Gute 800 Kilometer zu Fuß längs über die Pyrenäen, klingt das nicht nach einem wunderbaren Sommervorhaben? Start und Ende sind das Meer und dazwischen warten auf der Transpirenaica / dem GR11 45.000 Höhenmeter. Ich finde es klingt fantastisch. Im September 2024 geht es los. Mein loses Ziel ist es, in 30 Superschnelli-Tagen durch zu sein. Ob das klappt?
Ich berichte in mehreren Teilen.
Tag 8 | Puigcerdà – Refugio de Malniu
15,82 k | 1.109 ⬈ | 135 ⬊ | 04:22 Dauer | 29 Grad | höchster Punkt: 2.210 m
👍es geht wieder bergauf!
👎Mit dem Fuß allerdings nicht…
Schon beim Aufwachen habe ich Schmerzen, der Fuß ist überhaupt nicht besser als gestern. Wann weiß ich, dass/ob das GR11-Ende für mich da ist?
Meli empfiehlt Wechselbäder, Fußmassage, Waden rollen, Ruhe und Fuß hochlegen. Lässt sich nur teilweise umsetzen…
Das Vall de Cerdanya (da bin ich gerade) ist das größte Tal der Pyrenäen und das sonnenreichste in Europa. Die Franzosen haben wohl jede Menge Photovoltaikanlagen, in Spanien musste man lange draufzahlen, wenn man Platten aufs Dach machen möchte. Das ist wohl vorbei, aber es gibt genaue Vorschriften und ist immer noch sehr unattraktiv, erzählt mir Carla, als sie mir ein hervorragendes Frühstück zubereitet. Sie hoffen, dass das Dach durchhält, bis es sich lohnt. Schade, so in Summe.
Wenn es in diesem sonnigen Tal heute geregnet hätte, hätte ich das womöglich als Abbruchsignal verstanden. Der strahlende Sonnenschein wiederum ist einer der Gründe, warum ich nach oben wandere. Für den Fuß wäre ein Ruhetag besser, aber ich möchte nicht in der Stadt bleiben.
Trödele herum und wandere mittags los. Nachdem ich von den Straßen weg bin ist es eine tolle Etappe. Nie/selten richtig steil, gemütliche, fußfreundliche Wege, viel offene Fläche, toller Blick… Und dann kommt der Moment: ich freue mich über schattige Waldpassagen!
Wie viele Grashüpfer ich wohl schon auf dem Gewissen habe? Es gibt immer wieder Flecken, da springen bei jedem Schritt 50 Stück in alle Richtungen davon. Der ein oder andere knallt halt zum Beispiel gegen die Stöcke. Oder springt genau dahin, wo gleich mein Fuß landet. Der Großteil lebt aber noch und ich erfreue mich am Gehopse – auch wegen der lustigen Geräusche.
Am Ende folge ich einem Fluss zum Refugio und freue mich schon aufs Füße-drin-baden.
Am Refugio ereilt mich ein kleiner Schock: da ist ein Parkplatz. Und es gibt eine große Abfalltrennstation. Das hier ist für viele Menschen ausgelegt. Ich lerne: vor allem für Camper und Tagestouristen. Das Hauptgebäude selbst ist klein, dunkel und schmucklos. Ich nehme die Zeltwiese. Die ist 200 Meter entfernt und ist – logisch – auch eine Kuhweide. Wie lustig, dass ich mich vor ein paar Tagen noch gefragt habe, ob man zwischen Kühen zelten sollte.
Ich suche also eine ausreichend große kuhfladenfreie Fläche und baue das Tarp auf.
Die Hütte ist bewirtschaftet und ich melde mich zum Abendessen an. Drei laute katalanische Motorradfahrer sind noch da und ein amerikanisches Paar. Mit letzteren unterhalte ich mich also auf englisch. Sie kommen jeden Sommer zwei Wochen nach Europa und gehen wandern. Die Mont-Blanc-Umrundung haben sie z.B. schon gemacht (den Rest habe ich wieder vergessen). Vom GR11 haben sie sich den Abschnitt von Andorra bis Puigcerdà ausgesucht – morgen ist ihr letzter Wandertag. Dann noch paar Tage Barcelona, dann der Flug zurück. Die Strecke hat ihnen gut gefallen, sie fanden den GR11 aber schwieriger als erwartet: Ständig ginge es steil hoch und runter, die Wege seien so uneben und schwer zu gehen… Ich wundere mich ein bisschen bis sie selbst sagen, dass sie nicht die talentiertesten Wanderer sind. Als ich etwas zu unbedarft erzähle (800 Kilometer allein, 9-Stundentage, große Freude auf die hohen Pässe, …) fängt der Mann fast an zu weinen. Die Frau kennt diese emotionalen Ausbrüche offensichtlich und beruhigt gekonnt: „schau sie dir an, sie sieht nicht überfordert aus, sie bekommt das hin, sie ist fitter als wir.“ Ja, das glaube ich auch.
Dann liege ich im Zelt und weiß gar nicht wie ich liegen soll. Ob auf der Seite oder auf dem Rücken, mit ausgetreckten oder angewinkelten Beinen – der Fuß tut weh. Ohne Ibu wäre Einschlafen heute nicht möglich. Wie soll das weitergehen? Noch eine Nacht hier mit den Touris und Kühen? Ich weiß nicht…
Tag 9 | FUSSSCHON-PAUSE | Refugio de Malniu
sonnig und mittelwarm
👍Zeit zum Lesen
👎eigentlich wollte ich keine Pausentage machen…
Auch wenn die drei jungen Spanier lange und laut auf der gegenüberliegenden Seite der Zeltwiese gequatscht haben, es war die bisher beste Nacht im Tarp. Ich habe die eine Seite offengelassen und konnte zwischendurch in die Sterne schauen.
