Vorabnotiz: Es ist ein etwas ausführlicherer Bericht. Die Kurzversion: Bunt! Anstrengend! Weniger Tanzen als gedacht. Sehr viel getrennte Vorbereitung und Zeremonien. Ein großes Familienfest! Und sehr viele Fotos durch die offiziellen Fotografen, weshalb ich selber nicht/kaum fotografiert hab. Das wenige vorhandene Material (danke, Thorsten!) gibts inline.

Der weltbeste Tuktukfahrer bringt mich in Varanasi zum Flughafen und ich habe einen Schal um den Kopf und die Daunenjacke komplett zugezippt. Mir gehts scheiße. Fieber, schwach. Ich wäre lieber zu Hause. Tee, Sofa, Bett, schlafen, Ruhe, unbegrenzter Nachschub an T-Shirts und Bettwäsche zum Wechseln der durchgeschwitzten Kombi, das wäre schön. Aber nein. Der Flieger hat Verspätung, ich lande in Ahmedabad, Sanket holt mich ab und ich gehe erst mal schlafen.

Sanket, der Bräutigam, ist mein Arbeitskollege, aus einer anderen Abteilung. Als ich ihm von meinen Indienplänen (= ich fliege hin, ich schau mal) erzählt habe, meinte er: „also, für den 13. Dezember hast du jetzt schon was vor, da bist du nämlich auf meiner Hochzeit“. Äh. Ja!!! Thorsten und Tobias sind ganz explizit für die Hochzeit ebenfalls hier. Uns hat Sanket sogar eine Excel-Liste gemacht, was an welchem Tag wo stattfindet – so eine Hindu-Hochzeit beinhaltet nämlich echt viele Rituale.

 Bevor es aber damit losging, war ich am ersten Abend mit einer Cousine und ihrem Mann shoppen. Sanket hatte schon durchblicken lassen, dass es gut ankommen würde, wenn wir uns in indische Fummel schmeißen würden. Er hatte so Recht! Es hat die Türen noch weiter geöffnet!  Ein Sari wurde mir jedoch von den beiden direkt als viel zu kompliziert und unbequem ausgeredet. Also gut, dann ein One-Piece, ein Kleid. Mindestens bodenlang und Unmengen Stoff. Die meisten Modelle mit viel Glitzer und/oder Stickerei. Es wird erst mal ein ordentlicher Stapel vor einem ausgebreitet, dann werden Muster, Farbe und Stoff entweder für gut befunden, oder halt nicht. Mit den „guten“ Exemplaren geht es in die Umkleide. Und währenddessen sind immer noch mehr Teile aufgetaucht… Drei Läden später hatte ich ein Kleid ausgesucht (Änderungsservice ist im Preis inbegriffen) und außerdem noch eine Salwar Kameez (Kombi aus Tunika, Hose und Tuch – das gibt es von alltagseinfach bis ultraschicki). Der local support und die Dolmetschtätigkeiten waren so hilfreich – ich hätte angesichts dieser unfassbaren Auswahl keine Ahnung gehabt, was auch adäquat für eine Hochzeit ist.

auch in Deutschland wieder verwendbar…

Die Vorbereitungs-Zeremonien

Am nächsten Morgen (und ich weiterhin sehr schwach auf den Beinen) ging es schon morgens mit den Zeremonien bei Sanket los. Ruchi, die Braut, würden wir übrigens erst in der Nacht am Tag darauf treffen, die Vorbereitungen werden getrennt voneinander gehalten. Tobias und Thorsten sind auch eingetroffen und wir bekommen bei der puja auch rote Farbe und Reis auf die Stirn, schwenken das Tablett mit Blumen und Kerzen, verteilen den Rauch über uns und und und… Der spaßige Teil ist haldi, dabei wird der Bräutigam von den Anwesenden mit einer Kurkuma-Mischung eingeschmiert (Kurkuma ist gut für die Haut – und er soll ja schön für seine Braut sein). Am Anfang noch zaghaft und eher zeremoniell (es war ganz gut zu sehen, dass die ganzen anderen Jungen auch nicht wussten, wo wie was…). Dauerte aber nicht lange, da waren ihm T-Shirt und Unterhemd wortwörtlich vom Leib gerissen und Sanket sehr gelb…

