Ich kaue die Nussschnecke zu Ende und antworte den KollegInnen: „Sechs Runden wären schon gut“. Im allgemeinen „du bist ja verrückt“-und-„ich weiß nicht mal, ob ich eine Runde schaffen würde“-Gespräch nehme ich mir ein Stück Apfelkuchen und frage mich, ob das die richtige Art von Carboloading ist? Egal!

Was ist ein Backyard Ultra?

Es ist noch eine recht neue Tradition, dass am 3. Oktober im Schmellbachtal bei Stuttgart ein Backyard Ultra stattfindet. Das bedeutet, dass alle teilnehmenden Läufer*innen zu jeder vollen Stunde erneut auf eine 6,7 Kilometer lange Runde starten. Wer sie nicht in 59:59 Minuten beendet, ist ausgeschieden. Ausgeschieden ist auch, wer nicht mehr antritt.

Generell gilt bei Backyard Ultras das Prinzip last person standing (running?). Heißt, dass das Rennen so lange dauert, bis nur noch ein*e Läufer*in übrig ist. Wikipedia verrät, dass die Rekorde (Stand Oktober 2025) bei 119 Runden (= 797,9 km) bei den Männern und 87 Runden (= 583,4 km) bei den Frauen liegen. *

Beim Schmellbackyard ist das Rennen auf 12 Runden begrenzt – länger hat der Organisator (verständlicherweise, finde ich) keine Lust. Und auch das ist mehr, als ich mir zutraue. Wie meistens bin ich zwar grundsätzlich fit, aber nicht besonders trainiert. Die vorgenommenen sechs Runden sind schlicht die Hälfte: Wäre das Rennen anders, wäre das Ziel vermutlich ebenfalls anders. Und es wäre die längste Distanz, die ich je gelaufen bin.

Wir schalten ins Schmellbachtal:

Es ist frische drei Grad kalt, als wir unseren Pavillon aufbauen und das Buffet aufbauen. Jede*r aus der Laufgruppe hat was mitgebracht und allein dafür lohnt sich das Laufen schon.

Um 8:55 stehen ~150 frierende Läufer*innen auf der Wiese versammelt

Startschuss!

Runde 1: Es geht gemächlich los auf dem engen Weg. Erst kurz an einem Bach entlang, dann wellig auf Forstwegen durch den Wald. Als Trailrun kann man es nur bedingt bezeichnen, aber es ist schön – auf der ganzen Runde sieht man nur grün. Naja, und die bunte, sich bewegende Masse, die sich langsam auseinanderzieht. Nach 46 Minuten und den ersten 119 Höhenmetern ist Buffet-Zeit, das ging doch gut.

Runde 2: Auch die zweite Runde ist noch ein Eingewöhnen. Die geraden Runden werden gegen den Uhrzeigersinn gelaufen und in diese Richtung fühlt es sich nach mehr Höhenmetern an. Bergauf gehen alle, das finde ich sehr sympathisch. Außerdem wird überall fleißig geschnattert.  

Runde 3: Ich komme auf den Geschmack und in ein Runners High. Durch die Runde fliege ich – hach, macht das Spaß!

Runde 4: In der Pause habe ich die Schuhe gewechselt und der Spaß hält an. Warum noch mal wollte ich nur sechs Runden laufen? Das Feld ist weiterhin groß, es sind immer noch über 80 Personen auf der Strecke. Langsam kennt man die ähnlich-schnell-Laufenden und findet immer wieder Gesprächspartner*innen.

Runde 5: Eine Mitläuferin rechnet mir vor, dass mit sieben Runden die Ultradistanz erreicht ist und das sei ja besser als „fast einen Marathon“ gelaufen zu sein. Stimmt, also: Planänderung! Während gegen Ende der Runde die Schmerzen und Krämpfe im rechten Bein anfangen, denke ich darüber nach, dass ich gerade meine 100-Kilometermarsch-These, dass man Ziele nie nach oben korrigiert, breche. Finde ich gut! Anneli hatte sich auch 6 Runden vorgenommen, jetzt versuche ich sie zu überzeugen: „zwei Runden gehen noch“. Sie: „Das heißt wir müssen noch 13 Kilometer laufen“. Jaaaa… Meine Variante gefällt mir besser. Das ist das Geheimnis eines Backyard Ultras. 

