Kurz zur Einordnung: Ich bin nach Vilnius geflogen, habe dann 10 Tage geschwiegen und meditiert, und zum Urlaubsabschluss gab es ein Wiedersehen nach 10 Jahren in Riga.

Ja, Kaffee trinken und Schokolade essen ist auch eine mögliche Antwort

Was macht man zuerst, wenn man 10 Tage lang von der Zivilisation getrennt war? Genau, erst mal in eine Shopping Mall gehen, zum Haare schneiden. 🙂

Wer gerade mit „Reden“ geantwortet hat: Nein, tatsächlich war mein Bedürfnis (anhaltend) nicht besonders groß.

In Riga habe ich David besucht. Wir haben damals zusammen studiert, uns immer gut verstanden – uns aber seit 10 Jahren nicht mehr gesehen.

Glücklicherweise machte das gar nichts. Als ich darüber hinweg war, dass ich schlechter gealtert bin als er (blöde graue Haare), haben wir nicht begonnen, uns detailliert auf die vergangen Jahre zu stürzen. Sondern sprachen lieber gleich über Grundwerte, Überzeugungen und Lebensentwürfe. Und zwischendurch durfte ich schweigen und lesen. Das war (wahrscheinlich) wirkungsvoller als die Vipassana-Meditation.

Und natürlich waren wir in der Stadt unterwegs.

Weil David und ich die gleichen Sachen mögen und er mir seine Lieblingsplätze gezeigt hat – bin ich jetzt ein Riesenfan der Stadt! Mir ist bewusst, dass ich das Meiste ohne David nicht entdeckt hätte. Ich fühle mich in „mein“ Köln von damals zurück versetzt, als wir in alten Fabrikhallen feiern waren und durch die alternativen Cafés getingelt sind…

Die heruntergekommene Sowjetarchitektur am Stadtrand wird von Jugendstilhäusern in der Altstadt abgelöst. Die erweiterte Innenstadt (die ich in Vilnius gar nicht gesehen habe) liegt dazwischen: die meisten Häuser sehen aus, als hätten sie etwas erlebt und wollten ihre Geschichten teilen.

Glücklicherweise scheint die Sonne. Nach all dem Frieren und äußerst gemischtem Wetter ist es herrlich, die Sonne zu spüren. Und wieder Kaffee zu trinken. Und Kuchen zu essen. Wir schlagen uns die Bäuche voll – diesmal in einem gemütlichen, aber durchgestylten Café, das Stuttgarter Preise hat.

Und wandern barfuß am Strand entlang. Wir kommen an ein paar Leuten vorbei, die noch baden. Und am Fluss an noch mehr, die angeln. Im Zug zurück sitzt eine Frau neben uns, die einige Prachtexemplare in ihrem Pilzkorb liegen hat. Und überall sind Bäume. Es scheint, als ob lettische Bahnhöfe nur im Wald liegen können. Was für eine Idylle.

Riga fühlt sich nach Stadt an. Ich lerne, dass es schon drei Plastikfrei/Unverpackt-Läden gibt, in denen man (fast) alles bekommt, solange man selber für eine Verpackung in Form von Gläsern oder Tupperdosen sorgt. Das sind zwei mehr als in Stuttgart.

Zudem lerne die Lindyhop-Szene kennen und den regnerischen Samstag nutzen wir für das Touripflichtprogramm, also die Altstadt. Aus praktischen Gründen gestalten wir den Rundgang als Kneipentour. So ist man hervorragend vor dem Niesel geschützt bzw. trocknet wieder. Außerdem wird in Lettland viel Probierenswertes gebraut. Gutes Essen gibt es auch, das kombinieren wir mit dem Bier.

Naja, und so vergeht die Zeit schnell.

Und was war besonders beeindruckend?

Ich kann mich nicht entscheiden.
1) Der Mindestlohn in Lettland liegt bei 2,34 € (ja, sie haben den Euro) pro Stunde. Ich weiß nicht, wie das in Riga gehen soll.
2) Alles, was Lettland in seiner Geschichte aufzählenswertes geleistet hat passt auf einen Vierseiter. Darunter ist eine (das meine ich ernst!) der besten Erfindungen der letzten Jahre: das Wurfmikrofon wurde von Letten entwickelt.
3) Texte und Sprache sind so schön – David hat mich an seiner Übersetzungsarbeit teilhaben lassen. Wir sollten ihre Möglichkeiten viel besser nutzen!