„Es hat mein Leben verändert“, erzählt eine Bekannte mit leuchtenden Augen als sie mitbekommt, dass ich mich zu einem Vipassana-Kurs angemeldet habe. Mehr sagt sie nicht, ich soll alles andere selbst herausfinden. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht viel über mein Vorhaben, außer: ich lasse die Gesellschaft 10 Tage hinter mir, darf nicht reden, meditiere zwischen Wecken um 4 und Programmende um 21 Uhr jeden Tag netto 10 Stunden, es gibt zwei einfache vegetarische Mahlzeiten und als Abendessen (ein Stück) Obst. Kein Handy, nicht lesen, nicht schreiben, kein Sport, das Kursgelände darf nicht verlassen werden. Meine Uhr habe ich auch abgegeben. Klingt nach Urlaub, oder?

Warum tut man sich das an? In meinem Fall: seit Indien fasziniert mich, was man mit Meditation für den Geist alles erreichen kann. Theoretisch. Praktisch habe ich mir sehr schwer getan. „Dann probiere ich es in einem Bootcamp – danach läuft es, oder es ist nichts für mich“, war mein Gedanke in Kombination mit meinem Motto „Einfach mal machen“! Trotz meiner Bedenken, ob ich zehn Tage lang schweigen und sitzen kann.
Kleiner Spoiler: das waren die falschen Bedenken. Das schwierige ist … meditieren.

Die Frage „was ist Vipassana?“ habe ich mir vorab übrigens nicht wirklich gestellt. Wen es interessiert, der kann sich diese Zusammenfassung auf der „Offiziellen Homepage“ durchlesen. Am Ende der Seite über die Regeln steht auch der Tagesablauf.

Schweigen

Die erste Überraschung war: Es schweigt sich sehr einfach! Wenn alles darauf ausgelegt ist (Infos hängen schriftlich aus, ein Gong weist auf den nächsten Programmpunkt hin, der Tagesablauf ist von Tag 1-9 immer gleich) und niemand um einen herum spricht, muss man das selbst auch nicht. Die Regeln (z.B. Speiseraum darf erst nach dem Gong betreten werden“) wurden uns an Tag 0 erklärt, da konnten wir auch noch Fragen stellen.

Ich fand schweigen sogar richtig gut gut. Ohne Reden und kommunizieren (Pantomime etc war ja auch nicht erlaubt) entfällt sehr, sehr viel (unbewusster) sozialer Stress. Gedanken à la „oh, war der Witz jetzt angebracht?“, „boah, hoffentlich setzt der sich nicht zu uns, seine Geschichten sind auch nach dem drittem Mal nicht witzig“, „Das Guten Morgen von ihr fiel aber knapp aus. Ist sie noch nicht richtig wach oder hab ich gestern was doofes gesagt/gemacht?“, „warum wurde ich nicht gefragt, ob ich auch einen Tee trinken gehen möchte“, „ich ertrage den Blödsinn, der hier gerade gesprochen wird nicht“ muss man sich nicht machen. Sich noch nicht mal überlegen, welche Rolle man im Solzialgefüge spielen möchte. Alle sind gleich. (Was nicht heißt, dass man sich keine Meinng über andere bilden würde…)

Jegliche Essens-, Kau- und Trinkgeräusche sind für mich die größte Qual der Welt, weshalb ich vor den stillen Mahlzeiten schon fast Angst hatte. Glücklicherweise war das unbegründet und ich habe die solitären Mahlzeiten sehr genossen. Das Essen schmeckt besser. Interessant ist übrigens auch, dass man schweigend mehr Platz braucht. Bei einem Mittagessen setzte sich eine Dritte mit auf die Bierbank – das war ganz schön eng! Musste dann ans Wasen-Festzelt denken und daran, dass wir da zu fünft auf einer Bierbank getanzt haben. Grund genug, still vor mich hin zu kichern.

Zwischendrin habe ich mir überlegt, was ich denn gesagt hätte (wenn ich gedurft hätte). Das waren solche Sätze: „es ist ja NOCH KÄLTER geworden!“, „ich kann mich nicht entscheiden, ob mir der Rücken oder die Beine mehr weh tun“ und „ein Schokoladenkeks wäre jetzt schon was feines“. Also alles Gejammere. Da kann ich auch meine Klappe halten, wenn ich eh nichts zu sagen habe.
Dazu kämen noch Vergleiche mit den Meditationserlebnissen der anderen und dahin ist die Konzentration. Deswegen sind auch (völlig zu Recht) Musik, lesen und schreiben verboten. Das würde viel zu sehr ablenken. Hätte ich auch nur zwei Seiten in meinem Roman weitergelesen, der Inhalt hätte mich in meinem konzentriert-gelangweilten Zustand tagelang beschäftigt.