Die Kuhbeine im Sichtfeld kündigen sich durch Grasrupfgeräusche an. Hab ich noch nie (von so nah) gehört.
Minikälbchen spielen vor dem Zelt. Ein paar ältere wollen mitmachen, dürfen aber nicht. Ein paar Meter mehr Abstand wären mir ganz recht, denn ich habe keine Lust, dass sie a) ans Zelt kacken oder b) beim übermütigen Spielen dagegen laufen oder c) die Mutter findet, dass der Winkel zwischen ihr, dem Kalb und mir ungünstig ist – ohne, dass ich was dafür kann.
Habe mich in der Nacht für den Pausentag entschieden. Wenn ich sogar nachts Schmerzen habe… Deswegen schäle ich mich erst aus dem Zelt als die Sonne kommt und hole mir in der Hütte einen Kaffee zu meinem Porridge. Die katalanische Flagge hing da doch gestern noch nicht?! Ah ja, der 11.9. ist Katalonientag – heute ist Feiertag. Daher auch die Pilzsammler, die seit 8 Uhr über die Kuhzeltwiese laufen.
Zudem füllt sich der Parkplatz mit Ausflüglern, die auf den Puigpedrós (2.925m), den höchsten Gipfel der katalanischen Cerdanya, steigen. Ich hätte ja auch Lust… Aber beherrsche mich. Ruhetag ist Ruhetag. Ich wandere also nur zum Mittagessen an die Hütte und mehrfach zum Füße baden an den Fluss und lese sehr viel.
Am Abend wird es sehr ruhig, auch die Wiese ist deutlich leerer als gestern (die Kühe sind noch da).
Tag 10 | Refugio de Malniu – Refugi dels Riu Orris
18,58 k | 1.491 ⬈ | 1.389 ⬊ | 06:49 Dauer | 18 Grad, morgens windig bewölkt, nachmittags windig sonnig | höchster Punkt: 2.698 m
👍 wunderschöne Landschaft, eine richtige Bergetappe
👎 schon wieder Regen?
Durchbruch beim Im-Zelt-Schlafen? Zwar mit Ohropax (wegen der Nachbarn), aber ich war nur 3x statt 30x bewusst wach!
Am frühen Morgen regnet es und das Tageslicht offenbart einen bewölkten Himmel. Hoffe einfach, dass es nicht mehr regnen wird, als ich um 7:30 Uhr das nasse Tarp abbaue.
Der Fuß ist besser, aber nicht gut.
In der Wasserblase ist ein Loch. In der Naht. Natürlich ganz unten – sie ist nicht mehr nutzbar. Tape reicht nicht zum Flicken.
Es nieselt immer wieder und es ist windig. Eiskalter-Wind-windig. Dass die Isolationsjacke was kann, weiß ich schon, jetzt teste ich die Regenhose als Windschutz für die Beine. Top. Während ich mich anziehe, lasse ich das Zelt kurz im Wind flattern. Trocken. Kann also weitergehen und ich bin für alles gerüstet.
Endlich geht es los mit den Bergseen! Nach dem ersten Pass klart es auf und es wird langsam sonnig. Der Abstieg ist wunderschön, der nächste Aufstieg ist wunderschön. Ein paar Bäumchen, Felsen, grün, jede Menge Flüsse und – natürlich – Kühe. Der Weg windet sich sehr angenehm, es ist nie steil.
Im „Tal“ kann ich wieder auf T-Shirt und kurze Hose reduzieren, auf dem Weg hoch wirds wieder frisch von vorne, ich ziehe die Jacke verkehrt herum an.
Bin jetzt in Andorra, auch wenn nichts Sichtbares darauf hinweist. Kurt Tucholsky hat 1925 in seinem Pyrenäenbuch geschrieben, dass im Land 5.200 Andorraner wohnen und lässt durchscheinen, wie rückständig es dort war (es gibt im ganzen Land keine Straße, die breit und gut genug für ein Automobil wäre…). Heute wohnen ~77.000 Personen im Land, aber nur ein Fünftel sind wahlberechtigte Andorraner, der Rest Armutsflüchtlinge oder Steuereinwanderer (stark vereinfacht).
Weitere Fun Facts, wenn wir schon dabei sind: Landessprache ist katalanisch. EU-Roaming gilt nicht, weil Andorra nicht in der EU ist. Der Euro ist aber die Währung des Landes. Es ist ein eigenständiger Staat, eine parlamentarische Monarchie und Staatsoberhäupter (Kofürsten) sind der Bischof von Urgell (Spanien) und der französische Präsident. Die Hauptstadt heißt Andorra-la-Vella.
Der Estany de Illa ist ein landschaftliches Sahneschnittchen. Gleich unterhalb liegt das Refugio de Illa, erst 2017 gebaut. Es sieht futuristisch aus und ist innen ein Traum aus Holz. Der Wind pfeift, aber die Sonne scheint warm durch die großen Fenster. Ich lasse mir Zeit mit dem Mittagessen und meinem Kaffee.
Soll ich bleiben? Der Fuß würde sich freuen. Aber es ist noch früh, und ich werde in meinem Refugio libre ja trotzdem ein Dach über dem Kopf haben.
