1000 Kilometer möchte ich durch Norwegen graveln, bikepacken oder einfach: radeln und das Zelt da aufstellen, wo es schön ist. Vorbereitet bin ich – zumindest körperlich – darauf nicht. Schöne Wochenenden habe ich lieber für Ausflüge in die Berge genutzt, als für Radtouren (vielleicht habe ich es mir mit/in den Vogesen verdorben?).

Mental sieht es besser aus: ich freue mich unglaublich auf zwei Wochen Urlaub auf dem Rad. Der Start ist in Oslo, das Ende in Bergen. Das macht ein Minimum von knapp 600 Kilometern. Wenig für die 11-12 Tage, die ich Zeit habe, da lassen sich also noch Schlenker einbauen. Einen genauen Plan muss es aber ja noch nicht geben.

Für euch blende ich aber schon mal ein, was die Karte am Ende sagt:

1000 Kilometer durch Norwegen auf dem Rad (und ab und zu zu Fuß)

Die Beine und der Hintern werden das schon mitmachen, wenn die Augen und der Kopf sich an wunderschönen, einsamen Landschaften mit Bergen, Schnee und Seen, die in der Sonne glitzern, erfreuen. In meiner Vorstellung rolle ich ganz entspannt dahin. Regen, Wind, kalte Zeltnächte, Autos? Existieren nicht. (Soviel zur mental guten Vorbereitung…).

Tag 0: Anreise via Hamburg

Was man nicht machen sollte: 10 Minuten vor der Abfahrt zum ersten Mal die geliehenen Taschen am Rad befestigen. Die Flasche passt nicht unter die Mittelrohrtasche, die ich wiederum zu breit gepackt habe. Und wie funktioniert das Verschlusssystem? Nichts passt so richtig, aber ich komme pünktlich an den Bahnhof.

Das Radabteil ist im hintersten von 14 Wagen, mein erste Klasse Sitzplatz (jaja…) 11 Wagen weiter vorne. Und ich komme nicht durch. Weil ein vorheriger Zug ausgefallen ist, ist es so voll, dass ich das Durchlaufen aufgebe und den nächsten Stopp nutze, um außen am Zug entlangzulaufen.

In Hamburg erwartet mich Dominik, der Einzige, der verrückt genug war, sich auf meine Radpläne einzulassen (und im August Urlaub zu machen…). Wir haben drei Stunden Umsteigezeit: perfekt, dann radeln wir doch zwei davon an der Außenalster entlang! Hübsch, als wir endlich aus der Rush Hour in der Stadt raus sind. Auf dem Rückweg fängt meine Schaltung an wieder Probleme zu machen. Das kann ja wohl nicht sein! Es hat vier (!) Werkstattbesuche und drei Wochen gedauert, bis das Rad (wieder) weitstreckentauglich war. Und jetzt das.  

Der Flixbus-Fahrer ist nicht von der freundlichsten Sorte, aber es läuft wie am Schnürchen. Die Räder werden hinten an den Bus geschraubt und während der 15 Stunden (Nacht-)Fahrt habe ich nur für zwei eine Nebensitzerin. Sehr angenehm! Der Schnarcher hinter mir nervt, auf der Rückfahrt werde ich die Ohrstöpsel nicht in der Radtasche vergessen… 

Auf jeden Fall Zeit genug, nochmal die Wettervorhersagen zu checken. Das sieht (für Norwegen) doch ziemlich gut aus. Gefällt mir!

🚴‍♂️Tag 1: Ankunft in Oslo – Eikern | 76km ↗️810 ↘️820

Als ich so richtig wach werde, sind wir in Schweden. Die Sonne scheint. Sehr gut. Aber: die sehr doll flatternden Fahnen beunruhigen mich ziemlich.

Bei einem Kaffee und dem ersten Zimtbolle satteln wir die Räder: Team Rot und Blau ist müde, aber startklar!

Es gibt zwar immer abgetrennte Radwege, der Lärm der Autobahnen und Schnellstraßen neben uns ist trotzdem da. Warum laufen und radeln hier so viele NorwegerInnen? Es gibt doch sicher schnell erreichbar schönere Orte? Und die Besiedelung ist so dicht, dass ein Pipispot schwer zu finden ist.

