Und was sollte man machen, wenn man von den Indern genug hat?! Genau, da hingehen, wo ausschließlich Inder sind und zwar besonders viele.

Eine Nacht im Zug hat mich weit in den Osten gebracht, an den zahlemäßig angeblich zweitgrößten Pilgerort der Welt (nach dem Vatikan) – den aber außerhalb Indiens keiner kennt :). Habe heute genau zwei weitere Westler gesehen. Im Schnitt kommen 75.000 Menschen pro Tag nach Tirumala (zu den Highlightfesten sind es 500.000) und der Tempel hat so viele Mitarbeiter wie TRUMPF weltweit. Aber von vorne:

Die Reiseführer sprachen von einem netten Treppenweg von Tirupati (wo man ankommt) auf den Berg nach Tirumala (wo der Tempel ist). Da bin ich natürlich dabei! Was sie nicht sagten ist, dass auf den gut 10 Kilometern 3500 Treppenstufen zu bewältigen sind, und die ersten 2000 kommen als quasi durchgehende Treppe… Weil es ja pilgern und Tempelweg ist und so geht man … barfuß (ich hab meine Schuhe nach dem ersten Treppenmarathon wieder angezogen, ich kann das nicht). Unter den Indern ist man anscheinend der Meinung, dass jeder, der in ebenem Gelände 10 Meter alleine laufen kann, fit genug dafür ist. An Treppenstufe 1002 steht ein Kleinkind und heult erbärmlich. Verstehe ich, würde ich an seiner Stelle auch. Ohne das Treppengeländer würde es die gut beleibten Inderinnen wohl nicht hochschaffen. Und die alten Leute… Aber die Rastplätze sind zahlreich, genauso wie die Essensverkäufer unterwegs. Fürs leibliche Wohl ist gesorgt!

Das eigentliche Ziel ist der darshan im Venkateshavara-Tempel (de facto: einmal DIE Götterstatue sehen). Als „normaler Inder“ steht man dann stundenlang in einer von vielen vergitterten Schlangen, die kunstvoll die Menschenströme lenken. Mir wurde gesagt, ich soll die NRI-Schlange (non residential Indians) suchen. Da waren außer mir noch ein paar Exil-Inder und schwups, war ich drinnen. Naja, fast. Erst musste ich noch Schuhe, Kamera, Handy und Smartwatch abgeben. Und dann war es doch zu früh gefreut. Da kam die nächste Schlange. Wir immer weiter mit anderen Schlangen verschmolzen und … nach einer Stunde war ich am Ziel. Gut, dass mir diese Götterstatue nichts bedeutet, ich hab sie nämlich nur eine Zehntelsekunde gesehen, dann wurde ich (wie alle anderen auch) von den Tempelwärtern weitergeschubst (wirklich!). Leider war der Weg nach draußen nicht so gut organisiert wie der rein, ich hatte einige Schmirgelpapierfüße auf meinen stehen und bin froh, dass ich die Inder nicht so groß sind, ich hab noch Luft bekommen. Zum Trost gibts am Ausgang ladoo für die Pilger, eine spezielle Süßigkeit und sehr lecker.

Geschichkte mythologische Verknüpfungen erfordern es, dass der Pilger spendet (damit Wünsche in Erfüllung gehen und so). Klar, Bares geht auch, aber besonders gut ist es, wenn man hier seine Haare spendet (die dann natürlich weiter verkauft werden). Mein Reiseführer spricht von 25.000 Spenden täglich = eine Tonne Haare. Das sorgt dafür, dass die Tempelverwaltung in Geld schwimmt und u.a. Krankenhäuser, Schulen und eine Uni betreibt. Dieser Tempelkomplex ist eine kleine Stadt.

Und es war in der Tat faszinierend, diesem ganzen Treiben zuzuschauen. Der Reis z.B. wurde am laufenden Band in Loren aus der Tempelküche herausgefahren. Leute zu beobachten und mich beobachten zu lassen. Hier war alles so unaufdringlich entspannt.

Nach den 315 Etagen (laut Fitbit) und all dem Schauen war ich so erledigt, dass ich schon im Bus zurück nach Tirupati eingeschlafen bin.