TAG 8: AKKLIMATISIERUNGSTAG: (CHUKUNG RI 5549 M)

Die Nacht brachte wilde Träume und wenig Schlaf. Südwand von Hansjörg Auer hate ich gerade angefangen zu lesen und war selbst auf Expeditionen. Anstrengend. Zum ersten Mal hatte ich auch diese kurzen Panikmomente, nicht genug Luft zu bekommen. Mein Ruhepuls ist mittlerweile bei ungefähr 80 (54 in D). Und dieses langsame Akklimatisieren fällt mir schwer, aber: nach heute ist es geschafft, denn ich war auf dem Chukung Ri (erster Gipfel – yeah!) und der ist so hoch wie die Pässe, also: check! Und wunderschön wars da oben, ein Traum!

Als ich zurück kam, waren auch Melanie, Jay und Jan (Holland, USA, Canada – und etwas erwachsener als die letzte Truppe ;)) angekommen, die meine Pass-Crew werden. Werde deshalb noch eine Nacht hierbleiben, die drei brauchen die Akklimatisierung ja ebenfalls. Und mir schadet sie sicher nicht…

TAG 9: IMMER NOCH CHUKUNG (ISLAND PEAK BASE CAMP, 4950 M)

Die drei sind heute auf den Chukung Ri geklettert, während ich zum Island Peak Base Camp spaziert bin. Der Berg ist nicht so besonders und die Lage des Camps an sich auch nicht – erst, wenn man die Moräne dahinter hochklettert und auf einmal ein gefrorener Gletschersee vor einem liegt… Wow!

Da wir morgen früh loswollen (um 6:30…), haben wir Frühstück und Lunchpaket vorbestellt und die gesamte Rechnung beglichen. Hier lief es so, dass jeder in seinem Büchlein selbst aufgeschrieben hat, was er hatte und wir haben es auch noch selbst ausgerechnet. Dem Lodgeherrn schien das nur Recht, man merkte, dass er an dem Rechnungsgedöns nicht so viel Spaß hat. Irgendwie gehörten wir auch schon zur Familie. Die machen in 2 Wochen für 2 Monate zu und überwintern in Kathmandu. Haben selber keine Lust auf ständig gefrorenes Wasser und dass Wäsche eine Woche zum Trocknen braucht.

TAG 10: ÜBER KONGMA LA PASS (5540 M) NACH LOBUCHE, 4900 M

Hui, das war nicht so einfach. Jay und Jan behaupten, dass es der anstrengendste Wandertag ihres Lebens war (ich halte da mal mindestens den ersten Tag im Torres del Paine und die Doppeletappe auf dem GR20 dagegen)… Aber auch wunderschön. Vor allem der Aufstieg und natürlich das Erreichen des Passes. In die Reihe der gesehen Tiere reihen sich noch der Himalayan weasel und der Tibetan snowcock (Namensgeber des Passes) ein.

Beim Abstieg bin ich fast verloren gegangen, als ich etwas zu konzentriert und glücklich von einem Stein zum nächsten gesprungen bin. Habe zurückgefunden :). Die letzte Stunde bestand aus der Überquerung einer geröllbedeckten Gletscherzunge. Wir konnten nicht mehr, wieder hat man sich von Stein zu Stein gehangelt und man wusste nie, ob man gerade an einer blau-grünen Gletschereiskante steht oder nicht und es hat gerumpelt… Wir sind ins erste Guesthouse gefallen.

Dann war es ein geselliger Abend mit einem 61jährigem Briten, der heimlich doch für den Brexit ist und Marta aus Barcelona, die übermorgen auf den Lobuche (über 6000m) steigt. Melanie ist auch wieder zu uns gestoßen, sie konnte doch nicht über den Pass, eine alte Unfallgeschichte ist bei ihr akut aufgetreten.

Und alles stinkt. Bis gestern ist mir das nicht aufgefallen, obwohl natürlich klar war, dass es so ist.

TAG 11: NACH GORAK SHEP, 5100 M, UND KALA PATTAR, 5554 M

Schon im Bett hörte man, dass es windig ist. Was an der Stelle noch nicht ersichtlich war: draußen herrschte Sandsturm. Staubig ist es ja überall ohne Ende, gibt also genug zum Herumwirbeln.

Gorak Shep ist der höchste und kälteste Punkt, an dem man in einer Lodge übernachten kann. Und genau da steigt man zum Sonnenuntergang noch auf einen Hügel (nach mehr sieht es bei der Umgebung wirklich nicht aus) und wartet, dass sich Everest und Nuptse rot färben. Am wieder mal wolkenlosen Himmel haben sie das auch getan. Ich hatte Fotos gesehen und hatte hohe Erwartungen (ohoh) – und sie wurden noch übertroffen. Und auf dem Weg runter war der Mond noch nicht aufgegangen, weshalb sich die Milchstraße über uns eröffnet hat. Mit jedem Stehenbleiben und nach oben schauen hat sich die Sternanzahl verdoppelt. Melanie und ich (die Jungs haben es nicht gepackt) hatten keine Wörter mehr, es waren nur noch Laute… Langgezogene 🙂

TAG 12: ÜBER EVEREST BASE CAMP, 5380 M, NACH DZONGHLA, 4850 M

Der Tag brachte zwei Entdeckungen: keine Erwartungen können übertroffen werden (ich fand Base Camp gut, obwohl wirklich nur Geröll und Eis und keine Zelte) und Porter und Guides freuen sich unglaublich, wenn man Yak cheese ruft, wenn man ein Foto von sich machen lässt.

