Sehr sehr gegensätzlich ist das hier. Der Zug kam am Morgen pünktlich genug an, dass ich zum Guesthouse fahren konnte, meine Sachen ablegen, die langwierige Check-In-Prozedur (Passkopie, Visumkopie und normalerweise Eintrag der gleichen Daten jeweils in ein Formular und ein Buch – ist überall so) hinter mich bringen konnte UND noch rechtzeitig genug fürs Sonnenaufgangslicht am Taj Mahal zu sein. Im Winter ist es hier meist etwas neblig – so auch jetzt an beiden Morgen – das war dem Licht aber eher zuträglich. Mein Lieblingsfakt zum Taj Mahal ist, abgesehen von dieser tragischen Liebes- und Lebensgeschichte dahinter, dass die Dekominarette außenrum alle leicht nach außen geneigt sind. Und zwar: damit im Falle eines Erdbebens die Türme nicht aufs Hauptgebäude fallen. (Böse Zungen behaupten, das war nicht so geplant und die Neigung kam im Laufe der Zeit…)

Und ja, dieses Gebäude ist wirklich wunderschön. Alles dort ist wunderschön.

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Guesthouse bin ich in die andere Richtung losgezogen. Und habe mich gewundert, warum am Ende der Straße ein Tor ist. Ich klettere hindurch und – stehe in einer Vorstufe zum Slum (zumindest in meinen Augen). Aha, deshalb das Gitter. Schon die normalen Altstadtstraßen in den rajasthanischen Städten sind gerne mal zwischendurch ungeteert / ein Riesenmüllhaufen / aufgerissen / Baustelle / überschwemmt / Lebensraum. Aber hier war quasi alles auf einmal. Und es ewig gedauert, bis ich wieder rausgefunden hab (= wieder vor einem Taj Mahal Eingang stand). Gefährlich hat es sich nicht angefühlt, aber die Ansprechrate hat sich um 300% erhöht. Und ich musste doch so aufpassen wo ich hintrete. Gewundert hat mich, dass hier auch noch eine Haus-/Wildschweinmischung recht zahlreich unter den Hunden und Kühen gelebt hat. Dabei war das Viertel relativ muslimisch. Dachten die sich – wenn die Hindus ihre Kühe hier rumlaufen lassen, dann wollen wir Schweine? Sind die nicht aber verboten, weil sie „schmutzig“ sind, im Gegensatz zu den heiligen Kühen?

Agra Fort ist tatsächlich sehenswert – verrückt, was und wie die hier im Laufe der Zeit gebaut haben! – und das Baby Taj (auch ein Mausoleum) ist wunderbar friedlich. Die Gärten lohnen sich nicht so. Und bei jeder Tuktuk-Fahrt waren rechts und links wieder diese runtergekommenen Wohngegenden. Und die Sehenswürdigkeiten so geschleckt. Ich bin nicht damit klar gekommen.
Ich war ganz schön mitgenommen von meinen Erlebnissen und Besichtigungungen und habe immer noch mit mir debattiert, ob es okay ist, dass alle Nicht-Inder in jeder Sehenswürdigkeit in Agra 10x so viel zahlen wie die Inder (wir reden im Fall vom Taj Mahal von 16 Euro, sonst von 3-5 Euro. Also eher deutsche Verhältnisse, als mich mein Tuktuk-Fahrer fragt, ob ich das Steuer übernehmen möchte. Und ob ich seine Schwestern kennen lernen möchte, denn er wohnt gleich hier (und deutet die Straße runter, in ein noch slum-artigeres Viertel). Ich kann nur den Kopf schütteln.

Zurück in meiner heilen Touriwelt habe ich abends im Guesthouse gegessen – es war noch ein deutsch-spanisches und ein Pärchen aus Singapur da. Und wir wurden gemästet. Es war aber auch das leckerste Daal bisher überhaupt. Diese Unterkunft ist definitiv der Himmel von Agra.

Jegliche weitere Entdeckungslust hält sich hier allerdings in Grenzen. Ich bin auch auf der „so schnell wie möglich wieder weg von hier“-Seite und würde vielleicht sogar sagen, dass man sich Agra (und damit auch den Taj Mahal) komplett sparen sollte. Ist natürlich genau wie mit dem Everest Base Camp, wenn man halt schon mal in der Nähe ist…

Agra Empfehlungen

  • Sunita Home Stay – sowohl beim Frühstück als auch beim Abendessen wurde reichlich Essen nachgebracht und es war alles sehr sehr lecker. Zimmer sind okay, sind halt Pappwände – man hört alles aus dem Nebenzimmer. Taj-Blick von der Dachterrasse.