Von Gegenrichtungsinformanten weiß ich, dass die Schutzhütte Fontverd fantastisch gelegen sein soll. 1,5 Stunden vorher kommt eine andere, die wie der Name sagt, direkt am Fluss Orris liegt (der laut rauscht). Dem Fuß zuliebe bleibe ich. Hier bin ich allein, dort wahrscheinlich nicht. Puh, im eigentlichen Hüttenraum hängt der Holzfeuergeruch von vielen Jahren. Von der Ausstattung bin ich begeistert: der erste Hilfe Schrank ist gefüllt und es gibt Notfall-Vollkornspaghetti. Neben dem Kamin liegen Zeitungen, drei Wochen alt. Das ist beim Sudoku egal. Ich weiß, was ich heute noch mache.
Die überdachte „Terrasse“ vor der Privat-Tür ist deluxe – ich entschließe mich dort zu schlafen. Sie ist windgeschützt und hat heute einige Stunden Sonne abbekommen, die Steine sind warm.
Eine Wanderin kommt noch vorbei, fragt, ob das Fontverd ist und verschwindet wieder. Glaube das ist die, die gestern begeistert einen Kameraschwenk über die Kuhweide gemacht hat und sich dann sehr gefreut hat, dass eine Kuh direkt vor ihr gekackt hat. Da ist sie mit dem Handy im Anschlag noch mal näher rangegangen. Wäre sie eine interessante Abendunterhaltung oder hatte ich Glück, dass sie weitergelaufen ist?
Tag 11 | Refugi dels Riu Orris – Ordino
27,16 k | 1.080 ⬈ | 1.858 ⬊ | 08:22 Dauer | 18 Grad, sonnig | höchster Punkt: 2.231 m
👍 die neue Jacke
👎 zwei Stunden Abstieg mit eiskalten Händen
Es ist wieder eine sternklare Nacht und dementsprechend kalt. Auf die Sonne warten würde lange dauern und so richtig kuschelig ist mir nicht. Ich stehe früh auf und hoffe, dass mir beim Laufen warm wird.
Zwar ist es hübsch, aber es geht bergab… Mir ist in Leggings, Jacke und Handschuhen kalt.
Genau wie es mir vorhergesagt wurde ist das Erste, was ich von andorrischer Zivilisation sehe: ein Baukran. Der leuchtet mehr als die Gebäude außen rum…
Die Zivilisationsnähe äußert sich auch darin, dass ich mittlerweile auf breiten Spazierwegen laufe. Ein Stück folge ich dem Brunnenweg. Die ersten zwei sind trocken, der dritte hat Wasser.
Am Naherholungssee ist kein Restaurant (offen). In Encamp nehme ich die erste Bäckerei – mit einem Schokocroissant lässt sich die Lage besser checken. To Dos: neue Trinkblase kaufen und Essenvorräte aufstocken (für den Rucksack und direkt in den Magen).
Ich starte mit dem Sportgeschäft. Es gibt Trinkblasen. Und eine sehr hübsche gelb-pinke, deutlich reduzierte und gar nicht mehr sooo teure superleichte Midlayer-Jacke. Draußen sind 8 Grad (um 11:30 Uhr), das ist zusätzliche Kaufmotivation.
Dann eine Tortilla Española und einen Kaffee in einer Bar, hab ja schon lange nichts mehr gegessen. Anschließend: der Bioladen. Ich finde ich leckere Kekse und Leinsamen. Ich wechsle ins hippe „Eat well“-Café, und esse Gemüsequiche und Couscous-Salat als Mittagsmenü. Eine willkommene Abwechslung zum allgemein gemüsearmen Menú del día.
Dort stelle ich fest, dass die Trinkblase nicht funktioniert. Es gibt keine Einfüllöffnung, egal wie viel ich an ihr herumzupfe. Trinkblasen sind ja leicht zu durchschauen – aber hier bin ich ratlos. Der Laden hat noch 2,5 Stunden Mittagspause, die überbrücke ich mit heißer Schokolade, lesen und telefonieren.
Der erste Mitarbeiter ist ebenfalls überfordert (immer lustig, wenn der Gesichtsausdruck von „komm Mädel, ich zeig dir das kurz“ zu „oh, das geht ja wirklich nicht“ wechselt). Der zweite kennt das Problem: Wenn die länger liegen entsteht Unterdruck und der schweißt sie quasi aneinander. Tadaaa, mit etwas Gewalt ist sie offen. Natürlich bekomme ich sie auch noch gefüllt.
Dann geht es wieder den Berg hoch. Oben am Coll wäre ein toller Zeltplatz, aber ich hätte es gern niedriger/wärmer. An einem Picknickplatz an der Straße verzehre ich mein mitgebrachtes Abendessen – es wird schon gleich ein biwakggeeigneter Platz kommen.
Aber nein, im steilen Wald findet sich nichts, was mir gut genug ist und ich laufe weiter, als ich eigentlich vorhatte. Auf 1.430m, mitten im Wald, ist es warm und diesmal stelle ich nur das Netzzelt auf.
Als ich mich in den Quilt kuschle, fällt mir auf, dass was fehlt. Es ist der erste Biwakplatz ohne Kühe!
Tag 12 | Ordino – Comapedrosa
21,2 k | 1.981 ⬈ | 1.187 ⬊ | 06:03 Dauer | 19 Grad, sonnig | höchster Punkt: 2.290 m
👍 der Biwakspot & wieder in den Bergen
👎 wie kalt das heute Morgen in Arans war!! Brrrr!!!
