„Drei Teilzeitabenteurer, ein alter Kleinwagen, 16.000km, ca. 20 Länder, … die letzte Herausforderung der Neuzeit“, so beschreiben Caius, Tobi und Mesi ihren Sommerplan: die Mongol-Rally durch Europa und Asien.

Mitte Juli geht es los und ich habe die beiden Teilzeitabenteurer Tobi und Caius am Gründonnerstag in Karlsruhe getroffen:

Eli: Wo ist eigentlich der Dritte im Bunde?

Tobi: Der wohnt in Hannover, das war für einen Abend doch zu weit.

Akzeptiert. Aber von vorne, wer ist denn auf die verrückte Idee mit der Mongol Rally gekommen?

Tobi: Naja, mit Mesi – dem dritten Teilzeitabenteurer – habe ich in einem alten VW T4 Bulli schon nahezu alle europäischen Länder abgegrast. In unsere Überlegungen, was als nächstes kommt, platzte mein neuer Kollege Caius. Der war mir mit seinen sehr sehr verrückten Ideen direkt sympathisch. Schlussendlich war er es der meinte „schaut euch das mal an“.

Caius: Wir waren vielleicht schon beim zweiten oder dritten Bier als Tobi mir von der Baltic Rally erzählte. Dabei fährt man auf Landstraßen – Autobahn ist verboten – einmal im Kreis um die Ostsee. Da meinte ich: „Jaaa, aber ich hab mal was Cooleres gesehen!“ Das Nonplusultra dieser Rallys mit alten Schrottautos ist die Mongol Rally. Übrigens ohne Autobahnverbot. Aber hauptsächlich, weil es irgendwann keine anderen Straßen mehr gibt, oder sie den Namen Autobahn eh nicht verdient haben.

Und von wo nach wo geht’s dann jetzt in welcher Zeit?

Caius: In diesem Jahr startet die Rally bei Prag. Ziel ist Ulan-Ude in Russland und nicht mehr die Mongolei.

Tobi: Wir haben zwischen Eröffnung der Startlinie und Schluss der Ziellinie ziemlich genau acht Wochen Zeit für die 16.000 Kilometer.

Wie haben eure Eltern auf eure Pläne reagiert?

(Schweigen)

Tobi: Ich habe es erst erzählt, als wir uns schon definitiv entschieden haben, die Rally zu machen. Und zwar, ich glaube, bei einem Familienessen. Mein Vater hat gar nichts gesagt, der hat nur den Kopf geschüttelt. Die Reaktion meiner Mutter war wie folgt, ich zitiere: „Junge, ich dachte du wärst jetzt durch mit diesen ganzen verrückten Reisen und machst jetzt All-inclusive Urlaube. Aber: Komm halt heile wieder. Wo wollt da hin?“
Bei Mesi war es sehr ähnlich.

Caius: Meine meinten, dass es jetzt doch noch eine Prise exotischer ist als sonst, aber sie waren nicht besonders überrascht. Der Ton war eher: „Wenn es unbedingt sein muss, aber pass auf dich auf“. Und dann fragte meine Mutter, ob denn überhaupt jemand dabei ist, der Schrauben kann. Denn meine Stärke sei das ja nicht.

(alle lachen)

Tobi: Das kann ich jetzt schon bestätigen. Während der Rally können wir nicht zum Leuchtmittel wechseln in die Werkstatt fahren…

Was ist denn die größte Herausforderung an der Rally?

Tobi: Vermutlich die Sprachbarriere. Denn das Reglement der Rally beinhaltet ja unter anderem, dass das Auto mindestens 20 Jahre alt sein muss und maximal 1,2 Liter Hubraum haben darf. Das heißt, wir werden definitiv irgendwo liegenbleiben. Und dann müssen wir eben auch sprachlich klarkommen.
Und dass wir das Auto um jeden Preis wieder zurück in die EU bringen müssen.

Caius: Für mich ist es zum einen die lange Zeit im Team auf engem Raum. Und dann insgesamt die Zeiteinteilung: Zwei Monate sind viel, wenn man einfach durchfahren würde, aber wir wollen ja auch stoppen. Dann zu entscheiden, ob wir drei Tage Zeit für Teheran haben, oder ob zwei reichen müssen, das wird vermutlich am Anfang schwer. Wir möchten ja am Ende weder noch drei Wochen in der mongolischen Wüste totschlagen müssen, noch Tag und Nacht durchfahren müssen, weil die Zeit nach technischen Schwierigkeiten knapp wird.