Für ihn wurde es danach ein langer Vormittag, denn waschen darf er sich nur mit dem gesegneten Wasser aus dem Tempel. Wasserholen war denn auch die nächste Zeremonie. Da sind eigentlich die Schwestern für zuständig – er hat keine, also die Schwägerin, unterstützt von den anderen anwesenden Frauen. Der Krug muss auf dem Kopf getragen werden und ein „Baldachin“ wurde auch drüber gespannt. Außerdem war auf einmal eine vierköpfige Trommelband anwesend – die klang wie 40 Mann. Da ging es also los mit dem dancing in the streets! Was wir zu diesem Zeitpunkt alles noch nicht wussten: 1. Es würde nur einmal um den Block gehen. 2. Der „Tempel“ war in dem Fall der Wasserhahn bei einer Nachbarin. 3. Die 250 Meter Weg würden uns eine Stunde beschäftigen (Learning: Tanzen ist die langsamste Fortbewegungsart in Indien). Sehr sehr schön war es, wie sich aber alle, ungeachtet ihres Alters, ins Tanzgetümmel gestürzt haben!

geschafft! Der Wasserkrug ist fast bei Sanket

Während Sanket sich dann endlich waschen durfte (in diesem Krug war schätzungsweise ein halber Liter Wasser. Natürlich hat er einfach geduscht.), ging es mit mehendi für die Frauen weiter. Es kamen vier Frauen, die uns in Lichtgeschwindigkeit und wunderschön das Henna aufgetragen haben. Es mussten auch alle in den folgenden Tagen mal schauen, wie sich das auf meiner weißen Haut macht.

Abends war dann noch (dafür das Kleid) DJ-Party. Da war ab 20 (Bollywood-)Musik, wieder waren ALLE auf der Tanzfläche… So ab 20:30 gabs dann auch was zuessen. Um 22:30 waren alle satt und keiner hat mehr getanzt. Und um 23 Uhr war es vorbei. Ah ja, und, hab ich erwähnt, dass in Gujarat (Staat in Indien, Ahmedabad ist die Hauptstadt) Prohibition herrscht?! Also alles nüchtern. Und – das fand ich am befremdlichsten – die gesamte Getränkeauswahl an diesem Abend war Wasser (unbekannter Herkunft) und ein grünes Getränk, das unerwartet süß-salzig-sauer geschmeckt hat (Zucker, Salz, Limetten, Minze und vielleicht ein bisschen Orange). Gegenüber vom Hotel, in dem die Party stattfand, gab es einen Getränkestand: die erste Cola dieser Reise hat mich in diesem Moment gerettet.

Der Haupttag

Mittags ging es los mit Essen bei Sanket. Hier haben sich alle getroffen und wurden dann auf zwei Busse und mehrere Autos verteilt. So ging es dann ins gut 100 Kilometer entfernte Vadadora, wo die Braut herkommt. In Hotel 1 war der Programmpunkt snacks & change clothes. Damit waren wir relativ schnell fertig (außer Lippenstift, Kajal und Wimperntusche hab ich kein Schminkzeug dabei, mit den Haaren lässt sich aktuell nicht viel machen und ich konnte mich auch nicht in letzter Sekunde dreimal zwischen den mitgebrachten Outfits hin und her entscheiden…) – das sah bei den Inderinnen anders aus :). Übrigens: Schuhe haben so gar nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Man kan ein schönes Hemd und eine gebügelte Hose und blaue Plastikflipflops anhaben. Oder einen wunderschönen Glitzersari, Glitzerschmuck in/an Haaren, Ohren, Händen und Hals, Glitzerflipflops tragen und dazu geringelte Zehensocken. Insofern war ich mit meinen auseinanderfallenden Birkenstocks zwar nicht typisch, bin aber nicht negativ aufgefallen.