Die Kälte kommt gegen 4 Uhr. Man hört manchmal eine paar Hundert Meter entfernte Straße, aber keine Waldgeräusche. Es herrscht absolute Stille, das ist fast unheimlich. Bei mir sind nur ein einziges Käuzchen und der Sternenhimmel.
Bergauf wird mir warm, ich ziehe mich immer weiter aus. Dann komme ich ins Tal, dem ich 20 Minuten bis Arans folge. Das fühlt sich nach Tiefkühlung an. Wie froh ich bin, dass ein Restaurant offen hat! Kaffee, heiße Schokolade und ein Sonnenplatz helfen beim Auftauen.
Als ich wieder denken kann, lege ich mir nochmal die Karten. Der GR11 führt in den nächsten Tagen bergauf-bergab durch niedriges Gelände, ich wittere noch mehr Wald. Gleichzeitig liegt vor mir eine „Abzweigung“ zur Haute Route – die offenes, hohes, deutlich zivilisationsferneres Gelände verspricht. Nach 70 Kilometern kann ich wieder zurück auf den GR11 wechseln. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage ist außergewöhnlich: Stabil sonnig. Also, ist ja eigentlich gar keine Frage, oder? Ich nehme die HRP.
Ich verlasse das Restaurant in T-Shirt und kurzer Hose, es geht in der Sonne bergauf.
Seit dem Col gestern bis Arinsal war der Weg wirklich langweilig. Nur Wald, wenig Sicht.
Arinsal ist ein Ski- und Touriort, mit immerhin zwei kleinen Supermärkten und vielen Restaurants (klar, Menú del día). Und weil es hier eine hübsche Bäckerei gibt, die mich an Nepal erinnert und die nächsten Tage wenig Einkehrmöglichkeiten bieten, schiebe ich noch einen Kaffee und einen Carrot Cake nach. Ich platze fast.
Gehe sehr satt einkaufen, gut, dass ich mir ne Liste geschrieben hatte.
Hält, als ich zum Um- und Einpacken meiner Einkäufe am Straßenrand sitze, eine ältere Dame an. Ob ich in die Berge will? Dann doch bitte vorsichtig und immer was Buntes tragen. Ab morgen beginnt die jährliche Jagd auf die Pyrenäen-Gämsen (heißen hier Isards). Die vielen Helikopter heute bringen das Essen für die Jäger auf die Hütten. „Eine schlechte Woche, um in die Berge zu gehen“, schüttelt sie den Kopf, wünscht mir Glück und geht weiter. Na dann…
(Nachtrag: hab keine Jäger gesehen, die Jagd scheint nur in Andorra stattzufinden)
Wie vorhergesagt: Essen für 4-5 Tage UND meine Klamotten: enges Ding mit 32 Litern Rucksackvolumen… puh!
Vielleicht habe ich meinen Fuß gesund gelaufen? Ist zwar noch etwas dick, aber er tut heute Abend nicht weh.
Die Gegenrichtungsläufer meiner ersten Tage waren sich einig, dass die Natur in Andorra wunderschön ist, die Orte aber, vor allem aufgrund der Bauwut und des teils schamlos zur Schau gestellten Geldes, ein wenig drüber sind. Klar, die Orte sind nicht unbedingt hübsch, aber sie haben eine gute Infrastruktur. Der Wald sagt mir – auch in Andorra – nicht besonders zu, das Hochgebirge ist aber wirklich schön. Als es über Arinsal hinaus geht, geht mir wieder das Herz auf. Das Refugio de Comapedrosa liegt idyllisch am Halbrund einer Bergkette, mit Nachmittagssonne und tollem Blick.
Mich interessiert in dem Augenblick nur das W-Lan. Gibt aber keins. In Arinsal wollte ich den HRP-Track auf die Uhr spielen (dazu brauche ich Internet) – die Haute Route ist ja unmarkiert und ich will nicht ständig das Handy in der Hand halten. Musste jedoch feststellen, dass das nicht geht, wenn eine Aktivität läuft. Statt die Aufzeichnung zu beenden und später eine neue zu starten, dachte ich „dann lade ich den Track halt später“. Dumm. Denn, wann ist später? Ich bin in Andorra, habe also keine mobilen Daten, auf der spanischen Seite habe ich vermutlich keinen Empfang und es kommen nur noch zwei Hütten, die nicht mal direkt auf dem Weg liegen. Die erste hat schon mal kein W-Lan… Ich ärgere mich viel zu lange über meine Unüberlegtheit, das ärgert mich noch mehr.
Ich wandere noch eine Terrassenstufe weiter in die Hochebene und schlage mein Tarp auf. Hoffentlich windgeschützt. Der fegt hier nämlich ganz schön durch. War das mit dem Tarp und dem Quilt generell eine gute Idee? Beides schließt halt doch nicht so gut ab wie ein Zelt und ein Schlafsack.
Mein Platz mit Premium-Aussicht ist kuhfrei, dafür räume ich ein paar trocken Böppel zur Seite – von den Gämsen, die in den nächsten Tagen geschossen werden?
Was für eine schöne Abendstimmung!
Tag 13 | Comapedrosa – Pla de Boavi | HRP
25,9 k | 2.244 ⬈ | 3.041 ⬊ | 10:16 Dauer | 23 Grad, sonnig | höchster Punkt: 2.785 m
👍 der Fuß tut beim Gehen gar nicht mehr weh! / Bad im See am Refugi Baborte
👎 ich bin so müde!