Das einzige, was gesprochen wurde, waren die Meditationsanweisungen. Alles andere wurde über Zettel gelöst, weshalb ich oft an meinen spanischen Freund Andrés denken musste. Er findet, dass Deutsche die unangenehme Eigenschaft haben, mit ihren Nachbarn (ausschließlich) über (böse) Post-its zu kommunizieren. Nach Tag 1 hing „Bitte keine Wasserflaschen mit in den Meditationsraum nehmen“ an der Tür und „Tür bitte geschlossen halten“ ab Tag 7 an der vom Speiseraum.

Ob ich also durchgehalten habe? Ja!
An Tag 4 habe ich unsere Managerin nach einem Wecker gefragt (unser Zimmer hat die Gongs wieder nicht gehört und wir sind diesmal erst zum Frühstück aufgewacht…). An Tag 8 habe ich die Möglichkeit des fünfminütigen Interview with the teacher wahrgenommen und alle 2-3 Tage wurde der Lernfortschritt abgefragt, da sagt dann jeder einen oder zwei Sätze. Das wars.

Bis an Tag 10 am Vormittag der Vow of Silence aufgehoben wurde. Ungefähr jeder hat sich nach dem dritten Satz mit einem „mir ist auf einmal so heiß“ die oberste der mindestens 3 Zwiebelschichten ausgeszogen. Die Laute zu bilden ist kein Problem, aber sie wollten nicht so richtig durch den Hals. Und wir haben uns gegenseitig wegen unserer Kurzatmigkeit beim Sprechen ausgelacht.

Sowieso: lachen! Das hat gut getan! Wir wurden sehr schnell sehr albern. Eine Holländerin meinte nach den ersten zwei Redestunden treffend: „ich bin so durch den Wind wie eine Vierjährige nach ihrem Kindergeburtstag“.

Sitzen

Wie lange kannst du im Schneidersitz sitzen, ohne die Hände, Beine und Augen zu öffnen? Wir hatten ab Tag 5 die Anweisung, uns in den dreimal täglich stattfindenden einstündigen Gruppenmeditationen nicht mehr zu bewegen. Geht. Tut aber weh.

Die Rückenschmerzen wurden im Laufe der Tage viel, weniger, anders, waren weg. Das Brennen in den Beinen ging immer sofort wieder weg, sobald ich meine Beine ausgestreckt habe. An manchen Tagen habe ich beim Aufwachen aber doch noch ein Ziehen im Knie gespürt. Dabei wollte ich mir so schön einreden, dass diese Zwangshalbmarathonstrainingspause eine super Sache für meine gestressten Knie ist…

Ja, man könnte ewig jammern. So schlimm war im Endeffekt nicht. Es wurde mit jedem Tag besser. Und auf meinem einen Kissen, mit meiner einen Decke über den Beinen und Kathas Kissen zur Entlastung unter meinem Knie, war die richtige Position schnell gefunden. Zeit, amüsiert zu beobachten, wie (viele) andere ihre 3-7 Kissen und 1-3 Decken aufwändig drapieren, bis sie dann, wie die Prinzessin auf der Erbse, auf das Gebilde sinken. Das war etwas zwischen Wissenschaft und Ritual. Wir saßen ja auch wirklich viel und … hatten sonst nichts zu tun …

Meditieren

… außer zu meditieren.

Oder es zu versuchen. Ich habe es wirklich versucht.

In den ersten drei Tagen geht es nur um die Beobachtung des Atems. Das ist gar nicht so einfach. Atmest du eher durchs rechte oder durchs linke Nasenloch ein?

Was ich insgesamt mochte war, dass so völlig wahllos Erinnerungen aufgeploppt sind. Solche, von denen ich nicht wusste, dass ich sie noch habe. Zum Beispiel, dass ein paar Freundinnen und ich uns vor 20 (!) Jahren auf einer Ministrantenfreizeit in München über den „Designfehler“ der Hocker lustig gemacht haben – da kann ja kein Mensch drauf sitzen! Heute weiß ich, dass es Meditationsbänkchen waren, die man sich, wenn man auf dem Boden kniet, unter den Hintern schiebt, um nicht direkt auf den Beinen zu sitzen. Und, dass es nur eine von vielen frühzeitigen, überheblichen Verurteilungen war.

Passt zum Thema, denn es geht bei der Vipassana-Meditation darum, seine „Unreinheiten“ aus der Vergangenheit loszuwerden. Praktischerweise muss man dafür nicht explizit über sie nachdenken.

Aber trotzdem ganz schön hart dafür arbeiten.