Ebenfalls ganz wunderbar: eine Kopfschmerzenfreie Nacht und ich kann sogar (wieder) im Gehen trinken (na gut, nur solange es eben ist) und bin auch wieder schneller.

Habe mich zwar von Jay und Melanie verabschieden müssen (sie nehmen doch den direkten Weg runter), dafür habe ich Jan, der wegen Grippeähnlichem Zustand nicht mit in Gorak Shep war, in Dzonghla wieder gefunden und es besteht die Chance, dass er morgen fit genug für den Pass ist.

Alles in allem: ein mir-scheint-die-Sonne-aus-dem-Arsch-Tag. Wieder.

TAG 13: ÜBER DEN CHO LA PASS, 5420 M, NACH THANGNAK, 4700 M

Ich musste Jan nur anschauen, um zu wissen, dass er nicht mit über den Pass kommt/kann. Er wird absteigen und ich fühle mit ihm. Es macht ihn fertig, er zieht seine Pläne normalerweise durch – da sind wir uns durchaus ähnlich. Also, alleine hurtig hurtig den Berg hoch und zack – da ist der Gletscher! Hatte mir zwischenzeitlich noch Spikes besorgt und war auf der spiegelglatten Eisfläche seeehr froh drum! Hab tatsächlich ein Kompliment von den Australierinnen bekommen, wie schön ich mich auf dem Gletscher bewege. Ha! Jimmy aus deren Gruppe wiederum hat es trotz Spikes geschafft gleich hinzufallen und erst mal 100m wegzurutschen (war glücklicherweise nicht steil). Das hat den Guide in Panik versetzt und den Rest der Gruppe in Schockstarre bzw Hühnerstangenverhalten verfallen lassen. Es war ein bisschen lustig. Sie haben es alle heil vom Eis geschafft. Oben am Pass der erste Blick ins neue Tal! Nett. Scheiße, ich hab schon zuviel gesehen…

Abstieg in den nächsten Ort, Plätzchen in der Sonne und endlich mal die Hintergrundsachen im Reiseführer lesen. Die Blöcke Geschichte, Politik und Wirtschaft waren leider sehr ernüchternd.

TAG 14: NACH GOKYO, 4750 M, SONNENUNTERGANG AUF GOKYO RI, 5340 M

Ich hab Socken gewaschen. In einer Waschschüssel. Der glücklich machende Nebeneffekt: meine Fingernägel sind wieder sauber!

Heute morgen konnte man nicht von guter Laune reden. Kalt, ungemütlich, stinkende Klamotten, komischer Ort, Füße in Wanderstiefelform, keine Möglichkeit Hände zu waschen… Ich wollte nicht mehr.

Direkt an der geröllüberzogenen Gletscherzunge habe ich „a lady a little old“ (wie ein Guide vor ein paar Tagen über eine andere charmant meinte) getroffen. Aus der französischen Schweiz, 63 Jahre alt, zum sechsten Mal in Nepal – das erste Mal vor 40 Jahren, das letzte Mal vor 24 in Gokyo, im Frühling. Ich musste zusehen, dass ich hinterher komme. Haben den Trail natürlich verloren und sind ein paar wilde Hänge hoch und runter. Sie hatte viel Spaß. Ich auch. Und war danach wieder geerdet. Der Apple Pie hat aber auch geholfen. Und das Setting des Orts hier am See. Ein Traum. Clarisse sagte, dass es bei ihrem letzten Besuch eine Hütte gab und sie im Schnee gezeltet haben. Jetzt gibt es drei Bakerys und ca 10 Lodges.

Nepal-Seitenbemerkung: Das Leben hier ist eine Geduldsprobe für mich, die ich Ess-,Trink-, und Schmatzgeräusche bekanntlicherweise nicht ertrage. Genau das zelebrieren die hier aber. Nachdem die Touri-Meute gefütterrt wurde, essen die Porter, Guides und Gastleute. Eine laute Angelegenheit. Und beeindruckende Mengen werden verdrückt – so ein Porter leistet aber auch etwas mehr… Und aus welchen Tiefen die Schleim hochziehen können (und die Dezibelanzahl) ist beeindruckend, aber doch hauptsächlich furchtbar. Nun ist seit zwei Nächten auch Jim, ein älterer Ami in der jeweils gleichen Lodge wie ich (leider). Er atmet sehr laut, ist nämlich krank. Und entsorgt seinen Schleim ohne weitere Hülle in den Papierkorb. Das finden die Nepalis wiederum ganz schön eklig. Lustig.