Vermisse das Hubba Hubba. Bin mir sicher, dass das nicht so geklappert hätte in der Nacht. Ob man das Tarp überhaupt so straff spannen kann? Bin spät eingeschlafen und war dann ab Mitternacht – wegen des Windes – wieder wach. Leider hat der im Laufe der Nacht gedreht, damit war die Ausrichtung des Tarps nicht mehr gut und es wehte mir ins Gesicht. Ohropax helfen, zum Sonnenaufgang bin ich wieder wach.
Start im Sonnenschein. Am Pass ist wieder sehr viel (Gegen-)Wind, manchmal muss ich den Kopf zum Atmen drehen. Temperaturmäßig geht es – ich liebe diese Jacke.
Mit der Überschreitung des Passes bin ich wieder in Spanien (kein Empfang). Der Wind sorgt dafür, dass ich meine Pause lieber in der Biwakschachtel (Refugio Baiau) mache als draußen. Ausnahmsweise grabe ich sogar die Kochsachen aus dem Rucksack und mache einen Kaffee. Von Entgegenkommern hatte ich schon gehört, dass es letzte Nacht überfüllt war – zwei Leute haben auf dem Boden geschlafen, einer hat seine Hängematte quer drüber gespannt und jede*r mit Zelt wurde vor die Tür in den starken Wind geschickt. Puh… (Verständnisinfo: die freien Refugios / Schutzhütten / Biwakschachteln kann man nicht reservieren. Und an sonnigen Wochenenden sind die in guter Lage immer voll – wie voll weiß man halt vorher nicht).
Meine Trinkblase halte ich beim Füllen neben Eiszapfen, die am Moos hängen. Auch auf den Tümpeln ist eine Eisschicht (die man noch zertreten kann). Es ist frisch, hat ne Weile gedauert, bis ich die kurze Hose angezogen habe.
Die Hochgebirgslandschaft mit ihren Tümpeln, Bergen und hügeligen Hochtälern gefällt mir ausgesprochen gut, ich freue mich auf die kommenden Tage.
Quasi um schon mal zu üben habe ich den Track auf der Uhr nicht gestartet, funktioniert (trotzdem) gut.
Glückskind: im Refugio Vallferrera gibt es W-Lan (und Bocatas de queso). Satt, mit dem Track auf der Uhr und frisch geladenen Akkus geht es weiter.
Dass die wilde Haute Route (Pyrénéenne = HRP) ausgerechnet an einem Parkplatz abzweigt finde ich lustig.
Mehrfach überholen ein English-native-speaker-Paar und ich uns gegenseitig (sie mich beim Fußbaden, ich sie anschließend), zum letzten Mal als der 500 HM-Aufstieg zum Baborte-See beginnt. Der Aufstieg macht Spaß. Und der See liegt tiefblau und glitzernd in der Sonne, ich kann gar nicht anders, als Pause zu machen. Ich snacke jede Menge, bade, wasche meine Klamotten und lese, während sie in der Sonne trocknen. Gerade als ich sie wieder anziehe, kommen die beiden ins Blickfeld. Natürlich gut möglich, dass die auch irgendwo ne Stunde Pause gemacht haben, aber falls nicht: glaube, in einer gemeinsamen Wandergruppe hätte niemand von uns Spaß.
Erst spät gehe ich weiter. Es sieht schon fast nach Sonnenuntergang aus, aber sie begleitet mich doch noch lange. Will bis ins nächste Tal absteigen, für eine windfreie Nacht und damit ich morgen mit einem Aufstieg starte. Nach zahlreichen Gämsensichtungen bin ich um 19:30 an der Pla de Boavi und habe auf der großen, ebenen Wiese die Qual der Tarpaufstellwahl (möglichst weit vom laut rauschenden Fluss).
Ich bin echt erledigt, aber es gibt noch Couscous mit Datteln, Olivenöl und Röstzwiebeln. Wird Zeit, dass der Rucksack leichter wird, ich habe das Gewicht heute durchaus gemerkt.
Fast enttäuschend, dass die komplette heutige Strecke rot-weiß markiert war.
Tag 14 | Pla de Boavi – Refugi Mont-roig | HRP
21,42 k | 2.083 ⬈ | 1.249 ⬊ | 07:43 Dauer | 20 Grad, sonnig | höchster Punkt: 2.585 m
👍 der Certascan-See
👎 die Erkenntnis, dass ich kilometermäßig weit von der Halbzeit entfernt bin
Die Nacht auf 1.430m war angenehm warm – keine Socken notwendig und erst um 6 Uhr habe ich eine zweite Schicht angezogen. Glaube, es war auch zum ersten Mal richtig flach.
Schlaf war trotzdem nur mittel, schniefe etwas und habe gestern vielleicht zu viel Sonne abbekommen. Kann mich erst um 8 zum Aufstehen aufraffen. Also von wegen „zur Frühstückszeit am Refugi“. Egal.
Der Aufstieg geht gut, es wird nur immer frischer. Endlich taucht die Certascan-Hütte in Sichtweite auf. Dorthin geht es durch einen (Eis-)Windtunnel und die Hütte verschwindet wieder aus dem Blickfeld. Bis ich dann direkt davor stehe. Auf der Terrasse liegen Schnee- und Eisreste.