Dramme und Hokksund lassen nette Ortskerne vermuten und wir sind begeistert, dass Autos proaktiv an den Zebrastreifen halten und/oder geduldig hinter uns fahren.  

Mangels schöner Pausenplätze sitzen wir mit unseren Riegeln an einem Mini-Busbahnhof auf dem Bordstein. Da tut es einen ordentlichen Schlag. Ein älterer Mann kam auf seinem motorisierten Trike vorbei, hat sich (von uns?) ablenken lassen, ist gegen die hohe Böschung gefahren und mitsamt Gefährt umgekippt. Oh je! Mit uns ist noch einer da, der den Notarzt ruft und der dritte kennt den kognitiv eingeschränkten Mann, das macht die Kommunikation einfacher. Vermutlich waren es nur Schürfwunden. Das Trike, das hauptsächlich mit Panzertape zusammengehalten wird, benötigt Reparatur (also eine neue Schicht Panzertape), ist aber noch fahrtauglich. Was wir an Tag 1 schon alles erleben…

Der Wind wird stärker. Bei Gegenwind bergauf ist schon doof. Wenn man bergab treten muss, um überhaupt vorwärtszukommen ist das mehr als doof. Hoffentlich wird das kein Dauerzustand!

„Camping verboten“ steht (natürlich auch auf Deutsch!) an der Badestelleninsel. Schade! Hätte man sich vielleicht denken können, bisher kennen wir die Gepflogenheiten hier (noch) nicht. Also radeln wir doch 15 Minuten weg vom Weg, um eine ausgewiesene Campingstelle zu nehmen und akzeptieren die 20 Euro/Nacht für immerhin ein Plumpsklo und duschen im See.

Schön, on the road zu sein, aber die Etappe würde ich nicht nochmal so planen/fahren.    

🚴‍♂️Tag 2: Eikern – Kongsberg – irgendwo am Smådølvegen | 126km ↗️1700 ↘️1070

Habe fast 9 Stunden geschlafen, ein Traum!

Es ist bewölkt, aber warm genug, um beim Kaffee trinken, frühstücken und Zelt abbauen nicht zu frieren. Sehr angenehm. Ob es an der angenehmen Temperatur, der Restmüdigkeit oder den noch nicht eingespielten Abläufen liegt weiß man nicht, aber es dauert lange, bis wir auf dem Rad sitzen. Hoffentlich kommt der fiese Wind am Spätnachmittag nicht zurück…

In Kongsberg lassen wir uns von einem kompetenten Radmechaniker bestätigen, dass Dominiks Schräubchendreherei an der Gangschaltung meines Rads die ganze Magie war, die es brauchte: ich kann weiter radeln. Juhu! Die Bäckerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite war geschmacklich kein Erfolg, aber gestärkt geht es weiter auf die Radroute 5.

Und ab jetzt ist es wirklich sehr, sehr schön. Die Straße führt zunächst viel durch Wald und ich suche Bullerbü. Bald taucht das erste Radroutenschild auf: „Geilo, 186 km“. Ernsthaft, das schreibt ihr jetzt schon drauf?  

Der Einfachheit halber folgen wir den Radroute-5-Schildern. Oft verlaufen zwei Straßen parallel auf den unterschiedlichen Seiten des Flusses/Sees. Wir verstehen bald, dass die Sykkelrute (norwegisch für Fahrradroute) die alten Landstraßen nimmt – oft einspurig, mit mehr Höhenmetern, aber kaum Verkehr.

Es ist sehr angenehmes Fahren und ich weiß wieder, warum ich solche Sachen mache. Beim Berge hochtreten ist viel Zeit die (meist mehr, aber einige Male auch weniger) schönen Häuschen anzuschauen. Ich frage mich: Sind „Schwedenhäuser“ wirklich schwedisch? Oder tun wir womöglich den Norwegern Unrecht?

