Ich bin sehr gerne Zug gefahren. Schade, dass es rum ist. Macht mich auch ganz wehmütig, wenn ich von irgendwo her Zugpfeifen höre…

Meistens hab ich gut geschlafen, die Landschaft anschauen und Mitfahrer beobachten war toll und vor allem: in der offenen Tür stehen oder sitzen! Ein paar Fotos gibts ganz unten.

Durchsagen am Bahnsteig beginnen mit einem Tusch. Durchsagen im Zug gibt es nicht – wieder sind Google Maps und die Bahn-App von unschätzbarer Hilfe, um trotzdem am richtigen Bahnhof auszusteigen. Nachts kann man ja die schlafenden Mitfahrer nicht fragen und die mögliche Verspätung hilft auch nicht …

Ich liebe es, wenn die Lautsprecherstimme einen Superfast Express-Zug ankündigt. Es klingt so schön. Hier ein Ansagen-Beispiel.

Der Argentinier im Bus von Pokhara zur Grenze sagte den Satz „Indische Bahnhöfe verwandeln sich nachts in Flüchtlingscamps – zumindest sieht es so aus„. Der Satz tauchte immer wieder in meinem Kopf auf, denn: ja, es rollt einfach jeder seine Decken aus und legt sich irgendwo hin (Bahnsteig, Bahnhofshalle, Straße vor dem Bahnhof, völlig egal) und schlafen. Zur Hochzeit der Flüchtlingswelle bin ich mal spätabends in Stuttgart am Hbf angekommen, da sah es genauso aus.
Die Inder picknicken aber auch noch auf dem Bahnsteig, ein Kind pinkelte seelenruhig (ja, auf dem Bahnsteig). Man lebt halt, wo man gerade ist. Ich habe auch mal eine Frau in der Bahnhofstoilette getroffen, die dort ihren Sari von Hand gewaschen hat.

Die Brücken zu den Bahnsteigen heißen (wunderschön) foot over bridge.

Zugfahren ist in Indien komplizierter als in Deutschland. Es gibt glaube ich 8 verschiedene Klassen bzw. Wagentypen und ein Zug ist gern mal 22 Waggons lang. Es gibt sehr viele Züge – aber halt auch über eine Milliarde Inder. Plus Touris. Und alle fahren Zug. Dementsprechend sind die Züge leider oft tage/wochenlang im Voraus ausgebucht. Auch faszinierend, dass manche Züge länger als 24 Stunden von Start zu Ziel unterwegs sind. Durchschnittsgeschwindigkeiten sind 30-50 km/h, also so wie auf der Straße.

Auch beim Ticketkauf gibt es verschiedene Stufen mit unterschiedlichen Wartelisten und z.B. dem Status Reservation against cancellation – d.h. ich darf in den Zug, muss mir aber vielleicht die Liege mit jemanem teilen.

Hat man aber ein Ticket, ist es recht komfortabel! First AC bin ich nie gefahren, aber Second AC (die zweitbeste Klasse). Abends werden, schön in einer Papiertüte verpackt, Bettücher, Kissenbezug und ein Handtuch ausgegeben, zusammen mit einer groben Wolldecke (dafür war ich in Rajasthan sehr dankbar). Ein Kissen gibt es auch. Die restlichen Passagiere interessieren sich hier nicht sonderlich für Ausländer – die meisten sind sicher selbst schon gereist/haben Geschäftskontakte in den Westen.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich in Bikaner. Für meine Fahrt nach Agra hatte ich mal wieder einen Wartelistenplatz innerhalb der General Quota (es gibt auch noch Senioren / Ladies / Foreign Tourists / Tatkal (last Minute Tickets, die mehr kosten). Ich MUSSTE in diesen Zug, sonst wäre mein Rest-Rajasthan-Plan nicht aufgegangen. Und da wurde mir von mehreren Personen von der Emergency Quota erzählt. Ein paar Plätze in den guten Klassen werden freigehalten, falls wichtige Personen kurzfristig einfällt, dass sie in diesen Zug müssen. Normalerweise glaube ich eher für Militär und Politiker. Aber im Zweifel auch für Touris. Dafür muss man sich allerdings bei einem speziellen Manager (Bezeichnung leider direkt wieder vergessen) „bewerben“, sprich ein Formular ausfüllen und – natürlich – den Pass fotografieren lassen. Es war ein Abenteuer. Ich wurde von Büro zu Büro in diesem Bahnhof geschickt, habe einen Chai mit dem Station Manager getrunken, und bin schließlich in einem Technikraum gelandet (es blinkten Weichenstellungen etc.). Die beiden anwesenden Mitarbeitern hingen am Smartphone. Und konnten kein Englisch. Haben trotzdem verstanden was ich wollte (mittlerweile hatte ich einen Zettel) und dann hat mich das Mädel aufgefordert ihr zu folgen. Wir sind zu ihrem Auto gegangen. Ich hatte eigentlich verstanden, dass es Gehweite ist… Und steig nie zu fremden ins Auto! Hab ich trotzdem gemacht. Wir sind auch nur 300 Meter gefahren. Dann waren wir in einrem weiteren großen Gebäudekomplex und ich wurde von mehreren Leuten ins hinterletzte Büro geführt. Da war ich richtig! Auf dem Formular musste man auch den Emergency-Grund angeben… äääähhmmm. Einer der anwesenden Jungs hat es unterschrieben und gesagt ready. Damit war ich entlassen, wusste aber noch nicht, ob ich im Zug sein werde. Zwei Stunden vor Abfahrt, im Rahmen der Chart Preparation (Vergabe der letzten Plätze) sagte mir die App, dass ich einen Platz habe. Yeah!