So. Erste Zeremonie: Sanket bekam einen Paschahut auf und einen Perlenvorhang vors Gesicht. Der wurde dann aber auf den Paschahut gelegt, wo die Schnüre bei der geringsten Kopfbewegung von ihm wieder runtergerutscht sind… Aber er musste ja sehen können, wer ihm da die Geldketten umhängt. Das ist familienweise geschehen und natürlich wurde immer ein Foto gemacht.

Als  das durch war, ging es los zu Hotel 2. Dort wartete eine diesmal ungefähr 20köpfige Band auf uns, zudem noch verstärkt durch zwei Megafone… Da hat man dann wirklich kein Autohupen mehr hören können, während wir die 150 Meter (Sichtweite!)/ eine Stunde zu Hotel 3 getanzt sind, wo die Wedding ceremony stattfinden würde. Sanket ist während unserer Tanzerei auf einem Schimmel hinter uns hergeritten. Die Braut hat das Spektakel aber nicht mal zu sehen bekommen! Eigentlich wird dieser Teil auch noch von einem Feuerwerk begleitet, das hat Sanket aber boykottiert, er wollte schon das Pferd nicht und hat alle Durchgeh-Möglichkeiten abstellen wollen.

Vor dem Hotel waren wir wiederum seeehr lange. Oben an der Treppe hat uns Ruchis Verwandtschaft empfangen. Auch hier gab es wieder Zeremonien (Mutter und Mutter begrüßen sich, Vater und Vater, … mit Blumenketten und roten Punkten). Und Fotos. Natürlich. Irgendwann durfte die Masse eintreten und dann gab es das erste Bollywood-Spektakel, denn der Eintritt in den Saal muss erst mal gewährt werden. Da wird quasi noch mal über den Brautpreis verhandelt und das machen die Geschwister und Freunde. Sehr schade, dass wir das nicht verstanden haben.

Während alle gegessen haben, ist dann auch Ruchi aufgetaucht, eingehüllt in Rot und sehr viel Gold, und bevor sie zu Sanket auf die Bühne durfte musste noch mal lautstark diskutiert werden (Bollywood 2). Dann gab es die erste Möglichkeit dem Brautpaar zu gratulieren.

Bollywood 2

Wie geplant ging um Mitternacht (!!!) dann die eigentliche Zeremonie los. Von den vielleicht 300 Gästen waren zu diesem Zeitpunkt schon nur noch 100 da (die, die auf den Bus zurück warten mussten :). Abgesehen von den Elternpaaren, die involviert waren, hat sich niemand sonderlich für das Geschehen unter dem Baldachin interessiert. Es dauerte auch noch eine gute Stunde, viel Reis, Geldscheine und Blumen werfen, bis das Herzstück kam: das Brautpaar muss sieben Mal um das Feuer herum, dann ist es geschafft. Ganz so einfach ist das nicht (die beiden waren aneinander gebunden und mussten Positionen tauschen etc.), aber das siebte Mal hat dann doch jeder mitbekommen. Jubel, Klatschen!

sehr frei interpretiert kann man sagen, dass die Ringe durch eine Kette für die Braut ersetzt wird

Die Brautseite klaut dem Bräutigam im Laufe des Abends die Schuhe (einfach, bei der Zeremonie muss er sie ja ausziehen). Die müssen dann (gegen Geld) wieder ausgelöst werden, das beinhaltet aber natürlich auch hitzige Diskussionen (Bollywood 3).

ja, ich bin genau so fertig wie ich aussehe. Und schade, dass man die pinke Hose nicht sieht…

Anschließend musste das Brautpaar, das schon während der Zeremonie gegen zufallende Augen gekämpft hat, noch zum Haus von Ruchis Eltern, wo die Braut dann in einem weiteren Ritual an den Bräutigam übergeben wird (das ist quasi nur dieExekutive, eigentlich ist das schon während der Zeremonie passiert). Am nächsten Morgen (weiteres Ritual) musste die Braut dann in ihrem neuen Haus (also bei Sankets Eltern) als neues Mitglied empfangen werden. Das haben wir aber alles ausgelassen und sind schön nach dem Schuhklau ins Auto gestiegen und um 5 in Ahmedabad ins Bett gefallen…

