„Oh, eure Wohnung ist ja … wirklich … SCHÖN!!“, haben wir schon öfter als einmal gehört, wenn Freunde oder Bekannte zum ersten Mal unsere WG betreten. Unsere Antwort: „Haben wir doch gesagt!“.

Szenenwechsel: ungezwungenes Kennenlernen, der Rahmen ist egal. Man unterhält sich angeregt, findet Unterschiede und Gemeinsamkeiten, das Gespräch läuft. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich sage „Meine Mitbewohnerin …“ oder sonstwie das Thema WG aufkommt. Dann folgt beim Gesprächspartner entweder der schnelle Blick ins Glas („hoffentlich ist es leer und ich habe eine Ausrede zu verschwinden“), oder auf die Uhr, oder … Kurz: das Gespräch ist quasi vorbei.
Was hat mich das gelehrt? Ich versuche das Thema zu vermeiden und mache damit genau das, was mich bei anderen so oft ärgert. Ganz schön doof.

WG mit über 30 findet die Gesellschaft nicht richtig

Nur, warum ist das so? Warum hat man als Person im Arbeitsleben nur zwei sozial anerkannte Möglichkeiten (etweder mit dem Partner oder alleine zu wohnen)? Es können doch nicht alle nur schlechte WG-Erfahrungen gemacht haben?

Und, sei ehrlich, welche Bilder hat „WG“ gerade vor deinem inneren Auge hervorgeholt? Besteck mit Plastikgrifffen, Möbelsammelsurium à la „was man noch im Keller der Eltern gefunden hat“, Geschirrtürme vor der Spüle und ungeputzte Bäder? Wenn ja: Damit bist du nicht alleine.

ABER! Auch WGs werden erwachsen.

Echtholzparkett, Fußbodenheizung, Einbauküche, WMF-Besteck und dreifach verglaste Türen (Fenster. Pff!) hätte ich mir zu Studentenzeiten nicht leisten können. In unserer „Pärchenwohnung mit getrennten Schlafzimmern“ ist der offene Wohn- und Essbereich mit Küche das Herzstück. Wir sitzen also nicht in unseren Zimmern, sondern trinken zusammen Wein aus wohlklingenden, wohlausgesuchten Gläsern.

Für 100 Euro Miete mehr pro Monat habe ich mal alleine in 64 Quadratmetern Altbau gewohnt. Man könnte sagen, das war der bessere Deal. Ich fand die Wohnung aber viel zu groß. Neben den wunderbaren unverabredeten „ich koch gleich und sollen wir einen Sekt aufmachen?“-Abenden ist mein Hauptkriterium für die WG jedoch:

Der Kühlschrank

In einer Großfamilie aufzuwachsen heißt: hoher Durchsatz im Kühlschrank. Daraus folgt: große Auswahl. Nun frühstücke ich auf der Arbeit, genieße dort mittags die sehr gute Kantine und bin abends auch mal verabredet und an vielen Wochenenden unterwegs. Das heißt: sehr wenig Kühlschrank-Durchsatz. Die zwei daraus folgenden Optionen (wenig Auwahl oder schecht werdende Nahrung) sind nicht zufriedenstellend.
Die WG-Lösung: wir teilen. Alles. Jede geht einkaufen, manchmal abgesprochen – manchmal nicht, und jede isst und benutzt, was im gemeinsamen Teil der Wohnung zu finden ist. Wir haben noch nie abrechnet, wissen also nicht, wer mehr oder weniger bezahlt. Der „Gefühls-Check“ bei uns beiden sagt seit über zwei Jahren: es ist gerecht.

Weitere Vorteile

Jede hat ihr eigenes Leben, aber trotzdem großem Anteil am Leben der anderen. Konkret heißt das: Freundeskreis x zwei.

Und eine höhere Aufräum-Disziplin, weil wir beide gerne damit angeben, dass wir jederzeit und unangekündigt Besuch empfangen können. Probier es doch mal aus! Wir freuen uns auf das untertonlose: „Wow, eure Wohnung ist wirklich schön!“!

P.S.: Wer nicht vorbei kommen kann/will oder die Wohnung schon kennt, kann als Übung auch gerne im nächsten Gespräch (egal wo und mit wem), bei dem das Thema WG aufkommt, durch unvoreingenomme Reaktion Karmapunkte sammeln 🙂