Die Vipassana-Übungen sind mir so schwer gefallen, dass ich an Tag 6 ein paar Frusttränen loswerden musste. Und nachdem mir am Sonnentag 8 die Lehrerin in netteren Worten (aber genau dem Inhalt) sagte: your mind is not sharp enough war es für mich vorbei.

Meditation sollte ein regelmäßiger Teil meines Alltags werden. Ich habe mir in den Tagen auch ausführlich überlegt, wie/woraus ich mir ein Meditationskissen upcyclen kann (kaufen kann ja jeder!) und hatte (gute) Ideen. Worüber ich mir jedoch keine Gedanken gemacht habe war, WANN ich eigentlich auf diesem Kissen sitze. Wer mich kennt weiß, dass ich morgens sofort aus dem Haus bin, abends ins Bett falle und dazwischen, dank Gleitzeit und unterschiedlichen Hobbys, wenig Regelmäßigkeit herrscht. Die Gedanken, das war mir schon bewusst, hätten einer Alltagstrukturierung gelten müssen.

Es kommt also wohl keine radikale Meditationwende.

Das liegt nicht an der inhaltlichen Lehre von Vipassana. Sie ist – wie oft betont wird – religionsunabhängig und lässt sich zusammenfassen mit „Wenn jeder an sich denkt, dann ist auch an alle gedacht“. Und zwar auf eine gute Art und Weise (nämlich: nur wenn ich mit mir selbst im reinen bin, kann ich auch positiv auf meine Umwelt wirken). Goenka, der diesen Kurs entwickelt hat, wurde auf Band immer wieder eingespielt und seine Worte sind wahr: Die Menschheit ist süchtig nach Sehnsucht. Dass wir nie zufrieden sind, hat weniger mit unseren (nicht) erreichten Zielen zu tun, sondern damit, dass wir dieses „will ich-Gefühl“ viel zu toll finden – ohne uns das einzugestehen.

Dabei ist ALLES, positiv wie negativ, vergänglich. Und je mehr wir uns dessen bewusst sind, es akzeptieren und uns nicht an Dingen/Gedanken festklammern, desto einfacher ist es, glücklich zu sein. Das Mantra (ich habe es sicher 100x aus seinem Mund gehört) ist no more craving, no more aversion. Das schaffe ich über die innere Schiene jetzt wohl nicht. Aber: nach meinem innerlichen Aufgeben habe ich mir Nachdenkaufgaben (z.B. Urlaubsplanung 2020) für die Meditationseinheiten gestellt. Eine war „welche Besitztümer sind mir warum wieviel wert?“. Ergebnis: es wird mal wieder großzügig aussortiert. Hat jemand Interesse an einer funktionstüchtigen Kaffeemühle (handbetrieben)?

Eine Sache, die ich ebenfalls mit nach Hause nehmen möchte, ist die (Essens-)Regelmäßigkeit. Mein Körper fand die festen Schlaf- und Essenszeiten super, er hat sich sehr wohl gefühlt. Dieses Gesnacke den ganzen Tag verbraucht so viel unnötige Gedanken – und der Körper braucht es auch nicht. Es war befreiend, dass ich den Schokokeksgedanken sofort wieder fallen lassen konnte (ich bin ja nicht an Essen gekommen). Diese grob fahrlässige Lebenszeitverschwendung soll wegbleiben!

Wobei ich zugeben muss, dass, während andere ihre Free Flow-Erfahrungen hatten und sich meine finnische Zimmer-Mitbewohnerin zwei Plätze weiter in eine Schlange transformiert hat (nicht typisch für Vipassana), meine Gedanken eher in die Richtung gingen, wie viele Zwiebeln man braucht, um sechs Personen mit Zwiebelkuchen satt zu bekommen.

Für ein paar aus unserer Gruppe hat sich der Kurs lebensverändernd angefühlt („ich muss mit meinem Freund Schluss machen“ / „ich muss weg aus Brüssel“ / „so ausgeglichen habe ich mich seit Jahren nicht mehr gefühlt, ich mache weiter!“). Für mich… nicht. Ich nehme Vorsätze und Ideen mit – wie aus jedem Urlaub. Wäre nach zwei guten Büchern und einer Alpenüberquerung das gleiche herausgekommen? Ich bin mir nicht sicher. Oft stellt man ja erst mit der Zeit fest, wie wichtig eine Erfahrung tatsächlich war oder ist. Ich warte also mal noch und fasse für mich zsammen: meine Lieblings-Meditationsart bleibt das Wandern. Und ich Eli Superschnelli.

P.S.: Vipassana-Meditationskurse gibt es auf der ganzen Welt. Ich habe ihn in Litauen gemacht, weil mir das zeitlich und örtlich gut gepasst hat. Und ich einen Platz bekommen habe. Die Kurse sind spätestens 15 Minuten nach Freischaltung des Anmeldeformulars ausgebucht.