Bergab ist es herrlich, einfach laufen zu lassen, den Gegen- ääähh, Fahrtwind zu spüren und sich schon auf die Szenerie hinter der nächsten Kurve zu freuen. Idyllische Seen, wilde Flüsse, kleine Schluchten… Wirklich: sehr hübsch. Mein Herz tanzt.

Zum Spätmittagessen halten wir am Supermarkt und vespern Blauschimmelkäse, Knäckebrot und Gurke. Hmmm, wie das schmeckt!

Anschließend geht es auf kleinen traumhaften Landsträßchen weiter. Das ist gut, die lenken davon ab, dass mein Hintern keine Lust mehr auf den Sattel hat. Es nieselt kurz, links und rechts ist der Himmel aber blau, kann nicht so schlimm werden.

Ein kurzes Stück müssen wir auf der neuen Straße (Merke: Ein „E“ vor der Straßenzahl ist ein schlechtes Zeichen) mit vielen Autos fahren und sind froh, als wir wieder abbiegen können. Wir haben uns für die kürzere und steilere Variante auf die Hochebene entschieden. Die Beine jubeln nicht unbedingt, die haben heute schon gut was geleistet. Plötzlich taucht ein Jogger von hinten auf und schließt immer weiter auf. In letzter Sekunde wird die Straße ebener und wir rollen davon. Fast schade, ich hätte ihm das Überholmanöver gegönnt!

Ruckzuck sind wir auf 600 Metern Höhe und haben die Zivilisation weitgehend hinter uns gelassen. Der Feldweg ist super, die Autos sind weg und es gibt viel Natur fürs Auge. Einen Elch kann ich mir hier sehr gut vorstellen. Den gabs leider nicht, genauso wenig wie gute Campingspots. Wir hatten uns schon fast auf einen unebenen Platz direkt am Weg verständigt, da hat Dominik doch beschlossen, die 150 Meter zur nächsten Kreuzung mit Schild zu fahren. Und tadaaaa, da ist er, unser perfekter Campingplatz. Direkt am Fluss, sonnenbeschienen, eben, grasig.

Nach der Flussdusche ziehen wir zum Abendessen die Regenhosen an, damit die (vereinzelten) Moskitos keine Chance haben. Obwohl es damit in der Sonne tatsächlich zu warm ist. Herrlich, was für ein Tagesabschluss! 

🚴‍♂️Tag 3: irgendwo am Smådølvegen – Haugastøl | 79km ↗️1400 ↘️1050

Das war eine blöde Nacht. Hatte gestern richtig schön gespürt, wie Kopf und Körper immer müder und schwerer wurden. Über die Tiefschlafschwelle habe ich es aber einfach nicht geschafft.

Darüber hinaus war es eine doofe Idee von mir, das Zeltdach halb offen zu lassen. Dominik hatte mir schon via App unter die Nase gehalten, dass wir für Sterneschau-Dunkel zu weit nördlich sind. Und dann wurde es nass und kalt. Jetzt… habe ich Halsschmerzen, bin erkältet und hab natürlich keine Sterne gesehen.

Auch am Morgen ist der Platz idyllisch und wir freuen uns über die einzelnen Sonnenstrahlen, die das Zelt (ein bisschen) trocknen und unser Frühstück begleiten.

Richtig warm (7 Grad) ist und wird es uns erstmal nicht. In langen Klamotten und mit allen Schichten drunter die wir haben radeln wir das Gravelstück und es gefällt uns ausgesprochen gut. Keine Autos, immer wieder Ferienholzhäuschen (wir fragen uns, ob die für den Sommer oder Winter sind und ob sie Strom und Wasser haben) und wunderschöne Natur. Zum Pipi machen laufe ich ein Stück in die Heide und fühle mich wie auf dem Trampolin, so weich und federnd ist das Moos unter meinen Füßen.

Wir kommen wieder auf eine Landstraße, der Verkehr ist okay. Es sind hauptsächlich Camper (Busse, Vans, Wohnmobile – alle Größen und Formen sind vertreten) unterwegs und wir verstehen langsam, warum die „No Camping“-Schilder so zahlreich sind.