Drinnen sind zwei Mädels, die in der 10 qm kleinen Küche bei lautem Rock/Pop mit viel Lachen und Mitsingen für die 8 Abendgäste kochen (die Hütte hat 40 Plätze, also ein entspannter Tag für sie). Ich bestelle einen Milchkaffee (Nachfrage: Kuhmilch? – das hab ich hier nicht erwartet!) und setze mich an die warme Heizung. Über mir hängt ein Thermometer und zeigt 7 Grad. Es ist sehr gemütlich, ich bleibe viel länger als ich wollte.
In jeglicher Hinsicht aufgewärmt, geht es sonnig weiter. Ich biege um die Ecke und da liegt es vor mir, mein absolutes Highlight der Tour bisher: der Estany Certascan. Diese Farbe! Dieses Setting! Ich bin hin und weg. Das Wasser sieht auf wie vor einer griechischen Insel, der weiße Fels strahlt, der blaue Himmel ist ein wunderbarer Kontrast. Es ist viel zu schön, als dass ich keine Pause machen könnte. Ich kann mich noch selbst vom Badengehen abhalten (auch, weil ich ein wenig Herzinfarktsorgen habe), aber wenigstens die Füße!
So geht es weiter, ich komme nicht so recht vorwärts. Liegt auch daran, dass es mittlerweile über Stock und Stein geht und ich weiterhin versuche, meinen rechten Fuß bestmöglich zu schonen.
Kurz vor Noarre streift plötzlich etwas mein Bein, ich erschrecke und habe bestimmt einen lustig anzusehenden Satz gemacht. Es war meine neue Jacke, die nur noch mit dem letzten Zipfel am Rucksack hängt. Lieber der Schreck als sie unbemerkt zu verlieren!
Noarre – es ist eine Ansammlung von ca. 10 hübschen Steinhäusern, die gut in Schuss, aber bis auf eins (da blühen Geranien auf den Fensterbänken) verrammelt sind. Die „Straße“ besteht aus Gras und Trampelpfad. Ein außergewöhnliches Geisterdorf.
Es soll nachts mega windig werden, es zieht ein wenig zu und ich bin schon ziemlich erledigt, als ich um 17:30 Uhr an der Biwakschachtel auf 2.200 m vorbeikomme. Als nächstes kommt zwei Pässe (2.500 m), erst in 5 Kilometern bin ich wieder so niedrig wie jetzt und in 10 Kilometern kommt das nächste Obdach. Packe ich nicht. Dazwischen könnte ich natürlich biwakieren, aber möchte ich das bei Windstärken von 60 km/h? Nein, ich glaube nicht.
Bleiben klingt absolut logisch, oder? Auf dem Weg hoch debattiere ich aber hart mit mir. Kann ich wirklich nach 20 km und 2000 HM im Hochgebirge (!) „schon“ aufhören? Das ist nicht so Superschnelli… Aus irgendeinem Grund (Wetter und Ehrgeiz) hatte ich mir gedacht, dass ich die 70 Kilometer meiner HRP-Schleife locker in 2,5 Tagen schaffe (und dabei ausgeblendet, dass ich am ersten Tag schon 13 Kilometer gelaufen war, bis ich auf die HRP gewechselt bin). Ich hadere also mit meinen eigenen hoch gesteckten Erwartungen, von denen ich aber finde, dass ich sie locker erfüllen sollte. Äußere Einflüsse? Quatsch!
Als ich vor der Refugio-Tür stehe, verlässt mich beim Anblick des vor mir liegenden die letzte Kraft. Natürlich bleibe ich. Ob sich die Tour dadurch verlängert, oder ob ich die Kilometer später wieder aufhole ist egal (sagt mein Verstand, es fühlt sich anders an).
In der Biwakschachtel sind zwei Franzosen mit Hund, ein (französischsprachiger) Belgier und eine Französin. Um halb 8 stolpern zwei weitere Franzosen zur Tür herein (da waren wir alle schon mit Essen durch, das hat gut gepasst). Damit ist die Schachtel fast voll belegt.
Schade, dass ich mich an den Gesprächen nicht richtig beteiligen kann (jetzt weiß ich wieder, warum ich den GR11 mache…) und trotzdem schön, dass Gesellschaft da ist. Ob ich das am Morgen auch noch sage?
18 Uhr: Auftritt des Steinbocks. Wie gebucht steht er 30 Meter vor unserer Unterkunft auf dem Weg. Er posiert vor uns, verschwindet, kommt mach 5 Minuten wieder und verändert dann noch mal die Position für die Top-Fotos… Ein drittes Mal sehen wir ihn noch, diesmal oben auf den Felsen. Angeber! Aber ein schöner.
Es ist die erste Nacht, in der ich nicht allein (im Raum) bin.
Um 9 ist es ruhig in der Hütte. Kindles und Handydisplays leuchten noch, aber alle liegen im Bett. Besser einschlafen, bevor der erste anfängt zu schnarchen. Ich bin zu müde zum Lesen.
Der Wind wird stärker.
Tag 15 | Refugi Mont-roig – Estany de Garrabea | HRP
27,96 k | 2.249 ⬈ | 2.370 ⬊ | 11: 08 Dauer | 20 Grad, sonnig | höchster Punkt: 2.616 m
👍 der Vollmondaufgang vor dem Zelt
👎 verlaufen, bzw. wie lange ich gebraucht hab, um zu checken, dass ich ins falsche Tal will
Relativ gut geschlafen, dann nichts mehr vom Wind mitbekommen. Nachts hat jemand die Tür leicht geöffnet, denke der Sauerstoff war nötig.