Die nicht du beheben wirst, wie wir schon gehört haben. Wie sind die die Kompetenzen denn bei euch im Team verteilt und welche braucht man überhaupt?

Tobi: Vor allem Abenteuerdrang! Die Rally gibt es nun schon etliche Jahre. Letztes Jahr waren knapp 400 Teams am Start. Da waren einige sehr sehr Junge mit dabei, die haben ja noch weniger Erfahrung. Das muss man dann also mit Abenteuerlust und dem Verdrängen von Angst wettmachen.

Caius: Ich glaube, man muss einfach nett und offen sein. Die Rückkehrer erzählen alle total begeistert von der Gastfreundlichkeit in den Ländern. Man hat, selbst mit zwei linken Händen, gute Chancen, dass einem geholfen wird.

Und ihr wollt durch 20 Länder, die meisten sind keine klassischen Touristenziele. Dann habt ihr auch noch ein Auto dabei. Werdet ihr denn überall reingelassen?

Caius: Reinlassen sollten sie uns überall. Aber es wird ein bisschen wie bei Asterix, denn jedes Mal gibt es zig Formulare, die auszufüllen sind. Viele davon auch noch in kyrillischer Schrift. Da setze ich voll auf Tobi, der im Russisch-Anfängerkurs der Volkshochschule viel aufmerksamer war. Er wird es schaffen, die alle richtig auszufüllen.

Tobi: (nickt, skeptisch) Ja, kyrillisch…
Mittlerweile gibt es relativ viele Erfahrungsberichte, was man wo tun und was man lassen sollte. Tatsächlich hilft auch der deutsche Pass enorm – wir müssen von den ungefähr 20 Ländern nur für vier ein Visum beantragen. Das sind Iran, Turkmenistan, Tadschikistan und Russland. Das turkmenische wird erst an der Grenze ausgestellt, das ist also etwas Roulette. Russland ist schwierig, weil wir mit einem Kraftfahrzeug mehrfach ein- und ausreisen.

Herausfordernd stelle ich mir auch das Reisen in diesem kleinen Auto

Caius: … ohne Klimaanlage …

… vor. Passt ihr drei denn überhaupt mit geschlossenen Fenstern in den Polo?

Caius: Wir waren schon mal zehn Minuten am Stück zu dritt in dem Auto!

Tobi: Ja, das funktioniert, aber du hast Recht, es ist nicht so einfach. Wenn Mesi und ich vorne sitzen, müssen wir schon die Fenster runterkurbeln und die Ellbogen raushängen lassen. Sonst berühren sich die Schultern permanent über der Mittelkonsole. Es ist echt schmal, mal schauen, was uns da noch einfällt.

Und wir werden ja draußen schlafen. Wir haben uns jetzt gegen ein großes Zelt und für drei „Dackelgaragen“ entschieden, damit man wenigsten während der sechs Stunden Schlaf „alleine“ ist.
Und alle 10 Tage spätestens hätten wir gern ein Hotel mit Dusche.

Caius: Das wäre schön!

Dazwischen gibt es dann Duschen mit der Wasserblase? Wie lang ist denn eure Packliste schon?

Caius: Das wäre eine gute Idee. Wir machen morgen einen großen Planungstag, danach können wir mehr zur Liste sagen.  

Tobi: Zufällig habe ich vor der Firma jemanden getroffen, der ein Mongol Rally-T-Shirt von 2014 anhatte. Er hat uns einen guten Tipp gegeben: Jedes Teil muss für mindestens zwei Zwecke brauchbar sein. Also hacke ich nicht nur mit dem Beil, sondern nutze es auch als Hammer. Und auf dem Wagenheber kann man auch kochen – um ein abwegiges Beispiel zu nennen. Auch zu Vorräten hat er uns Tipps gegeben.

Caius: Zum Beispiel meinte er, dass 20 Liter Benzin und ein Kanister Wasser reichen. Also sehr wenig.

Ich habe viel Steppe vor Augen, das überrascht mich.