Mittlerweile brezelt die Sonne. Aufs Eincremen verzichten wir, denn die Erfahrung der letzten Tage sagt, dass die Sonne verschwindet, sobald wir klebrig geschützt sind.
Für die Abfahrten auf unserer hoch-runter-hoch-runter-hoch-Etappe brauchen wir außerdem die Daunenjacke, in voller Fahrt ist es frisch. Mehrfach sind wir auf 1100 / 1200 Meter über dem Meeresspiegel.

Das Etappenzwischenziel ist Geilo (top Name, oder?). In meiner Vorstellung war das ein hübscher Bergort, von dem aus man nett wandern gehen kann. Tja, de facto ist es ein Skiort, mit den entsprechenden Auswüchsen. Gleichzeitig auch praktisch, denn die benötigte Infrastruktur (Burgerladen, Apotheke, Supermarkt) ist im gleichen Shoppingcenter zu finden.

Wandern fällt ins Wasser. Als wir vor die Tür gehen, schüttet es. Was soll denn das? Warum hält sich das Wetter nicht an die Vorhersage?

Die nächsten 20 Kilometer bzw. 1,5 Stunden sind das absolute Lowlight. Am Spätnachmittag bei kräftigem Dauernieselregen auf einer Hauptautostraße Rad zu fahren ist einfach scheiße. Links liegt ein See mit Inselchen, dahinter Berge. Könnte von einem Radweg aus bei Sonne echt schön sein…

Eigentlich wollten wir noch auf den „schönsten Radweg Norwegens“ (mehrfach gewählt!) abbiegen und uns nach circa 30 Kilometern einen Platz fürs Zelt suchen. Jetzt haben wir keine Lust mehr und meine Erkältung meldet sich mehr als zuvor. Noch bevor die heiße Schokolade in Haugastøl ausgetrunken ist, haben wir das letzte verfügbare Zimmer im Haus gebucht.

Zimmer ist allerdings untertrieben: Es ist ein Apartment mit zwei Schlafzimmern und Küche. Die heiße Dusche ist göttlicher Luxus und der Tee durchaus das, was mein Körper braucht. Auf dem Sofa sitzen, in den Regen/Nebel zu schauen und die Tage Revue passieren zu lassen ist sicher nicht verkehrt. Wir beglückwünschen uns sehr zu dieser Entscheidung.  

🚴‍♂️Tag 4: Haugastøl – Finse (🥾10km ↗️↘️320) – Aurlandsvangen | 90km ↗️720 ↘️1670

Ich bin so erkältet, dass ich heute nicht ins Büro gehen würde und eine Sportpause sinnvoll finde. Und was mache ich? 100 Kilometer Radeln… Immerhin ist der Hintern wieder einverstanden und hat sich seinem Schicksal gebeugt.

Das Panoramafenster, aus dem wir schauen, während wir aus Porzellanschüsseln frühstücken, sagt: heute ist ein schöner Tag. Und ein guter, denn ALLES ist getrocknet.

Als wir aus der anderen Hausseite aus der Tür treten, sieht die Welt leider anders aus: Wir radeln in dunkelgraue Wolken. Erst ist es zu warm für die Regenjacke, als dann Nieselregen und Wind zusammenkommen ziehe ich sie doch wieder an.

Die Masse an Leihrädern vor der Unterkunft hatte uns zu einem frühen Aufbruch bewogen. Wir müssen – wie immer – nicht extra versuchen, ohne Leute zu fotografieren: es ist einfach niemand da. Uns begegnen zwei Autos und ein Zug, ansonsten haben wir die schöne Landschaft ganz für uns.

Uns fällt auf, dass es ein Urlaub ohne Sonnenauf- und -untergänge wird. Die sind respektive gegen 5:30 und 21:20 Uhr. Wir stehen um 6 Uhr auf und gehen um 21 Uhr schlafen…

In Finse gibt’s einen schnellen Kaffee in der Hytta, dann wandern wir als Ausgleichssport zum Gletscher (und zurück). Schön, zwischendurch das Tempo zu wechseln und auf Steinen über Tümpel zu springen und die Wegmarkierungen zu suchen. Außerdem sind wir dabei ausnahmsweise auf der Sonnenseite – über uns sind die Wolken weiß und heller, über Finse hängt es dunkel und grau…

Oft sind die Wetterbereiche sehr kleinräumig. Und seit Tag 2 glauben wir, dass es in Norwegen als Sonnenstunde gezählt wird, sobald man irgendwo am Himmel einen blauen Streifen sieht. Dann passt es zur Vorhersage.