Runde 6: Es ist wieder die blödere Linksrum-Runde. Und ich habe Schmerzen. Warum wollte ich nochmal weiterlaufen? Trotzdem wird es meine schnellste Runde, ich will sie hinter mich bringen. Gut auch, dass ich mir die Strecke nicht gemerkt habe. Einfach weiterlaufen, bis wieder Musik und (von Menschen geschwenkte) Kuhglocken zu hören sind. Beim Laufen ist es mit jeder Runde ruhiger geworden.

Runde 7: Verabredet ist eine Gehrunde – 59 Minuten reichen ja, damit sie noch zählt. Dann läuft (!) es aber doch ziemlich gut und wir sind nach 50 Minuten durch. Bergab zwickt das Knie, geradeaus krampft das rechte Bein und Gehen geht auch nicht mehr rund. Aber: In meinem ersten Rennen HABE ICH MEINE ERSTE ULTRADISTANZ absolviert. ** Ein Freudentänzchen ist noch drin.

Geht vielleicht doch noch eine Runde?

Ja, bestimmt. Aber nein, ich bleibe zufrieden sitzen und nehme mir lieber noch eine Kartoffel und zwei Toffifees, als die Hupe die Läufer*innen zur nächsten Runde sammelt. Als die ersten Läufer nach etwa 30 Minuten ihre achte Runde beenden, habe ich trockene Klamotten an und einen Aperol Spritz in der Hand. Es ist schön, das Geschehen von der Bank aus zu verfolgen.

Sowieso ist das Event zuschauer- und familienfreundlich: Der Start-/Zielbereich ist auf einer Wiese neben einem Spielplatz, der zu einem Waldgasthof gehört (öffnet nach den ersten drei Runden :)). Das ein oder andere Kind ist auch mal eine Runde mitgelaufen.

Und super geeignet für Läufer*innen, die weder schnell noch besonders trainiert sind. Die Zeit zählt nicht, man kann problemlos aussteigen und im aeroben Bereich laufen. Wer ca. 45 Minuten pro Runde braucht, hat immer 15 Minuten Erholungszeit (Toilette, Essen, Trinken, kurz mal sitzen) zwischen den Runden ohne zu doll auszukühlen.

Warum erzähle ich das?

Zum einen: Sehr sicher bin ich nicht die Einzige, die mehr kann als sie denkt – und das nicht nur beim Laufen! Es ist also ein Appell für ambitioniertere Vorhaben. Trau dich!

Außerdem gefällt mir dieses Veranstaltungsformat sehr gut und ich möchte es weiterverbreiten. Natürlich gibts Terminsammlungen in Internet, z.B. die Rennenliste bei backyardultra.de.

Und zum dritten in das Prinzip so simpel, dass es sich (sofern der Teilnehmendenkreis klein genug bleibt) wirklich enfach aus dem Garten, der Garage oder dem Hof heraus organisieren lässt. Oder der Sportverein macht eine Benefiz-Veranstaltung draus. So viele Möglichkeiten! Hier gibt es Tipps für die Eigenorganisation (inkl. der „offiziellen“ Backyard Ultra Regeln).

Glücklich und zufrieden

Nach diesem wunderbaren und erfolgreichen Tag steige ich zufrieden aufs Rad und rolle 20 Minuten nach Hause – zu den Resten des Apfelkuchens…


*Fun Fact 1: die Länge der Runde ist so gewählt, dass in 24 Stunden 100 Meilen zurückgelegt werden.

Fun Fact 2: Erfunden hat den Backyard Ultra angeblich Gary Cantrell. Er sieht überhaupt nicht nach Ultraläufer aus, hat sich aber auch den Barkley Marathons ausgedacht hat, das mit Abstand krasseste Rennen, von dem ich je gehört habe. Die Doku über die erste Frau, die das Barkley geschafft hat, ist empfehlenswert: The Finisher: Jasmin Paris and the Barkley Marathons.

** Es gibt keine einheitliche Definition was ein Ultra ist. Die einen sagen, es muss länger sein als ein Marathon. Für andere sind es >50 Kilometer. Ins Verzeichnis des DUV (Deutsche Ultramarathon Vereinigung) wird man ab 45 Kilometern eingetragen.


Spannende Themen!

Ich möchte keinen Beitrag mehr verpassen, bin aber auch zu faul, hier regelmäßig nachzuschauen… Eine E-Mailbenachrichtung bei neuen Posts wäre toll!

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