Dann später im Zug: Als ob sie sich abgesprochen haben, fangen um Punkt 21 Uhr alle an ihr mitgebrachtes Abendessen auszubreiten. Zuerst eine halbe Zeitungsseite pro Person als Unterlage. Dann die Chapatis aus dem Edelstahlbehälter nehmen und ab dem Zeitpunkt gibt es Unterschiede. Zwischen noch mehr Edelstahlbehältern oder Plastikverpackungen. Auf jeden Fall ist das Essen – natürlich – mehrkomponentig. Von der Dame unten gegenüber werde ich entsetzt gefragt, was denn mit meinem Essen ist. Sehr süß. (Ich hatte ein kombiniertes Mitag/Abendessen vor der Zugfahrt)

Ansonsten laufen aber auch an jeder Station (und teilweise zwischendrin) Verkäufer durch den Zug (ein Bordbistro gibt es nicht) und bieten regionale Kost (es hat von Zugstrecke zu Zugstrecke variiert!), Wasser und Chai feil. Die sind aber auch oft im Stechschritt unterwegs, man muss sich schon beim allersten Chai, chai, chai, garam chai, chai, chai, chai-Klang in den Gang werfen :).

Irgendwann hat mir Ixigo eine Nachricht gepusht, die ich nicht richtig gesehen hab, bevor ich sie nur halbabsichtlich weggedrückt habe. Sie lautete, wenn ich es richtig gelesen habe, „alle Bahnübergänge jetzt beschrankt!“ Was sich im ersten Moment nach einer grandiosen Leistung anhört (und ich denke gerade an Lind auf der Zugstrecke Ebern-Bamberg), ist eher ein Scheinerfolg. Denn die Inder lassen sich von geschlossenen Schranken ja nicht aufhalten. Es braucht also trotzdem noch Polizisten, auf die auch keiner hört – somit kann der Zug auch nicht schneller fahren… Hier ein Video-Beispiel (ich konnte erst aufnehmen, als der Zug wirklich schon da war, vorher hat sich ja noch alles bewegt und ich saß auf dem Roller. Aber zum Ende des Zuges sieht man die indische Disziplin :))

Ein paar Fahrten habe ich auch in der Sleeper-Class gemacht. Oft besteht ein Zug zu 2/3 aus Sleeper-Wägen (ohne Klimaanlage; mit heißt es 3rd AC – die Wagenaufteilung ist gleich). Hier gibt es 3er-Stockbetten, das mittlere wird nur nachts aufgeklappt, damit man sitzen kann. Es gibt keine Decke und bei den nicht klimatisierten Wägen gibt es Gitter und Fenster, die man (im Idealfall) öffnen und schließen kann. Wenn es aber nicht richtig schließt, kann es ganz schön kalt werden. Ich habe auch die Decke auf der Fahrt von Udaipur nach Mumbai sehr vermisst!

So sieht eine Ortsdurchfahrt aus / klingt sie (auf der Fahrt von Mysore nach Tirumala).

Bei meiner letzten Zugfahrt (von Trivendrum nach Varkala, nur 50 Minuten, zugegebenermaßen) habe ich dann für ein weiteres Häkchen auf der Indienliste genutzt: ich bin General Class gefahren. Die billigste. Die Plätze dort kann man nicht reservieren, hier fahren die, die sich nicht mehr leisten können oder wollen (also viele). Die Fahrt nach 10 Rupien / 12 Cent gekostet. Zufällig bin ich auch direkt ins Ladies Abteil gestiegen. Sehr gut! Weil ich schon eine Dreiviertelstunde vor Abfahrt da war, habe ich einen Sitzplatz bekommen. Und das, was bei uns eine 3er-Sitzbank ist, kann auch 7 beherbergen. Zwischen den Sitzreihen stehen dann auch noch welche. Und im Abteil nebenan hat sich tatsächlich eine Frau in die Gepäckablage über den Sitzen gelegt. Da hatte sie defintiv am meisten Platz… Im Vergleich dazu, wie manches Tuktuk beladen wird (>10 Personen) war unsere Abteilbefüllung vermutlich noch harmlos. Aber ich war froh über die kurze Strecke. Ich konnte nicht mal meine Füße anders stellen und es war mit der Zeit verdammt unbequem.