Das Mittagessen aus Fischsuppe und Waffeln in der warmen Hütte macht uns träge, dabei wollten wir doch gut gestärkt fit weiterradeln.

Häufig liegen bis in den August Schneefelder auf dem Rallarvegen und das Rad muss auch mal drüber getragen/geschoben werden. Das wird uns erspart bleiben: die Hitzewelle mit >30 Grad vor drei Wochen hat dem Schnee ein promptes Ende gesetzt.

Habe ich erwähnt, dass die laufende Nase nervt?!?!

Es geht heller weiter, von richtig schönem Wetter sind wir aber weiterhin richtig weit entfernt.

Nach Finse wird die Wegqualität noch mal auffällig schlechter und jetzt begegnen wir auch Menschen. Wir fahren nicht nebeneinander, weil man zu oft Platz braucht, um Schlaglöchern auszuweichen. Trotzdem ist noch genügend Möglichkeit, die grandiose Landschaft zu bewundern.  

Wir erreichen den höchsten Punkt (1343 m). Ab jetzt geht’s 30 Kilometer bergab bis auf Meereshöhe! Die waren trotzdem anstrengend. Am Anfang war der Untergrund zu schlecht, um es wirklich laufen zu lassen. Und Kopf und Körper sind matschig, ich kann nicht mehr.

Dann sind wir wieder unterhalb der Baumgrenze, die hier schon bei knapp 1000 Metern ist: Birken, See, Häuschen mit Briefkästen an der Straße – wir sind zurück im lieblichen Norwegen.

Mich beunruhigt noch das Stück Rallarvegen bei Vatnahalsen/Myrdal. Von dem heißt es, man solle es mit dem Zug umfahren, weil es so steil ist und man das Rad über groben Untergrund tragen müsse. Wir lachen, als wir von oben auf die 21 Spitzkehren schauen. Klar, es ist wirklich steil, aber es ist allerbester Feldweg. Wer Kurven fahren und bremsen kann, hat hier gar kein Problem. Die anderen müssen ihre E-Bikes halt runterschieben…

Danach kommt der richtige Spaß: Die Straße wird immer besser und wir fliegen nach Flam.

Zuallererst sehen wir das Kreuzfahrtschiff. Viel später auch den Fjord. Dazwischen Fressbuden, Restaurants, Souvenirshops, ein leergekaufter Supermarkt und sehr, sehr viele Leute. Wir essen was und radeln dann schnell zu einem Campingplatz. Ich will ankommen. Nach der Dusche geht es mir besser.

Tag 5: Aurlandsvangen (🥾18km ↗️1150↘️410 | 🚴‍♂️18km ↗️↘️200)

 Wem es jetzt allerdings schlecht geht, ist Dominik. Ich hatte Isomatte und Schlafsack schon zusammengerollt, bis herauskommt, WIE schlecht seine Nacht war (der Burger in Flam?!). Er will schlafen, Radfahren kommt nicht in Frage. 

Sehr gutes Timing, dass wir gerade nicht in der Wildnis, sondern auf einem Campingplatz sind. Bei so akuten Fällen ist es schön, eine richtige Toilette in der Nähe zu wissen…

Mit meiner Erkältung (immerhin keine Halsschmerzen mehr) wäre Ausruhen auch für mich das Klügste. Dafür geht es mir (leider?) doch zu gut. Wir beschließen, eine weitere Nacht zu bleiben und ich breche zur mit TOP ausgezeichneten Rother-Wanderung von Vassbygdi nach Østerbø auf.

Die 9km-Anreise erledige ich natürlich mit dem Rad. Dass der Weg einen Tunnel beinhaltet, war mir nicht bewusst. Tunnel sind für Radfahrende generell gesperrt – eigentlich. Der ist nur 1 km lang, es gibt kein explizites Verbot, es ist noch früh und dementsprechend kein Verkehr und ich will wandern – radle also trotzdem durch.

