Everest hier“ und „voll gut, so ne stabile Pace von 10:38“ in die Menge. Niemand reagiert. Ich hoffe, dass er möglichst schnell seine Pace aufnimmt und nie wieder gesehen wird.

Hatte Sorge, dass ich zu schnell loslaufen würde und dann am Ende möglicherweise Probleme hätte. Die war unbegründet, denn es dauert, bis sich das Feld auseinanderzieht. Tendenziell ist das Tempo gemächlich. Ich atme durch die Nase und schaue mir die Leute an.

Genauer gesagt: die Socken. Denn es empfiehlt sich, die Augen in Bodennähe zu halten. Es sind erstaunlich wenig Kompressionskniestrümpfe zu sehen. Macht man das nur bei Straßenläufen? Meine Wertung gewinnt das „Party Pace“ Paar. Party steht hochkant auf der linken Socke, Pace auf der rechten und vor allem schön bunt.

So vergehen die ersten 10, 12 Kilometer. Dann wird es doch ein bisschen langweilig und ich warte auf die Verpflegungsstation bei km 14. Cola, Butterbrot mit Gurke und Schokolade, Salzbrezeln, Melone, … Ich habe Lust auf alles und freue mich über das Buffet. Noch schnell Wasser auffüllen und weiter geht’s.

Jetzt kann ich mein Tempo laufen. Meist lässt es sich gut überholen, (noch) sind alle aufmerksam. Gleichzeitig sind genügend Leute da, so dass ich nicht auf die Markierungen achte, sondern einfach hinterherlaufen kann.

Dass wir doch noch so „dicht“ unterwegs sind, ist für die uns entgegenkommenden Wandergruppen schlecht. Auf einem einspurigen Pfad kommt man nicht von der Stelle, wenn man jedes Mal nett Platz macht.

Ich habe Spaß. Alles passt – Beine, Kreislauf, Kopf (siehe Über die Philosophie und Psychologie des Laufens) sind bei der Sache. Genial.   

Wir sind ja einige Stunden unterwegs und ich dachte, dass ein paar Pläuschchen stattfinden – sofern die Luft dazu vorhanden ist. Fehlanzeige. Niemand redet. Und es ergibt sich auch nicht, dass ich längere Zeit mit einer Person laufe, ich quatsche also auch nicht.

Bevor mein Kopf anfangen kann Kilometer zu zählen oder zu überlegen, wo es vielleicht doch im Körper zwickt, starte ich einen Podcast. Habe mir die neue Folge Servus, Gruezi, Hallo extra für den Anlass aufgehoben.

Während die drei über den Buckelwal Timmy philosophieren und sich über das Wortspiel der Wa(h)lfreiheit freuen, laufe ich durch sonnendurchflutete Wälder und leere Dörfer, an Bergwachtlern vorbei, die nichts zu tun haben und auf der Picknickdecke chillen können und freue mich über jede und jeden am Wegesrand, der oder die uns anfeuert. Das macht doch einen Unterschied. Zwischendrin gibt es immer mal wieder kurz Aussicht auf die prachtvoll frühlingshafte fränkische Landschaft. Zugegebenermaßen nehme ich wenig davon wahr.

In der Beschreibung ist von einem „laufbaren Anstieg“ zur zweiten Verpflegungsstation die Rede. Ja, es ist ein angenehmer Forstweg und nicht steil, aber … niemand läuft mehr. Einige sind im Spaziermodus, andere schaffen noch einen strammen Schritt. Auch wenn die Aufstiegsabschnitte nicht lang sind, bin ich doch froh um die Unterstützung durch meine Stöcke.

Die Verpflegungsstation liegt im Dorf, es ist es viel Gewusel. Nochmal zwei Becher Cola, wieder Wasser in die Flasks und einmal den Mund und die Hände ordentlich beladen. Die Salzkartoffeln mit Schokolade esse ich im Weitergehen.

Die verbleibenden Kilometer teilen wir uns mit den Ultraläufern. Einige von ihnen sehen schon mitgenommen aus. Kann ich verstehen.

Ich bin in Hochstimmung: Mein Körper ist weit von der Reservemarke entfernt, ich werde es lockerleicht schaffen. Gleichzeitig ist es auch ein bisschen langweilig… Mein Mantra „wer schneller läuft, ist früher da“ kommt wieder hoch. Und, ehrlich gesagt macht mir auch sehr große Freude die vielen Männer zu überholen, die nicht mehr besonders rund laufen… Unter anderem sammle ich auch den 10:38-Pacler wieder ein (hihi) und sehe zu, dass ich Abstand zwischen uns gewinne.

Der letzte Abschnitt besteht aus 3 flachen Kilometern zurück nach Ebermannstadt. Für den spürbaren und kühlenden Wind bin ich auf der offenen Fläche ja dankbar, aber: muss es Gegenwind sein? Egal, jetzt hält mich nichts mehr auf.

Beschwingt und nur wenig eckig laufe ich vor mich hin. Am Ortseingang überhole ich nochmals zwei Männer und habe den Zieleinlauf für mich. „Da fliegt sie ins Ziel“, sagt der Moderator. 

Anstelle einer Medaille gibt es einen Stein. Einen schweren Stein. Ich höre, dass die Herstellung der Trophäen ein Azubi-Projekt eines örtlichen Unternehmens ist – toll. Er kommt erstmal in den Rucksack, ich brauche beide Hände für Kuchen, Cola und alkoholfreies Hefeweizen. Die eine ist fünf Minuten vor mir, die andere fünf Minuten nach mir ins Ziel gekommen. Beide haben sich etwas mehr gequält als ich, aber wir sind hochzufrieden mit uns.

Und ich freue mich über den Besuch meiner Familie. Anfeuern hat nicht geklappt, dafür war ich zu schnell (schneller als ich es selbst erwartet hatte), aber das gemeinsame Eis schmeckt hervorragend und ich lasse mich auch gern nach Hause fahren.

Und jetzt…?!

Danke, lieber Körper, es ist toll, was du mitmachst und kannst!

So sehr es mich freut, dass er das (ohne Muskelkater) wegsteckt… steht jetzt die Frage im Raum, wieviel da noch gegangen wäre… Auf längere Rennen habe ich wenig Lust, die viele Vorbereitungszeit möchte ich nicht aufbringen. Was als nächstes kommt weiß ich nicht, aber das Gefühl sagt: das war nicht der letzte Streich!


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

Wird verarbeitet …
Danke! Wir lesen uns dann bald…

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