Tobi: Aber alle paar hundert Kilometer gibt es eine Tankstelle. Wir kommen nach bisheriger Erfahrung circa 600 Kilometer mit einem Tank. Das war aber ohne Dachgepäckträger, mit einer Person, ohne viel Gepäck, auf einer guten deutschen Autobahn und immer im Windschatten von LKWs… (lacht)

Was habt ihr denn bis jetzt schon vorbereiten müssen? In welchen Schritten seid ihr vorgegangen?

Caius: Wir haben letztes Jahr im Sommer mit dem Autokauf angefangen. Das hat relativ viel Zeit in Anspruch genommen, denn in der Preis-, Motor- und Alterskategorie finden sich nur wenige Autos, bei denen ich sage „ach, mit dem würde ich gern mal um die Welt fahren“.

Tobi: Jetzt haben wir den Polo 86c 2f mit 1043 Kubikzentimeter Hubraum und brachialen 45 PS, die an der Vorderachse zerren. Das wird echt spannend, aber es erfüllt die Regularien.

Caius: Und es sieht schön aus.

Tobi: Da bin ich anderer Meinung. Das Steilheck wäre für privat nicht meine erste Wahl gewesen.

Abgesehen vom drohenden Lagerkoller, auf welchen Part habt ihr keine Lust?

Caius: Auf Grenzübergänge und korrupte Beamte. Ich habe schon oft Probleme an Grenzen gehabt, ich versteh den ganzen Papierkram nicht und er ist so sinnlos. Das wird mit Auto und so vielen Grenzen nervig.

Tobi: Die Abwesenheit von Nasszellen bzw. Hygiene. Der Kommentar eines Teilnehmers „ach, ab Woche drei riecht man eh wie ein Obdachloser“ schwingt bei mir im Kopf noch nach…
Und das ewige Sitzen, das weiß ich jetzt schon, wird Rückenschmerzen verursachen.

Auf welches Land oder welchen Moment freut ihr euch am meisten?

Tobi: Auf den Iran. In der Presse überwiegen die negativen Schlagzeilen, aber alle Leute, die ich kenne und die da waren, sagen, dass die Iraner die gastfreundlichsten Menschen der Welt sind. Da bin ich wirklich gespannt.

Caius: Auch bei mir: Der Iran. Ich bin aber vor allem auf die „-stan“-Länder gespannt. Ohne die Rally würde ich da vermutlich nicht unbedingt hinkommen. Und die großen Weiten werden sicherlich sehr eindrucksvoll.

Acht Wochen reine Rallyzeit, plus Anreise nach Tschechien und die Rückreise, das ist ja mehr als ein normaler Jahresurlaub. Wie macht ihr das?

Caius (grinst): Gute Verhandlungen mit dem Arbeitgeber ermöglichen große Freiräume.

Tobi: Dadurch, dass die Firmen mittlerweile bemüht sind, gute Work-Life-Balance-Programme aufzulegen, war es tatsächlich nicht so schwer. Wir nehmen Urlaubstage und sind die restliche Zeit freigestellt, die Sozialleistungen laufen also trotzdem weiter. Es ist zwar mit viel Papierkram verbunden, aber es ist möglich.

Ihr habt beide nach der Rally-Anmeldung den Job gewechselt. Da war also klar, dass ihr fahrt. Wäre das in einem laufenden Vertragsverhältnis auch möglich gewesen?

Caius: Das kommt vermutlich auf den Arbeitgeber an. Der jetzige hat in den Verhandlungen noch mal abgeklopft, ob wir das WIRKLICH machen wollten. Als ihnen klar wurde, dass wir es machen WERDEN, fanden sie es eigentlich cool und haben direkt überlegt, wie sie mit Sponsoring oder Marketing unterstützen können.

Tobi: Beim vorherigen gab es sogar ein Programm dafür, ich nenne es liebevoll „Sabbatical light“. Dabei wird ein Teil der Arbeitszeit auf ein Extra-Konto eingezahlt, die man dann als Block nehmen kann. Natürlich bedarf es dann mehr Vorbereitungszeit. Wir haben 1,5 Jahre vor Start mit dem Einzahlen angefangen.

Und Mesi?

Tobi: Er kommt noch einmal aus einer ganz anderen Branche, hat ein gutes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Nach trotzdem zähen Verhandlungen durfte er jetzt die Überstunden anhäufen, die er sonst ausgezahlt bekäme. Außerdem nimmt er seinen nahezu kompletten Jahresurlaub dazu.