Zwischen den Bergen und über dem Wasser hängt noch der Nebel. Wo er mal dünner ist, scheint blauer Himmel durch. Das könnte der erste richtig schöne Tag werden!

Tatsächlich bin ich auf meiner 1000HM/18km-Wanderung entlang eines Flusses nach oben froh, dass ich auf der Schattenseite laufe. Schon so ist es feucht-warm-schwitzig. Alles riecht. Stimmt, hatte ich vergessen, dass das „normalerweise“ auf Mehrtagessporttrips so ist. Bisher war das Wetter einfach zu schlecht.  

Die ersten Kilometer sind sehr schön, ich erfreue mich am Tal, den Wasserfällen und dem blauen Himmel. Dann wird’s doch ein bisschen langweilig und ich werde müde. Der endlose Matsch macht es auch nicht besser. Später ändert sich die Landschaft nochmal, es sieht (wieder) nach Auenland aus. Das hebt meine Stimmung, bis der Nerv-Matsch wieder Überhand gewinnt, mir zu viele Leute entgegenkommen (klassischerweise wandert man das bergab) und sich außerdem der linke Knöchel meldet, der seit Finse ziemlich weh tut. Bin also froh, als ich in Østerbø ankomme. Mit einem Kaffee und Oreo-Cheesecake sitze ich im Liegestuhl in der Sonne und lasse mich, vom Wind unterstützt, erstmal trocknen. Sehr, sehr schön!

Der Bus bringt mich zurück zum Fahrrad und der Rückweg geht wieder durch den Tunnel.

Hatte mir fest vorgenommen stundenlang Mittagsschlaf zu machen. Daraus wird nichts. Bin zu unruhig und es ist zu viel zu tun: Duschen, Haare und Wäsche waschen, essen, schreiben. Und immer wieder den Knöchel/die Beine im Eiswasser des angrenzenden Flusses baden.

Erst als die Sonne schon weg ist, schaffen wir es an den Fjord. Das auslaufende Kreuzfahrtschiff des Tages haben wir leider knapp verpasst, die Stimmung ist trotzdem schön.

Dominik schafft zum Abendessen etwa 10 Nudeln – es ist völlig klar, dass der 1300-Höhenmeter-Anstieg mit dieser Grundlage keine Option ist, noch dazu im vorhergesagten regnerischen Wetter. Als wir um 20 Uhr (mein guter Vorsatz!) im Zelt liegen, wissen wir immer noch nicht, wie es am nächsten Tag weitergeht. Unsere Lieblingsoption (mit dem Zug über Myrdal nach Geilo und von dort in die andere Richtung weiterradeln) lässt sich nicht buchen. Also, erstmal schlafen!

🚴‍♂️Tag 6: Aurlandsvangen – Zugfahrt Flåm -Geilo – irgendwo am Nordbygdvegen | 50km ↗️520 ↘️730

Als ich aufwache, höre ich nur Zivilisationsgeräusche. Kein Regen! Ich öffne das Zelt und sehe… blauen Himmel! Wow! Kurzes Beratschlagen mit Dominik. Sonne macht unsere ruhebedürftigen Körper nicht fitter… Wir entscheiden uns final, die Skarveheimen-Runde auf dem 4er-Fahrradweg umzudrehen und buchen den (teuren. Autsch!) Zug nach Geilo. Das verschafft uns noch zwei Tage Erholungszeit bis zum 1300-Meter-Anstieg.

Ah, wie gut die Nacht getan hat. Die Nase wird endlich besser. Ich eisbade die Füße und trinke dabei Kaffee. Wir frühstücken gemütlich.  

Naja, und dann wird das fast getrocknete Zelt wird bei unerwartetem Niesel wieder nass – so schnell kann ich es gar nicht einpacken. Pünktlich um 10 radeln wir los. Wohlweislich in Regenjacke, denn es hat noch einen Schauer gegeben und die Wolken…

Was ein nerviger Scheiß mit diesem Wetter! Ich bin schlecht gelaunt. Empfinde es als äußerst stressig, dass es SO unvorhersehbar ist. Dazu der schmerzende Fuß. Und die ständig kalten und feuchten Füße, weil die Schuhe kalt und feucht sind, weil es immer feucht (oder nass) ist. 