Die Jacke passt wieder in den Rucksack. Habe ich besser gepackt oder genug gegessen?
Bei blauem Himmel und Windstille gehe ich morgens los. Hätte ich doch noch weitergehen können? Der Aufstieg war auch schön, deutlich weniger schlimm als er aussah. Natürlich war meine Entscheidung aber richtig, der Übergang zieht sich und auf der anderen Seite sind wieder Regenhose und Kapuze fällig, weil es so windet.
Oben kommt die „Willkommen in Spanien“-SMS an. Nach zwei Tagen das erste Mal (kurz) Funknetz.
Landschaftlich ist es weiter ein Traum. Ich folge gelben Markierungen und freue mich, dass es so einfach ist. Bis die gelben Markierungen aufhören und ich feststelle, dass ich schon ne Weile nicht mehr auf dem Track bin.
Wie ungefähr immer wäre zurückgehen und richtig abbiegen die sinnvollere (und schnellere) Variante gewesen – es gibt ja einen Grund, warum Wege angelegt sind wie sie sind. Aber erstmal brauche ich ewig bis ich checke, wo ich sein müsste (in diesem Fall: hinter welcher felsigen Zackenreihe) und dass ich gerade in ein falsches Tal laufe (die Option kam mir nicht in den Sinn). Zwischendrin muss ich ein paar Mal tief durchatmen, um nicht (mit mir) zu verzweifeln. Als ich orientiert bin, entscheide ich mich auf den Weg zu queren, statt zurückzugehen. Da gibt’s einen schwach gepunkteten Weg in der Karte… Der ist auch meistens zu erkennen, er erfordert aber den Einsatz von Händen und Füßen. Ich freu mich schon aufs erste Mal klettern gehen nach der Tour! Der Abstieg ist auch schwieriger, aber irgendwann bin ich wieder richtig. Die ganze Aktion hat mich in Summe bestimmt eine Stunde gekostet.
Ärgere mich über meine anfängliche Hilflosigkeit und muss Podcasts anmachen, um mich aus der Gedankenspirale zu holen.
Dann wieder ein Stück Zivilisation. Für mich unerwartet gibt es am Refugio in Alós auch eine Bar. Die zwei Kifferjungs (gesehen und gerochen, keine Unterstellung) bedienen ihre Gäste sehr freundlich und sehr langsam. Letzteres ist in meiner ich-will-vorwärtskommen-Stimmung schwer zu ertragen. Aber da war die Cola schon bestellt.
Es läuft gut. Um 17 Uhr bin ich am Refugio Gràcia Airoto. Es ist menschenleer und geräumig, die Sonne scheint auf den großen Tisch mit Aussicht vor der Hütte. Bleiben war verlockend, aber mein komprimierter HRP-Guide sagt, dass noch gute Biwakplätze kommen.
Ich sehne mich nach einer Dusche!! Und ganz vor allem: nach Haare waschen. Die riechen… nun ja… nicht so gut.
Nochmal die Abzweigung verpasst, weil ich einfach den gelben Markierungen gefolgt bin. Diesmal hab ichs nach 200 Meter auf einer offenen Wiese gemerkt.
Wollte am See übernachten, aber ich habe die Beschreibung unaufmerksam gelesen und das Gelände unterschätzt. Es kamen Biwakmöglichkeiten, aber ich habe zu wenig Wasser für die Nacht. Einen Anstieg geht es durch Dickicht hoch – ich befürchte das Schlimmste, aber es gibt einen Pfad. Muss mich nur konzentrieren, um ihn nicht zu verlieren. Darauf folgt wegloses Blockgelände bis zum unteren See. Dort hängen tiefe Nebelschwaden und es ist schon 19 Uhr. Puh, so habe ich mir das nicht vorgestellt.
Weitergehen macht keinen Sinn. Hier bleiben auch nicht. Ich gehe tatsächlich ein Stück zurück. Am Wasserfallfluss fülle ich nicht nur die Trinkblase, sondern freue mich über die Waschgelegenheit. Schon absurd, zu Hause würde ich nie kalt duschen – ganz schlimm! Hier steige ich mit Freude und ohne zu zögern in Hochgebirgsflüsse.
Um 16 Uhr hätte ich den Platz nicht gewählt, denn gefühlt stelle ich das Tarp mitten auf den Weg und außerdem ist es feucht. Aber es stellt sich als Top-Platz heraus: Der Vollmond geht groß und leuchtend über genau in meinem Ausblick auf, während ich Couscous mit Röstzwiebeln koche.
Sehr erfreulich: der Mond hat den Wind ausgeknipst.
War sinnvoll, die Aufbauanleitung des Tarps mal (vollständig) zu lesen. Habe es zum allerersten Mal richtig schön aufgebaut bekommen und verstehe jetzt, wie das mit dem Eingang funktioniert (wie viele Tage bin ich schon unterwegs?).
Obwohl ich 11 Stunden unterwegs war und einige Kilometer zusammengekommen sind, fühle ich mich erstaunlich wenig müde und sehr fit.