Wäre es einfacher gewesen, wenn es eine weniger verrückte Geschichte gewesen wäre?

Caius: Ich glaube, die verrückte Geschichte hilft eher. So ist sofort allen klar, dass es eine Challenge ist, die man einmal im Leben macht. Wenn ich gesagt hätte, dass ich drei Monate Camping am Bodensee machen möchte, dann wäre der Erkläraufwand vermutlich höher gewesen.

Können wir euch bei der verrückten Geschichte folgen, habt ihr eine Marketingstrategie?

Caius. Wir überlegen gerade technisch, ob und wie wir dauerhaft live unseren Standort senden können und wie es dem Auto geht. Ein Auto in der Cloud…

Tobi: Ein wenig sind wir gezwungen, etwas wie einen Blog zu betreiben. Wir brauchen Sponsoren und könnten mehr Unterstützung brauchen, denn wir müssen Geldmittel eintreiben.

Was meinst du damit?

Caius: Ein Nebeneffekt der Rally ist, dass sie wohltätige Organisationen unterstützt. Die Organisatoren haben für dieses Jahr Cool Earth vorgegeben, die gegen den Klimawandel arbeiten. Dafür treiben wir 500 britische Pfund auf, genauso wie für eine frei wählbare Hilfsorganisation. Da haben wir uns die DKMS ausgesucht, die Blutkrebs bekämpft.

Tobi: Die DKMS deshalb, weil ein ehemaliger Kollege von uns an Leukämie erkrankt ist. Er hatte nach der Chemo einen massiven Rückfall und bekam vor ewa einem Jahr eine Knochenmarkstransplantation. Wenn man sich dann so zwangsläufig damit beschäftigen muss, merkt man auch erst richtig, wie verrückt das eigentlich ist. Ein Toppits-Beutel voller Glibber – mal leger gesprochen – ermöglichte, dass er jetzt wieder herumspringen kann und seine Frau und sein Kind betütteln. Das ist wirklich gut! Die Spende musste allerdings über den Atlantik geflogen werden, denn da kam der Spender her. Und eine Typisierung kostet immer noch 35 Euro, also ganz schön teuer. Da wollen wir helfen!

Das ist also eine Aufforderung: Über euch für die DKMS spenden …

Tobi: … und sich typisieren lassen!
Prinzipiell tuen wir der Umwelt mit der Reise in dem alten Auto nichts Gutes, aber die Herzensangelegenheit der DKMS-Spende rechtfertigt es dann doch ein wenig und gibt hoffentlich Karmapunkte.

Und wenn ihr dann nach euren drei Monaten Mongol Rally wiederkommt, werdet ihr wieder normal arbeiten gehen können?

Tobi: Das würde ich dann im Interview danach klären. Wahrscheinlich sind wir froh um ein bisschen Normalität, und dass wir uns nicht mehr die ganze Zeit sehen müssen.

Was glaubt ihr, wird am Ende von der Mongol Rally hängen bleiben?

Caius: Die Gastfreundschaft und die neuen Leute, die man kennen lernt. Egal, ob das Auto kaputt geht oder nicht. Die Leute werden es einmalig machen.

Tobi (denkt erst noch nach): Ich mag es, durch die Reise den Realitätscheck zu bekommen, wie gut es uns tatsächlich geht. Und nach diesen 20 Ländern zurück zu kommen und festzustellen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn die Bahn mal fünf Minuten Verspätung hat, oder hier und da das Auto liegen bleibt. Ich glaube das tut gut.

Dem kann ich nur zustimmen. Und ich freue mich schon auf unser Gespräch nach der Rally!

Mehr Informationen und die Spendenlinks gibt es auf www.teilzeitabenteurer.de, bei Twitter und bald auch auf Instagram.
Die Seite der Veranstalter (Motto: „Motoring stupidity on a global scale“) ist diese.

Die Jungs danken ihren Sponsoren, u.a. Fahrrad Beelmann, der neben monetärer Unterstützung, auch praktisch viel hilft, z.B. mit Aluminiumboxen fürs Autodach.
Und Inga Klas für die Fotos.
Unterstützung könnten sie noch bei (Auto-)Aufklebern brauchen…!