Der Regenbogen über dem Fjord (auf 9 Kilometer Fahrt treffen uns zwei große Sonnenstrahlen, regnet es zweimal und sonst ist es bewölkt) kann mir immerhin ein Lächeln abringen. Auch der gutgelaunte Kontrolleur am Bahnsteig, der uns darauf hinweist, dass wir die Helme im Zug ruhig absetzen dürften, es sei sicher, sorgt noch für eine Reaktion bei mir.

Hält nicht lange, die Lautstärke im vollbesetzten Touristenzug macht mich fertig. Hatte auf eine entspannte Bahnfahrt gehofft und nicht gewusst, dass wir gerade eine Norwegen Top10-Sehenswürdigkeit „abhaken“. Der fünfminütige Stopp an einer Aussichtsplattform auf einen Wasserfall sorgt für dementsprechend sarkastische Kommentare unsererseits. Natürlich ungerechtfertigterweise, wir erleben ja gerade Ingenieurskunst: „Die 20 km lange Eisenbahnstrecke ist eine der steilsten Normalspurstrecken der Welt, wobei 80% der Fahrt auf einer Steigung von 5,5% verlaufen. Es gibt nicht weniger als 20 Tunnel, von denen 18 von Hand gebaut wurden. Einer der Tunnel macht sogar eine 180-Grad-Wendung im Berginneren.“

Myrdal, unser Umsteigebahnhof, besteht nur aus einem Gebäude. Es regnet. Sitzen also zwei Stunden in der Bahnhofscafeteria und schaffen es aber, den weiteren Reiseverlauf zu planen.

Im Fernzug nach Geilo beeindrucken das Kinderabteil (zwei Ebenen mit Rutsche, allerdings nicht (ausreichend) schallisoliert) und der Platz für Fahrräder.

Sobald wir aus dem Ort raus sind, sind auch die Menschen weg. Auf den nächsten 25 Kilometern begegnen wir sechs Radfahrern (sehr hohe Quote). Wir quälen uns ein paar Kilometer durch tiefen Schotter, dann geht’s mit Rückenwind über fast-Teer nach unten und mit Rückenwind auf Teer auf und ab. Nach Osten fahren ist toll, daran kann ich mich gewöhnen!

Naja, und dann: mit Gegenwind bergauf. Wir sind nach Norden abgebogen. Ich spüre meinen Knöchel… Es wäre sinnvoll, die Etappe bald zu beenden. Aber wo soll jetzt ein schöner Zeltplatz herkommen? Links ist unebener Wald, rechts geht’s zu steil hoch, außerdem sind überall Häuser. Wasser haben wir keins mehr und der Fluss neben uns ist in einer Schlucht.

An der nächsten Brücke biegen wir einfach mal ab. Hinter Fluss und Waldstück kommt ein perfekter Zeltplatz neben einem Schuppen. Blöd nur: 200 Meter oberhalb thront das Farmhaus, das ist alles ein Grundstück. Aber es sind Leute draußen. Kurzentschlossen radeln wir hoch und fragen, ob wir campen dürfen. Ja, klar! Es ist ein Jackpot: Wir dürfen die Terrasse mit Tisch und Stühlen nutzen, es gibt ein Plumpsklo, wir bekommen frisches Wasser vorbeigebracht und die Steckdose am Schuppen hat Strom. Außerdem ist es windgeschützt und wir haben noch eine gute halbe Stunde Sonne. Also erstmal Abendessen. Wunderbar!

Hier gehts weiter mit Teil 2: Bikepacking in Norwegen (2): Sonne, Berge, Fjorde


Spannende Themen!

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1 Comment

  1. Liebe Elisabeth, danke für Deinen Bericht. Teilweise habe ich mitgelitten, aber die Fotos haben es entschädigt. Liebe Grüße Alfred

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