Dann war erst mal ein Erholungstag.

wedding recption (der Abschluss zwei Tage später)

Die Menschen:

der Großgroßonkel: 90 Jahre alt, leicht dement, hat noch einen Zahn (mehr sind zumindest nicht sichtbar), aber der erste auf der Tanzfläche! So charmant! Er spricht gutes Englisch – er hat die Briten auch noch ne ganze Weile miterlebt – hat aber manchmal auch auf Hindi mit uns gesprochen (das aber nicht gemerkt). Er ist offensichtlich sehr zufrieden mit sich und dem Leben. Der Rest der Verwandtschaft hat ihn machen lassen. Wunderschön zu sehen.

Sankets Bruder und seine Frau wohnen in New York. Die beiden waren natürlich sehr in die Orga mit eingespannt, haben sich aber viel Zeit genommen, uns alles mögliche zu erklären und ein Schwätzchen zu halten.

Genauso wie die „Londoner“. Die Verwandtschaft hat sich ganz gut verteilt :). Vor allem bei ihr hat man aber auch gemerkt, dass sie schon lange aus Indien weg ist. Tanzen fand sie nicht so, er dagegen sagt „Dancing is a shortcut to happiness“ und war immer vorne mit dabei.

Dann gab es noch jede Menge (Groß-)Tanten. Die haben sich alle gefreut, dass mir das Essen offensichtlich geschmeckt hat. Manche Sachen sind überall gleich. Sie haben sich auch alle sehr gefreut, dass ich sogar in zwei indischen Outfits aufgetaucht bin, es hagelte Komplimente – und danach noch mehr Fragen, ob ich nicht noch was essen möchte. Dass ich mich so offensichtlich übers Henna so gefreut habe, fanden sie auch toll. Gemeinsam wurde sehr darauf geachtet, dass wir wirklich alles mitbekommen, was zu einer Hochzeit dazu gehört. Das bedeutet: Tanzpausen gab es keine! Zack, wurde man wieder mit ins Geschehen gezogen. Ich hab sie alle in mein Herz geschlossen.

Saddam Hussein: ist er natürlich nicht, er heißt auch nicht so, aber er sieht so aus. Er ist am DJ-Abend noch um uns rumgeschlichen und hat Fotos gemacht. Am Haupttag ist er dann aufgetaut und hat auch mehr mit uns gesprochen. Das war schön und für mich so hervorragend, weil man ihn leicht wieder erkannt hat…

Die Kinder: das war eine Überraschung. In der engeren Verwandtschaft, die immer da war, gab es drei. Zwei von denen waren ungefähr 4 und sie klebten, wie die größere (8 oder so) an ihren Eltern. Gut, die wohnen auf drei unterschiedlichen Kontinenten, aber es gab so gar keine Interaktion. Das hat mich überrascht. Aber man kann auch mit Kind auf dem Arm tanzen…

Das Brautpaar

Ich muss mit ein paar Fake News aufräumen, die ich unwissentlich vorab verbreitet habe.

Sankets Mama fand, dass der Sohn mit 30 schon mal heiraten könnte. Lapidar gesagt war wohl die Aussage: „Entweder du findest eine, oder ich such eine für dich!“ Sein Bruder hat Mama machen lassen, Sanket hat es selber hinbekommen 🙂

Ruchi war doch noch nie in Deutschland (noch nicht mal außerhalb des Bundesstaats), die Standesamtliche Trauung haben sie in der deutschen Botschaft/Konsulat in Indien gemacht.

Und am 26.12. landen die beiden in Deutschland. Sanket hat die Wohnung schon aufgerüstet und dann heißt es für sie: Deutsch lernen und Job suchen…