Konnte also noch drüber nachdenken, dass ich nach 15 Tagen jetzt eigentlich Halbzeit haben wollte. Kilometermäßig bin ich nicht so weit…
Tag 16 | Estany de Garrabea – Refugio de Restanca | HRP
26,28 k | 1.780 ⬈ | 1.936 ⬊ | 09:00 Dauer | 18 Grad, morgens tiefhängende Wolken, ab mittags sonnig-bewölkt | höchster Punkt: 2.563 m
👍 die Dusche und Haare waschen
👎 wenns zu kalt für Pausen ist… 🙁
Die Wolken hängen tief. Ich stehe trotzdem um 7 Uhr auf. Hab wieder nicht soo gut geschlafen.
Kaltes Frühstück und los geht es.
Das Zelt ist klatschnass. Darf nicht vergessen es über den Tag zu trocknen, ggfs. regnet es ja heute Abend.
Ich bin auf 2.200m und es geht kein Wind! Ich kann es gar nicht glauben. Aber es bleibt auch so. Laufe quasi ab Start in kurzer Hose und Pulli.
Frisch und aufmerksam erschließt sich der Weg auf einmal viel besser. Es gibt ja doch Markierungen und Steinmännchen!
Zumindest der See ist mit Wolken und Nebel auch ganz scenic. Glaube, ich habe nicht so viel verpasst. Seit ich an Airoto Gràcia abgebogen bin ist es weniger bergig und grasiger, in Summe also weniger spektakulär. Ich höre wieder Podcasts, damit es nicht so langweilig ist und ich konzentrierter (= schneller) laufe.
Dachte ja, dass es ab Bonaiga easy ist. Ganz stimmt es nicht. Die eine Abkürzung, die ich in den Track geklickt hatte existiert nur teilweise. Der Trampelpfad verliert sich im Gebüsch und zwischen den Boulderblöcken. Zudem wird es deutlich steiler als ich es erwartet habe. Man kann schon von Absturzgefahr sprechen. Aber ich war zu weit zum Umdrehen und eigentlich freue ich mich übers Kraxeln. Und der Rucksack ist gewichtsmäßig auch kein Hindernis (mehr).
Am Refugio des Colomèrs komme ich ausgehungert an. Dachte lange, dass ich ja gleich da sein muss und hatte deshalb keine Pause mehr gemacht. Während ich mich durch die Karte esse und trinke (der erste Kuchen! Endlich!), entscheide ich mich noch weiterzugehen. Es sieht nicht nach baldigem Regen aus, hier finde ich es nicht sympathisch und lang genug hell ist es auch noch.
Bin jetzt wieder auf dem GR11. Das waren schon aufregende(re) Tage auf der Haute Route und ich bin (trotzdem) sehr froh über meine Wahl. Die Abgelegenheit sorgt doch noch mal für eine andere Auseinandersetzung mit sich selbst.
Brauche nur gute drei Stunden bis zum Refugio de Restanca. Die Bergkulisse und die Seen machen es zu einem wunderschönen Abschnitt. Die Wolken sind nur Deko, es ist (auf meiner Höhe) sonnig. Schade, dass der GR11 nur so kurz durch den Nationalpark Aigüestortes i Estany de Sant Maurici führt. Ich nenne ihn nur den Wasser-Nationalpark, es ist das Gebiet mit der höchsten Seendichte.
Die Entscheidung, im Refugio zu übernachten fällt leicht: ich werde freundlich empfangen, es gibt eine Dusche und es regnet nicht rein (und: biwakieren ist im Nationalpark verboten). Um 18:30 komme ich an, um 19 Uhr gibt es Abendessen. Ich schaffe es in der Zwischenzeit zu Duschen (eine Hütte ohne Warmwasser-Zeitlimit – Volltreffer!) und Haare und Klamotten zu waschen. Hach!
Viiiiiiel zu Abend gegessen. Sitze mit katalanischen Herren am Tisch, die hier eine Mehrtagestour wandern. Ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Gast hat zum Renteneintritt Wanderschuhe geschenkt bekommen. Nach ein wenig Herantasten wandert er jetzt mit 70 Jahren den GR11. Chapeau!
Der Tag ist schon wieder zu kurz. Nicht mal die Basics (Route online stellen, mit Malte telefonieren, Tagebuch schreiben) habe ich heute geschafft.
Im Rother-Wanderführer verbleiben 21 Etappen – ich will 14 Tage brauchen. Naja, da ist die Rechnung ja einfach…
nach 15 Wandertagen: 401 km | 25.240 HM ✅
(Hinweis 1: die Fotos verzerren den Blick aufs Wetter natürlich. Im Regen gibt’s weniger schöne Fotomotive und ich habe keine Lust stehen zu bleiben. Insofern gibt’s vor allem Fotos mit blauem Himmel.
Hinweis 2: Die Dauer meiner Etappen ist mal brutto, mal netto, mal halb/halb. Ich habe sehr inkonsequent in Pausen auf Pause gedrückt.)
So gehts weiter:
Rund um den GR11 und die Transpirenaica kannst du hier weiterlesen:
> Zu Fuß über die Pyrenäen: Welche Wege gibt es, wann, warum, wie, …?
> Tourenbericht Tage 0-7: Wald und Regen auf dem Weg von Banyuls-sur-mer nach Puigcerdà
> Tage 8-16: Besseres Wetter, Andorra und ein aufregender Abstecher auf die HRP
> Tage 17-24: Unsichtbare Berge, lange Etappen, Höhen und Tiefen
> Tage 25-31: Emotionaler Endspurt zum Atlantik
> Klar, die Packliste für den GR11 gibt’s auch!
Oder dir bei Komoot meine geplanten Route(n) anschauen: GR11 / Transpirenaica-Collection
Spannende Themen!
Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!
